Je grösser die Emotionen, desto wichtiger wird die ökonomische Vernunft

Die Wissenschaft hat die Pflicht, darauf hinzuweisen, wie Utopien zu extremen politischen Programmen werden. Zum Beispiel in der Klimapolitik.

Extreme politische Programmen zwingen die Menschen ins wirtschaftliche Elend.

Extreme politische Programmen zwingen die Menschen ins wirtschaftliche Elend.

(Bild: Keystone)

Silvio Borner

Das neue Format meiner Kolumne möchte ich mit Gedanken zum politischen Spannungsfeld zwischen ökonomischer Effizienz und sozialer Gerechtigkeit einleiten. Etwa drei Jahre nach dem Zusammenbruch des Sozialismus diskutierte ich mit einem leider inzwischen verstorbenen Philosophen zu später Stunde bei einem Bier darüber. Seine Position lautete sinngemäss so: «Der Sozialismus ist nur (einmal mehr) auf der Umsetzungsebene zusammengebrochen. Auf der ethischen – wie sollen wir leben? Eben solidarisch und somit sozialistisch – wird er davon nicht tangiert.»

Schon damals rieb ich mir verwundert die Augen. Doch heute muss ich zur Kenntnis nehmen, dass er nicht wissenschaftlich, aber halt politisch richtig lag. Jean Ziegler hat sich kürzlich auch so geäussert. Nach der Sowjetunion, Kuba, Venezuela oder Nordkorea haben wir den ethisch richtigen Sozialismus einfach noch nie und nirgendwo ausprobiert. Aber das kommt schon noch, vielleicht unter grüner statt roter Flagge.

Effiziente Ressourcenallokation über Märkte ist nicht dasselbe wie die gerechte Verteilung der daraus re­sultierenden Einkommen.

Seit Adam Smith gehen marktwirtschaftliche Ökonomen von einer ergebnisorientierten oder, wie Weber sagte, Verantwortungsethik aus. Dies im Gegensatz zur «Gesinnungsethik», die sich auf Motive, Dogmen oder Glauben abstützt. Die Wissenschaft hat die Pflicht, darauf hinzuweisen und empirisch zu belegen, wie Utopien zu extremen politischen Programmen werden und die Menschen ins wirtschaftliche Elend und in die totalitäre Unterdrückung zwingen.

Effiziente Ressourcenallokation über Märkte ist nicht dasselbe wie die gerechte Verteilung der daraus re­sultierenden Einkommen. Aber was heisst «gerecht»? Das muss in einer Demokratie politisch entschieden werden; aber die Umverteilung sollte möglichst effizient erfolgen. Mein Dekan in Yale von 1970 bis 1972 –Arthur Okun – hat das bildlich so auf den Punkt gebracht. Angenommen, wir hätten uns demokratisch geeinigt, den Reichen eine bestimmte Menge Wasser abzuschöpfen und in einem «Eimer» zu den Armen zu trans­portieren. Wegen privater Anreiz­verzerrungen und bürokratischer Aufblähungen hat der Eimer not­wendigerweise Löcher. Würden wir eine beschlossene Wasserumver­teilung unabhängig davon sozial oder solidarisch einstufen und gutheissen, ob der Wasserverlust ein Prozent, zwanzig oder über fünfzig beträgt?

Marktkor­rekturen oder gar Systemänderungen dürfen nicht der Moralisierung oder dem Dogmatismus unterworfen werden.

Damit sind wir wieder zur ethischen Bedeutung der Funktionsebene zurückgekehrt. Die Verantwortungsethik verlangt nicht nur eine logische, sondern eben auch eine empirische Begründung der Überlegenheit der Marktwirtschaft gegenüber der Planwirtschaft. Aber auch die Markt­wirtschaft darf nicht zur Religion verkommen, sondern muss offen bleiben für nachweisbare Schwächen oder gar Versagen. Doch Marktkor­rekturen oder gar Systemänderungen dürfen nicht der Moralisierung oder dem Dogmatismus unterworfen werden.

Dem Ökonomen bleibt immer der Rettungsanker von Thomas Schelling: «Sage mir, was du willst, und ich suche dir die optimale Lösung.» Viele Gutmenschen haben zwar ein warmes Herz, aber keinen kühlen Kopf.

Für eine nachhaltige und finanzier­bare Klima- oder Energiepolitik braucht man beides. Je höher die Emotionen steigen und je verängstigter die Gläubigen werden, desto wichtiger wird die ökonomische Vernunft. Davon sind wir bei der CO2-Ver­meidung weiter weg als je zuvor.

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