Männer sehen Frauen als «Prozessrisiko»

#MeToo an der Wallstreet: Die Angst vor Klagen wegen sexueller Belästigung sitzt so tief, dass Frauen nun diskriminiert werden.

Eine Umfrage zeigt, dass 28 Prozent der Frauen in der Finanzbranche sexuelle Belästigungen und Diskriminierung erlebt haben, fast doppelt so viele wie Männer (16 Prozent).

Eine Umfrage zeigt, dass 28 Prozent der Frauen in der Finanzbranche sexuelle Belästigungen und Diskriminierung erlebt haben, fast doppelt so viele wie Männer (16 Prozent).

Walter Niederberger@WaltNiederberg

Frauen könnten vom Pence-Effekt sprechen, dem Beispiel des US-Vizepräsidenten folgend, wonach er mit keiner Frau allein auswärts esse, ausser es sei die eigene. Allerdings geht die #MeToo-Bewegung in der US-amerikanischen Bankenbranche viel tiefer als die Sorgen eines Mike Pence. Auch wenn die Wallstreet keinen Riesenskandal wie Hollywood mit ihrem Starproduzenten Harvey Weinstein erlebt hat, so tun sich die Banken doch sehr schwer, ihre Unternehmenskultur zu ändern.

Die Angst vor Klagen wegen sexueller Belästigung sitzt teilweise so tief, dass Frauen als Prozessrisiko gesehen und diskriminiert werden. «Wir erleben einen deutlichen Rückschlag. Frauen suchen verzweifelt nach Lösungen, weil ihre Karrierechancen spürbar beeinträchtigt werden», sagt Karen Elinski, Präsidentin der Financial Women’s Association und Vizepräsidentin der Bank Wells Fargo.

Die Gegenreaktion auf die #MeToo-Bewegung habe etwas paranoide Züge angenommen, sagt David Bahnsen, Ex-Banker von Morgan Stanley und nun selbstständiger Vermögensberater. «Männer erscheint es, als ob sie auf Eierschalen gehen müssten.» Viele von ihnen fürchteten, im Umgang mit Frauen etwas falsch zu machen und in einen Prozess verwickelt zu werden, sagt der für Banken tätige Arbeitsanwalt Stephan Zweig. Doch damit tappten sie erst recht in eine Falle. «Wenn Männer nicht mehr mit Frauen zusammen reisen oder aufhören, ihre Mentoren zu sein, weil sie eine Klage wegen sexueller Belästigung fürchten, so laufen sie voll in eine Klage wegen sexueller Diskriminierung hinein.» Dabei wäre das angemessene Verhalten leicht, sagt Ron Biscardi, Chef der Context Capital Partners. «Sei einfach kein Arschloch.»

Topbanken in Männerhand

Doch die Machokultur der «Gier ist gut»-Ära vor 30 Jahren ist nicht ganz verschwunden. Offene und krasse sexuelle Attacken seien zwar selten geworden, sagt Sallie Krawcheck. Sie war als Chefin der Vermögensverwaltung der Citigroup eine der erfolgreichsten Bankerinnen, bevor sie wegen Meinungsdifferenzen über die Entschädigung von geprellten Kunden gehen musste. «Die Wallstreet ist an der Meritokratie der früheren Jahre hängen geblieben. Doch wer glaubt heute im Ernst noch, dass die besten Leute in unserer Branche weisse Männer sind?»

In der Finanzbranche wurden im letzten Jahrzehnt keine Fortschritte erzielt. Alle Topbanken werden von Männern geführt. Frauen besetzen in den Investmenthäusern knapp 17 Prozent der Kaderstellen, in den Hedgefonds sind es gar nur 11 Prozent.

Und noch immer berichten weit mehr Frauen von einem sexistischen Umfeld, das ihre Karrierechancen behindere. Eine Umfrage von Linkedin und CNBC zeigt zum Beispiel, dass 28 Prozent der Frauen in der Finanzbranche sexuelle Belästigungen und Diskriminierung erlebt haben, fast doppelt so viele wie Männer (16 Prozent).

«Männer können leichter gefeuert werden»

Die übertriebene Vorsicht von Männern hat derweil teils skurrile Formen erreicht. Einzelne weigern sich, mit Frauen ins gleiche Flugzeug zu steigen oder ein Hotelzimmer auf der gleichen Etage zu buchen. Sie lehnen Gespräche ab, wenn nicht eine Drittperson anwesend ist, und der Raum muss in jedem Fall von aussen einsehbar sein. Ein Privatbanker folgt dem Ratschlag seiner Frau und vereinbart keine Geschäftsessen mehr mit Frauen unter 35 Jahren. Sie sind offensichtlich eine zu grosse Versuchung.

Und genau das schaffe neue Probleme, erklärte die Unternehmensberaterin Melanie Katzman. «Wenn ein Mann nicht hinter verschlossenen Türen sprechen will, so schliesst er eine Frau zwangsläufig von wichtigen Informationen aus. Doch Macht im Unternehmen hat nur, wer Zugang und Informationen hat.» Die #MeToo-Bewegung könnte somit ungewollt die sexuelle ­Diskriminierung auf subtile ­Weise in eine neue Richtung steuern, meint Maureen Sherry, vor 20 Jahren die jüngste Direktorin der Investmentbank Bear Stearns. Zwar hätten es Frauen schon vor der #MeToo-Bewegung schwerer gehabt, eingestellt zu werden. Heute werde dafür einfach ein neuer Vorwand gebraucht: «Immer wieder höre ich jetzt, dass Männer weniger Dramas schaffen und leichter gefeuert werden können.»

Viele Hürden für Frauen

Ganz unschuldig an der Gegenreaktion sei die Bewegung nicht, schreibt Katherine Tarbox, die ihre Erfahrung als Opfer se­xuellen Missbrauchs in einem Bestseller dargestellt hat. «Obwohl die Furcht vor irrationalen Frauen übertrieben ist, so wurden entscheidende Unterschiede zwischen einer Vergewaltigung, dem Grapschen und einem verklemmten Annäherungsversuch zu stark verwischt. Männer, die ein anzügliches E-Mail verschicken, werden in den sozialen Medien gleich schlecht behandelt wie Kriminelle, wie Vergewaltiger.»

Diese Entwicklung sei vor allem für die Finanzindustrie beunruhigend, führt Tarbox aus, die eine Karriere an der Wallstreet anstrebt. «Meine Sorge ist, dass Frauen stillschweigend auf die Seite geschoben werden und ihr Weg in die Chefetage genauso hürdenreich ist wie für meine Mutter vor 40 Jahren.»

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