Wie sicher sind Versicherungsjobs?

Hintergrund

Die Zurich will Stellen abbauen. Das weckt Ängste: Wenn Versicherungen unter Kostendruck sind, leidet auch der Arbeitsmarkt. Dieser ist stabil, aber wenig dynamisch, wie eine Detailauswertung zeigt.

Relativierter Optimismus: Hauptsitz der Zurich Insurance Group.

Relativierter Optimismus: Hauptsitz der Zurich Insurance Group.

(Bild: Keystone)

Simon Schmid@schmid_simon

In der gebeutelten Finanzbranche galten Versicherungen lange als Ruhepol. Wer den Bankjob verlor, durfte sich Hoffnungen machen, in der Assekuranz unterzukommen. Tatsächlich läuft der Jobmarkt im Versicherungsbereich gut: Zahlen des Versicherungsverbands zufolge sind derzeit 1270 Stellen offen, rund hundert mehr als im Februar vor einem Jahr. Doch es gibt Stimmen, die vor einer Verschärfung warnen.

Eine von ihnen ist Karin Oberlin, sie ist bei KV Schweiz verantwortlich für die Sozialpartnerschaft mit Versicherungen. «Im Versicherungsgeschäft beginnt jetzt der Wandel, den Banken seit mehreren Jahren durchmachen», sagt sie, «der Kostendruck steigt.» Auch im Versicherungsgewerbe werde zunehmend rationalisiert, Stellen würden ausgelagert, die Automatisierung von Prozessen über die Informatik werde forciert. Der angekündigte Abbau von 800 Stellen bei der Zurich wäre damit der Vorbote einer ungünstigen Entwicklung.

Quereinsteiger weniger gefragt

Beobachter bestätigen, dass der Optimismus der letzten Jahre relativiert werden muss. «Die Versicherungen waren bis anhin in einer komfortableren Lage als die Banken», sagt David Jenni, ein auf Versicherungsmathematiker spezialisierter Personalvermittler in Zürich. «Wegen der schwierigen Anlagesituation ist ein zunehmender Kostendruck spürbar.» Es ist das Geschäft mit Lebensversicherungen, dass Unternehmen wie der Zurich Kopfzerbrechen bereitet. Die tiefen Zinsen bewirken, dass die Versicherungen mit dem angelegten Kundengeld weniger Rendite erwirtschaften können.

«Zwischenzeitlich war die Nachfrage nach spezifischen Fachkräften sehr hoch», sagt Jenni, «dafür waren auch regulatorische Änderungen verantwortlich.» Jetzt gehe der Bedarf an Aktuaren tendenziell zurück. Qualifizierte Fachkräfte müssten sich deswegen keine Sorgen machen, sagt Jenni, aber für Arbeitnehmer ohne Berufserfahrung in der Versicherungsbranche – insbesondere auch für Quereinsteiger aus dem Banking – sei es schwieriger geworden. «Der Markt ist kompetitiver geworden.»

Gesättigte Märkte

Versicherer wie Helvetia vermochten im abgelaufenen Jahr zu überzeugen. Die Gesellschaft steigerte ihren Gewinn um fast 10 Prozent. In seinem Branchenausblick bleibt Analyst Georg Marti von der Zürcher Kantonalbank allerdings verhalten. «In den gesättigten Märkten ist es für die Versicherer schwierig, überdurchschnittliches Wachstum erzielen zu können», sagt er. In der westlichen Welt seien die Marktanteile weitgehend verteilt, Wachstumsmöglichkeiten würden von internationalen Versicherungskonzernen vornehmlich in Schwellenländern gesucht.

Das Wachstum in den aufstrebenden Ländern kommt dem hiesigen Stellenmarkt nicht zwingend zugute, wie das Beispiel der Zurich zeigt. Dort sollen zahlreiche Jobs in Zürich wegfallen, auf der Managementebene zwischen Konzernleitung und Ländergesellschaft. Am Hauptsitz der Firma am Mythenquai arbeiten viele Expats, aber auch Schweizer Arbeitnehmer.

Branchenkenner Georg Marti will die Entwicklung aber nicht dramatisieren. «Die Steigerung der Kosteneffizienz ist für die Versicherer schon lange ein Thema», sagt der ZKB-Analyst. «Was die Banken betreffend der Anpassung der Geschäftsmodelle nach der Finanzkrise von 2008 machen, haben die Versicherer schon vor Jahren in Angriff genommen.» Die Versicherungsindustrie arbeite schon länger daran, trotz tiefer Zinsen profitabel zu sein. In der Lebensversicherung würde etwa das Angebot angepasst, statt Produkten mit Renditegarantien würden schwergewichtig kommissionsbasierte Produkte vertrieben.

Junge gehen zu den Banken

Interessant ist der Blick hinter die Gesamtzahlen auf dem Arbeitsmarkt. Chris Nokes, Partner der Firma Fenom, die das Portal Job Directory betreibt, hat sie für baz.ch/Newsnet ausgewertet. Hier zeigt sich, dass Banken seit zwei Jahren vermehrt Stellen im Projektmanagement und in der Produktentwicklung ausschreiben – also in businessorientierten Funktionen, wo es ums Umgestalten des Geschäfts bzw. um die Neupositionierung der Branche geht. Der Stellenmarkt bei Versicherungen stagniert in diesem Bereich. Sollten im Versicherungsgeschäft Umwälzungen bevorstehen, so widerspiegelt sich dies noch nicht in den Zahlen.

Laut Nokes' Auswertungen vermögen Banken ihre Stellen schneller zu besetzen, was auf eine hohe Attraktivität hindeutet. «Das Spektrum an interessanten Tätigkeiten ist bei Banken grösser», sagt er. Andererseits dürfte der Druck auf dem Arbeitsmarkt im Bankenbereich nach wie vor grösser sein als bei Versicherungen. Darauf deutet auch das Segment der Führungskräfte hin: Mit 120 ausgeschriebenen Jobs hat die Assekuranz derzeit sogar mehr Bedarf als die Banken mit 98 ausgeschriebenen Stellen. Dort werden dagegen Einsteiger wie Hochschulabsolventen stärker gesucht. 275 solcher Stellen bieten Banken derzeit an, gegenüber 67 Stellen bei den Versicherungen.

baz.ch/Newsnet

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