«Überrascht waren wir von den französischen Zahlen»

Die europäische Wirtschaft wächst weniger stark. KOF-Experte Stefan Neuwirth nennt die Gründe und sagt, in welchen Ländern es noch schwieriger werden könnte.

«Das sorgt für Unsicherheit»: Bei einem Protest gegen die Arbeitsmarktreform in Paris kommt es zu Gewalt. (26. Mai 2016)

«Das sorgt für Unsicherheit»: Bei einem Protest gegen die Arbeitsmarktreform in Paris kommt es zu Gewalt. (26. Mai 2016)

(Bild: Keystone)

Franziska Kohler@tagesanzeiger

Das Wirtschaftswachstum in der Eurozone hat sich im letzten Quartal halbiert. Wo harzt es? Dass es einen Rückgang des BIP geben würde, hatten wir erwartet. Denn die Resultate des ersten Quartals waren durch Sondereffekte nach oben verzerrt. Der milde Winter beflügelte in Deutschland zum Beispiel die Bauwirtschaft, die Fussball-EM in Frankreich hat dort den Konsum angekurbelt. Überrascht waren wir, dass die französischen Zahlen trotzdem so niedrig ausgefallen sind.

Warum? Die französische Wirtschaft hat sich bis jetzt recht stabil präsentiert. Die Bauwirtschaft war nach der Krise wieder angelaufen, die Investitionstätigkeit war gut, die Haushalte haben stabil konsumiert. Trotzdem stagnierte das französische BIP im letzten Quartal. Ein Grund dafür sind wohl die Streiks der letzten Monate wegen der geplanten Reform des Arbeitsrechts. Das sorgt offenbar für Unsicherheit. Auch die Produktion ist dadurch etwas zurückgegangen.

Nicht nur die französische, auch die italienische Wirtschaft stagniert. War damit zu rechnen? Um das genau analysieren zu können, müssen wir noch die detaillierten Zahlen aus Italien abwarten. Ich gehe davon aus, dass die inländische Nachfrage schwach war. Gründe dafür könnten die schwelende Bankenkrise und die Volksabstimmung im November sein: Die Italiener werden dann über die Verfassungsreform von Premier Matteo Renzi entscheiden. Dies drückt auf die Konsumentenstimmung und sorgt für Unsicherheit, was die Investitionstätigkeit hemmt.

Wird die Lage in Italien also noch längere Zeit schwierig bleiben? Es könnte gut sein, dass auch das nächste Quartal schwächere Zahlen mit sich bringt, wenn die Bankenkrise sich weiter fortsetzt. Zum jetzigen Zeitpunkt eine Prognose zu machen, ist aber schwierig.

Dafür läuft es der deutschen Wirtschaft gut. Sie wuchs mit 0,4 Prozent stärker als der Euroraum. Wie lange wird es noch so weitergehen? In Deutschland ist die Lage tatsächlich stabil. Die Beschäftigung ist rekordhoch, die Arbeitslosigkeit so niedrig wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr. Es ist vor allem die Binnenwirtschaft, also der Konsum, der die Wirtschaft stützt, ausserdem wird viel investiert. Dass sich daran in naher Zukunft etwas ändern wird, halte ich für eher unwahrscheinlich.

Die spanische Wirtschaft wuchs gegenüber dem Vorquartal um 0,7 Prozent, gegenüber dem Vorjahresquartal sind es sogar 3,2 Prozent. Was lässt sich daraus ableiten? Die Spanier schaffen es, trotz einer unklaren Regierungssituation seit den Wahlen im letzten Dezember kräftig zu expandieren. Ein Faktor dabei dürfte der heimische Tourismus sein, der von der unsicheren Situation in vormals beliebten Feriendestinationen wie der Türkei und Ägypten profitiert.

Wann wird der Brexit voll auf die europäische Wirtschaft durchschlagen? Und welchen Einfluss wird er haben? So wie es jetzt aussieht, könnte das noch einige Zeit dauern. Die neue Regierung wird den Austrittsartikel 50 frühestens Anfang nächsten Jahres aktivieren, dann folgen zweijährige Verhandlungen. Natürlich wird der Brexit die Eurozone noch lange beschäftigen und die Unsicherheit erhöhen. Aber die Hauptlast dürften die Briten selber tragen. Das zeigt sich bereits am Stimmungsindikator ESI, der den Optimismus in der Eurozone misst. Für den gesamten Euroraum hat er sich seit dem Brexit-Votum kaum verändert. Für Grossbritannien ist er von 107 auf 102,6 gesunken – ein starker Einbruch.

baz.ch/Newsnet

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