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Verkauf die Gerüchte, kauf die News

Inflations- und Zinsängste haben die Börsenkrise ausgelöst. Gestern publizierte Daten hatten das Potenzial, neue Unruhen hervorzurufen.

Die Sorge vor der steigenden Inflation treibt die Aktienkurse, unmittelbar zu spüren bekommen sie aber die Konsumenten.
Die Sorge vor der steigenden Inflation treibt die Aktienkurse, unmittelbar zu spüren bekommen sie aber die Konsumenten.
Keystone

Die Angst vor Inflation war der Auslöser für den Kurzsturz an den Weltbörsen in der vergangenen Woche. Doch nicht neue Inflationsdaten selbst waren damals die Ursache. Denn diese wurden für die USA erst am Mittwoch veröffentlicht. Und sie stehen vor allem im Fokus. Damals haben Zahlen zu erstmals seit langem wieder steigenden Löhnen auf dem US-Arbeitsmarkt ausgereicht, um die Inflationsängste zu schüren.

Was an den Börsen allerdings mehr Sorge bereitet als die Inflation selbst, ist die Reaktion der Notenbanken darauf. Weil diese den Auftrag haben, die Teuerung stabil zu halten, müssten sie die Zinsen stärker als bisher erwartet anheben. Höhere Zinsen wiederum verteuern Investitionen, senken den Barwert künftiger Unternehmensgewinne und verringern die sogenannte Risikoprämie, die Aktionäre im Vergleich zu sicheren Anlagen wie Staatsanleihen erhalten. Deshalb sind steigende Zinsen Gift für die Börsen.

Die am Mittwoch vom US-Arbeitsministerium veröffentlichten Daten bestätigen das erwartete Bild: Der Konsumentenpreisindex der USA (CPI) ist im Januar innert Jahresfrist um 2,1 Prozent angestiegen und im Vergleich zum Vormonat um 0,5 Prozent. Die Jahresinflation ist damit zwar die gleiche geblieben wie schon im Dezember, doch erwartet wurde eine leicht geringere Steigerung um 1,9 Prozent. Ökonomen und Notenbanker haben allerdings meist nicht die Gesamtinflation, sondern die um stark schwankende Energie- und Lebensmittelpreise bereinigte Kerninflation im Fokus. Und diese hat im Vergleich zum Vormonat mit 0,349 Prozent den höchsten Anstieg seit dem Jahr 2005 verzeichnet.

Nur die Zinsen reagierten erwartungsgemäss...

Die Reaktion auf diese Inflationszahlen an den Zinsmärkten liess nicht lange auf sich warten. Die Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihe – ein gängiger Massstab für das langfristige Zinsniveau – stieg auf mehr als 2,9 Prozent und erreichte damit den höchsten Wert seit Ende 2014. Die zwei Jahre laufende Staatsanleihe erreichte mit einem Wert von rund 2,2 Prozent sogar ein seit dem Höhepunkt der Finanzkrise im September 2008 nicht mehr erreichtes Hoch.

Der Anstieg des Zinses vor allem über die Laufzeit der nächsten zwei Jahre widerspiegelt die höhere Wahrscheinlichkeit, dass die US-Notenbank (Fed) im laufenden Jahr nicht dreimal – wie bisher erwartet –, sondern sogar viermal in Schritten von je 0,25 Prozent den Leitzins weiter anheben wird. Aktuell legt das Fed für diesen ein Zielband zwischen 1,25 und 1,5 Prozent fest. Der nächste Zinsschritt wird bereits im nächsten Monat erwartet.

Wenig Reaktion haben die Inflationszahlen und der Zinsanstieg diesmal bisher an der Börse ausgelöst. Mit Ausnahme von jenem in Japan haben alle grossen Aktienmärkte am Mittwoch einen Zuwachs verzeichnet. Die europäischen Börsen befinden sich heute Donnerstag bis zum Mittag ebenfalls alle weiter im Aufwind. Das gilt auch für den Schweizer Leitindex SMI. Die Börsenreaktion entspricht damit der umgekehrten Börsenweisheit «Buy the Rumor and sell the Facts» (Kaufe bei Gerüchten und verkaufe, wenn die Facts vorliegen). Die Umkehrung macht Sinn, da die Gerüchte und die News nichts Gutes für die Börsenkurse bedeuten.

Eine nüchterne Erklärung für das Verhalten der Börsen ist, dass die höheren Inflationsdaten durch die Reaktion in der letzten Woche schon etwas vorweggenommen wurde, eine andere, dass noch nicht durchsichtig genug ist, inwiefern sie wirklich eine Trendwende in Richtung einer höheren Teuerung in Zukunft anzeigt und nicht auf Einmaleffekte zurückgeht.

Auch die Fieberkurve ist gesunken

Dass die Unsicherheit an den Aktienbörsen generell wieder zurückgegangen ist, zeigen auch die impliziten Volatilitäten gemessen am Index VIX für den US-Aktienmarkt und VSMI für jenen der Schweiz. Diese auch als Fieberthermometer der Börsen bezeichneten Daten, die die erwarteten Marktschwankungen wiedergeben, befinden sich nach extremen Ausschlägen nach oben wieder in der Nähe ihres langfristigen Durchschnittswerts – nachdem sie allerdings über lange Zeit deutlich darunter lagen.

Dieses Gesamtbild bedeutet einerseits, dass man an den Märkten realisiert hat, dass die Zeit der extremen Ruhe vorbei ist. Dass die Inflation und die Zinsen tendenziell wieder ansteigen und die Notenbanken ihre aussergewöhnlichen Geldspritzen langsam aufgeben und aufhören, die Börsenkurse indirekt zu unterstützen. Andererseits zeigen die Daten noch keinen gefährlichen Anstieg weder der Inflation noch der Zinsen an. Beide sind im historischen Langfristvergleich noch immer gering.

Für Europa und die Schweiz gilt das noch mehr als für die USA. Hierzulande ist die Inflation im Januar im Vergleich zum Vormonat sogar um 0,1 Prozent gesunken, verglichen zum Vorjahr hat sie nur um 0,7 Prozent zugenommen, womit sie noch weit entfernt vom Zielwert der Schweizerischen Nationalbank von 2 Prozent liegt. Den gleichen Zielwert hat auch die Europäische Zentralbank. Und auch im Euroraum liegt die für den Januar durch das Statistikamt Eurostat geschätzte Jahresinflation mit 1,3 Prozent unter diesem Zielwert. Von der EZB erwartet ohnehin kaum jemand einen Zinsanstieg noch in diesem Jahr. Leitzinsen wieder im positiven Bereich sind auch von der Schweizerischen Nationalbank nicht vor dem Jahr 2020 zu erwarten.

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