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«Sie nutzten die Armen und Uninformierten aus»

Die soziale Ungerechtigkeit hat laut Joseph Stiglitz in den letzten Jahren in Amerika drastisch zugenommen. Der US-Nobelpreisträger erklärt, warum die Finanzelite massgeblich dafür verantwortlich ist.

«Wenn die Demokraten sagen, sie unterstützen die Mittelschicht, dann geht es in Wahrheit um Ungleichheit»: Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Joseph Stiglitz.
«Wenn die Demokraten sagen, sie unterstützen die Mittelschicht, dann geht es in Wahrheit um Ungleichheit»: Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Joseph Stiglitz.
Reuters

Diesen Monat wird das neue Buch des amerikanischen Wirtschaftsnobelpreisträgers Joseph Stiglitz auf Deutsch erscheinen. Der 69-Jährige beschreibt darin, warum die Kluft zwischen Reich und Arm uns alle etwas angehe. Im Interview mit dem «Spiegel» (Artikel online nicht verfügbar) erklärt er, warum es so schwer ist, diese soziale Diskrepanz überhaupt zu erkennen: «Wachsende Ungerechtigkeit lässt sich nicht so leicht beobachten, (…) Veränderung wird erst über einen gewissen Zeitraum hin sichtbar», sagt er.

Die ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen habe aber in den letzten Jahren in Amerika drastisch zugenommen. Als Beispiel nennt er das Vermögen von fast 70 Milliarden Dollar der sechs Wal-Mart-Erben: Dieses entspreche dem Vermögen der gesamten unteren 30 Prozent der US-Gesellschaft. Die viel gelobte Chancengleichheit in Amerika und die Möglichkeit einer Tellerwäscherkarriere hält Stiglitz für ein Märchen: «Die Chancen eines jungen US-Bürgers hängen stärker vom Einkommen und von der Ausbildung seiner Eltern ab als in jedem anderen Industrieland», ist er überzeugt. Die typische US-Familie habe in den letzten 20 Jahren ihren Wohlstand nicht vergrössern können, analysiert er. «Auf der anderen Seite bekommt das oberste Prozent der Bevölkerung in einer Woche 40 Prozent mehr, als das untere Fünftel im gesamten Jahr verdient», veranschaulicht er die Ungleichheit.

«Die Finanzelite kauft die Regeln»

Dass die Einkommensdifferenzen bisher im US-Wahlkampf kaum konkret angesprochen wurde, erklärt er sich folgendermassen: Man könne keine wissenschaftliche Debatte über das statistische Mass der Ungleichheit erwarten, «aber wenn die Demokraten sagen, sie unterstützen die Mittelschicht, dann geht es in Wahrheit um Ungleichheit. Und damit unterstreichen sie den Kontrast zum republikanischen Kandidaten Mitt Romney, der typisch für das oberste Prozent der Bevölkerung ist», sagt der Wirtschaftswissenschaftler gegenüber dem «Spiegel». Für ihn widerspiegelt Mitt Romneys Verunglimpfung der 47 Prozent der Amerikaner, die keine Einkommenssteuer bezahlen, wie sehr die Reichen den Kontakt zum Rest des Landes verloren haben.

Er stört sich daran, dass im Finanzsektor viele durch ökonomische Manipulation, Täuschung und wettbewerbswidrige Handlungen zu Reichtum kamen. «Sie nutzten die Armen und Uninformierten aus und machten viel Geld damit, dass sie diese Gruppe mit rücksichtslosen Kreditgeschäften ausbeuteten», sagt er und ergänzt: «Sie verkauften ihnen teure Hypotheken und versteckten die Gebührendetails im Kleingedruckten.» Dass die Regierung dagegen nichts unternommen hat, wundert ihn indes nicht: Die Finanzelite unterstütze den Wahlkampf mit gewaltigen Beiträgen. «Sie kauft die Regeln, die es ihr erlauben, das Geld zu verdienen», sagt er und schlussfolgert: «Ein Grossteil der Ungleichheit, die heute existiert, ist das Ergebnis von Regierungspolitik.»

Superreiche sollen ihren Anteil bezahlen

Als Beispiel nennt er die Aussage von George W. Bush, der 2008 behauptete, Amerika hätte nicht genug Geld, um die Kinder der Armen zu versichern. Es sei um wenige Milliarden Dollar pro Jahr gegangen, erzählt Stiglitz. «Aber plötzlich waren 150 Milliarden Dollar da, um die Versicherungsgesellschaft AIG zu retten», empört er sich. Dies zeige, dass im politischen System etwas schieflaufe.

Stiglitz hält einen Lösungsansatz bereit, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln: «Die USA können sich Geld zu Zinsen nahe null Prozent leihen; wir wären töricht, wenn wir nicht mehr investierten und Jobs schafften», sagt er. Als Beispiel nennt er die Minenfirmen, die heute weniger bezahlen, als man für die Abbaurechte effektiv verlangen könnte. Zudem könnte dafür gesorgt werden, dass die Superreichen ihren gerechten Anteil zahlen, meint Stiglitz. Geld von oben nach unten zu transferieren, sei aber nur eine Möglichkeit. «Wichtiger ist es, die Wirtschaft so zum Wachsen zu bringen, dass alle davon profitieren, jene ganz oben und jene ganz unten. Und die Umverteilung von Normalbürgern zu Spitzenverdienern zu beenden», erklärt er.

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