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Merkel muss nun ihren Kurs ändern

In Europa zeichnet sich eine neue Welle der Finanzseuche ab. Die deutsche Sparpolitik aber hat versagt. Schon fliehen junge Wissenschaftler und Fachkräfte nach Südamerika – oder sogar nach Afrika.

Beim Sparkurs endet die Harmonie: Italiens Regierungschef Mario Monti und Bundeskanzlerin Angela Merkel letzte Woche in Berlin.
Beim Sparkurs endet die Harmonie: Italiens Regierungschef Mario Monti und Bundeskanzlerin Angela Merkel letzte Woche in Berlin.
Reuters

In Europa beginnt sich die gefährliche Spirale wieder zu drehen: Die Bonität der einzelnen Länder wird herabgesetzt, und die Schuldzinsen steigen. Dem steht keine Verbesserung der wirtschaftlichen Zustände gegenüber. Im Gegenteil: Eine Rezession ist wahrscheinlich bereits schon Tatsache, und ein chaotischer Staatsbankrott von Griechenland wird immer wahrscheinlicher. Die deutsche Austeritätspolitik entwickelt sich zu einem Fiasko.

Mario Monti ist ein respektierter Mann, dem man zutraut, über dem üblichen Parteienzwist zu stehen. Als pragmatischer Technokrat hat er ganz im Sinne der deutschen Bundeskanzlerin Italien ein hartes Sparprogramm verpasst. Doch auch Monti stösst jetzt an Grenzen. Bei seinem Besuch in Berlin erklärte er deutlich: «Ich kann mit meiner Politik keinen Erfolg haben, wenn die EU ihre Politik nicht ändert.» Er machte damit klar, dass er für diesen Sparkurs nur ein begrenztes Zeitfenster hat.

In die Arme von Populisten flüchten

Wenn die Italiener nicht bald einen greifbaren Erfolg für ihre Sparbemühungen erkennen können, wird Montis Politik scheitern. Ein Backlash zeichnet sich ab. Monti warnt davor, dass die Italiener bald «in die Arme von Populisten fliehen» werden. Die gleiche Gefahr droht auch in Frankreich, wo gemäss jüngsten Umfragen bereits rund 40 Prozent der Bauern und Arbeiter erklärten, ihre Stimme in den anstehenden Präsidentschaftswahlen der nationalistischen Anti-EU-Partei von Marine Le Pen geben zu wollen.

Auch wirtschaftlich geht die Rechnung nicht auf. Die übertriebenen Sparbemühungen führen zu einer Fehlallokation von Ressourcen. «Es ist offensichtlich, dass eine irregeleitete Politik in Europa und Marktversagen dazu führen, dass die Mittel falsch eingesetzt werden», sagt der Ökonom und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz. «Es wird nicht mehr in die Ausbildung der Menschen und in die Verbesserung der Technik investiert, und damit verschlechtert sich die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den asiatischen Staaten weiter.»

Gut ausgebildete Südeuropäer wandern aus

In Südeuropa zeichnet sich als Folge davon bereits ein sogenannter Braindrain ab. Die Rollen werden vertauscht. Lange haben die Europäer davon profitiert, dass Wissenschaftler und Facharbeiter aus den Entwicklungsländern zugewandert sind. Jetzt suchen junge Spanier, Portugiesen Iren oder Slowenen ihr Glück in Südamerika. Hoch im Kurs ist dabei Brasilien. Gemäss «Wall Street Journal» braucht die boomende brasilianische Wirtschaft bis ins Jahr 2020 rund 1,1 Millionen zusätzliche Ingenieure und ist nicht in der Lage, diese selbst auszubilden. Diese Lücke füllen junge Südeuropäer. Selbst Afrika wird attraktiv: Viele Portugiesen wandern in die ehemalige Kolonie Angola aus. Dort sorgt neu gefundenes Öl für Wachstum und Jobs.

Europa steht hingegen vor einem langen und harten wirtschaftlichen Winter. Die führenden Zeitungen der Welt fordern Deutschland auf, jetzt den Kurs zu ändern. «Deutschland muss erkennen, dass seine bedrängten Nachbarn niemals in der Lage sein werden, ihre Schulden zurückzuzahlen», schrieb die «New York Times» in ihrem Leitkommentar übers Wochenende. «Europas Probleme sind ausser Kontrolle geraten, und niemand weiss mehr, welche Politik erfolgreich sein kann. Mit Sicherheit aber wird die einseitige Obsession mit der Sparpolitik die Krise nur verschlimmern.» Zum gleichen Schluss kommt heute die «Financial Times»: «Deutschland muss realisieren, dass Austerität und fiskalische Zurückhaltung in den defizitgeplagten Südländern ausbalanciert werden müssen mit Massnahmen der Nordländer, die das Wachstum fördern.»

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