«Lieber etwas mehr Inflation als einen Kollaps»

Interview

Wirtschaftsprofessor Thomas Straubhaar begrüsst die Abkehr der Europäischen Zentralbank von einer einseitigen Geldpolitik nach deutschem Vorbild. Die Massnahmen wären auch für die Schweiz gut.

«Wirkung auf die Schweiz»: Die Europäische Zentralbank in Frankfurt. (Archivbild)

«Wirkung auf die Schweiz»: Die Europäische Zentralbank in Frankfurt. (Archivbild)

(Bild: AFP)

Andreas Flütsch@tagesanzeiger

Welche Auswirkungen haben die von der Europäischen Zentralbank EZB gestern angekündigten Massnahmen auf die Schweiz? Grössere, als viele denken. Seit der Anbindung des Frankens an den Euro seit genau einem Jahr wird die Schweizer Geldpolitik nicht mehr in Bern, sondern in Frankfurt gemacht. Das heisst, alles, was in Frankfurt passiert, ist in hohem Masse relevant für die Schweiz. Was EZB-Präsident Mario Draghi gestern angekündigt hat, schlägt also viel direkter auf die Schweiz durch. Die Schweiz kann sich von der europäischen Geldpolitik nicht mehr abkoppeln, weil durch die fixe Anbindung des Frankens an den Euro eine starre Achse entstanden ist, die jede Bewegung direkt überträgt.

Was sind konkret die Folgen der EZB-Massnahmen für die Schweiz? Die angekündigten Massnahmen bringen kurzfristig eine gewisse Entspannung im Euroraum, was positiv für die Schweiz ist, auch für deren Exportwirtschaft.

Kann die Nationalbank den Kurs von 1.20 zum Euro halten? Es wäre vermessen, zu glauben, dass es darauf einfache Antworten gibt. Der Druck dürfte zunächst eher nachlassen. Die Massnahmen werden den Euro eher stärken, auf die Stabilisierung des Euroraums wirkt sich das kurzfristig positiv aus. Zudem hat Draghi klargemacht, dass der Euro irreversibel sei und dass dieser mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln verteidigt werden soll. Das dürfte an den Märkten das Vertrauen in den Euro zurückbringen.

Sie meinen, die demonstrierte Entschlossenheit entmutige Spekulationen auf einen Zusammenbruch des Euro – nach dem Vorbild der Schweizer Nationalbank, die stetig wiederholt, sie verteidige die Euro-Untergrenze um jeden Preis? Es kann gut sein, dass bereits die Ankündigung, unbegrenzt Staatsanleihen angeschlagener Länder wie Griechenland, Spanien oder Italien aufzukaufen, den Spekulationen gegen den Euro die Spitze bricht.

Was bringt der Rückkauf gefährdeter Anleihen realistisch betrachtet? Es ist ein Signal an die Märkte, dass Zinsen von über fünf Prozent etwa für spanische Staatsanleihen zu hoch sind. Eine Botschaft auch, dass die EZB gezielt so lange Staatsanleihen bestimmter Länder aufkauft, bis die Zinsen auf ein Niveau von vielleicht drei bis vier Prozent sinken. Und so angeschlagene Länder in Südeuropa wieder in die Lage kommen, sich angemessen zu refinanzieren, Schulden abzubauen, gleichzeitig aber auch wieder für Wachstum zu sorgen.

Ist es klug, den Rückkauf an die Bedingung zu knüpfen, dass die betroffenen Länder sich unter den EU-Rettungsschirm stellen? Ganz klar ja. Es braucht die Verknüpfung mit politischen Rahmenbedingungen, sonst hätten skeptische Länder wie Deutschland oder Finnland alles getan, um das Programm zu kippen.

Ist das riesige Rückkaufprogramm für marode Staatsanleihen nicht ein Rechtsbruch, wie etwa Jens Weidmann, Chef der Deutschen Bundesbank, kritisiert? Diese Kritik wäre in normalen Zeiten sicher berechtigt. Aber wir leben nicht in normalen, sondern in sehr turbulenten Zeiten. Europas Geldpolitik steht an einem Wendepunkt. Die alte EZB, die dreizehn Jahre lang nach dem Vorbild der Deutschen Bundesbank operiert hat, wird abgelöst von einer europäischen Zentralbank von angelsächsischem Typus. Die EZB schwenkt graduell von einer einseitig auf Preisstabilität und Inflationsbekämpfung ausgerichteten Geldpolitik auf ein eher angelsächsisches Modell ein, in dem auch andere makroökonomische Ziele wie Beschäftigung oder Wachstum wichtig sind.

Aber heizt die EZB mit der lockeren Geldpolitik nicht die Inflation an? In Europa überwiegen derzeit die Tendenzen zu Deflation, die Gefahr eines Inflationsschocks sehe ich derzeit weniger. In der Eurozone gilt es vorab, einen Absturz zu verhindern. Also lieber etwas mehr Inflation als einen Kollaps.

Inflation? Hören Schweizer ungern. Klar, zehn oder gar zwanzig Prozent Inflation, und das über mehrere Jahre, wären sicher eine Katastrophe. Sind es aber vier Prozent Inflation pro Jahr über einen langen Zeitraum, hält sich der Schaden in Grenzen. Mehr Inflation wird ein Teil der Lösung des Europroblems sein müssen. Meine Botschaft ist, dass etwas weniger geldpolitischer Dogmatismus in so schwierigen Umbruchzeiten die nötige Flexibilität bringt, um auch andere Faktoren der Geldpolitik wie Beschäftigung und Wachstum stärker zu gewichten.

Müssen wir nicht fürchten, dass eine hohe Inflation in die Schweiz schwappt? Die grosse Frage ist, ob es der EZB gelingt, die überschüssige Liquidität rechtzeitig wieder abzuschöpfen.

Reichen die Massnahmen der EZB, um die Eurokrise zu entschärfen? Sie bringen, wie gesagt, eine Phase der Entspannung, können die Strukturprobleme aber nicht lösen. Das müssen die einzelnen EU-Länder und Europas Institutionen tun, indem sie die angekündigten Massnahmen und Programme weiter umsetzen.

Aber ist der Leidensdruck wegen Draghis Massnahmen nicht gesunken? Die Eurokrise wird uns noch Jahre beschäftigen. Es ist einfach, die Schuld der Politik zuzuschieben. Politiker können nicht an der Bevölkerung vorbeiregieren, sie können nur Schritt für Schritt umsetzen, was die Bevölkerung an Lasten zu tragen gewillt ist – und auch tragen kann. Man muss sehen, wie viel der Bevölkerung in Südeuropa bereits an Einkommensverlusten, an höheren Steuern zugemutet wird.

Tages-Anzeiger

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