Wenn sich Angestellte von Vertrag zu Vertrag hangeln

Von Bauarbeitern bis zu Uniangestellten: In welchen Branchen temporäre Arbeitsverträge besonders verbreitet sind.

«Baubranche setzt stark auf befristete Verträge»: Arbeiter auf einer Baustelle.

«Baubranche setzt stark auf befristete Verträge»: Arbeiter auf einer Baustelle.

(Bild: Keystone Gaetan Bally)

Franziska Kohler@tagesanzeiger

Sie gelten als Jobs für Junge, oder für verzweifelte Arbeitsuchende: solche mit befristeten Verträgen. In Deutschland ist gerade eine heftige Diskussion über diese Jobs im Gange. Denn laut neuen Zahlen der deutschen Bundesagentur für Arbeit stellen immer mehr Firmen neue Mitarbeiter nur befristet an. Letztes Jahr hätten 45 Prozent der neu eingestellten Deutschen einen zeitlich begrenzten Vertrag bekommen. 2015 waren es erst 41 Prozent gewesen.

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz kritisiert diese Entwicklung scharf. «Wenn inzwischen fast jede zweite Neueinstellung befristet ist, läuft etwas gehörig schief», sagte er zur «Süddeutschen Zeitung». Die Menschen brauchten Sicherheit und Verlässlichkeit. Deshalb wolle er die «willkürliche Befristung» verbieten.

Allerdings: Gesamthaft liegt die Zahl befristeter Verträge in Deutschland über die letzten Jahre hinweg konstant bei 8 bis 9 Prozent. Und bei den Neueinstellungen pendle der Anteil seit Jahren um den Wert von 45 Prozent, schreibt die «Frankfurter Allgemeine Zeitung». 2015 sei er recht deutlich gesunken, nun sei er offenbar wieder auf das frühere Niveau zurückgekehrt. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) wiederum verwies kürzlich in einer Studie darauf, dass sich atypische Jobs – zu denen auch befristete Stellen gehören – vor allem in den unteren Einkommensschichten verbreiten. Gutverdienende hingegen seien zunehmend regulär angestellt. Diese Entwicklung verstärke die Ungleichheit.

«An den Universitäten gang und gäbe»

Während Deutschland über die richtige Interpretation der neuen Daten streitet, stellt sich die Frage: Wie sieht die Situation eigentlich hierzulande aus? Im Jahr 2014 waren laut dem Bundesamt für Statistik (BFS) 7,4 Prozent der Angestellten befristet angestellt. Bei 2,4 Prozent betrug die Vertragsdauer sogar weniger als sechs Monate. Die Bildungsstufe scheine keine wesentliche Rolle zu spielen, genauso wenig wie das Geschlecht, schreibt das BFS. Allerdings seien Frauen mit einem Tertiärabschluss am häufigsten befristet angestellt, nämlich in 11,2 Prozent der Fälle.

Das BFS listet auch auf, in welchen Branchen befristete Verträge besonders verbreitet sind. Auf Platz 1 liegt der Bereich Erziehung und Unterricht: Jeder fünfte Angestellte ist hier nur zeitlich begrenzt angestellt. Dahinter folgen die Land- und Forstwirtschaft mit 14 Prozent und die Kunst und Unterhaltung mit 10 Prozent.

Michael Siegenthaler, Arbeitsmarktexperte an der Konjunkturforschungsstelle der ETH (KOF), ist von diesem Ergebnis nicht überrascht. «An den Universitäten und Fachhochschulen ist es gang und gäbe, dass ausser den Professoren und administrativen Arbeitskräften die meisten befristet angestellt sind.» In der Landwirtschaft fallen laut Siegenthaler vor allem die Saisonarbeiter ins Gewicht. Und in der Kunst und Kultur dürfte die viele projektbezogene Arbeit eine Rolle spielen.

Vor allem ausländische Angestellte betroffen

Das heisst: Es gibt hierzulande sowohl Hoch- als auch Geringqualifizierte, die sich von Vertrag zu Vertrag hangeln. Daraus lasse sich aber nicht schliessen, dass befristete Anstellungen kein Problem seien, sagt Siegenthaler. «Für Menschen, die langfristig planen oder eine Familie ernähren müssen, kann die ungeregelte Zukunft eine Belastung darstellen.»

Die Problematik nimmt zu, denn der Anteil der Beschäftigten mit befristetem Vertrag steigt. Im zweiten Quartal 2017 waren es laut aktuellen Zahlen des BFS 8 Prozent – im Gegensatz zu 6,7 Prozent vor zehn Jahren. Die Zunahme scheint vor allem Ausländerinnen und Ausländer zu betreffen. Bei den ausländischen Männern stieg der Anteil von 7 auf 9 Prozent, bei den ausländischen Frauen von 8 auf 11 Prozent.

«Wir stellen tatsächlich eine Zunahme bei befristeten Verträgen fest, insbesondere bei ausländischen Beschäftigten», sagt KOF-Experte Siegenthaler. Mitverantwortlich dafür könnte die Baubranche sein. «Sie erlebte in den letzten Jahren einen Boom. Und sie setzt traditionell stark auf ausländische Angestellte und befristete Verträge.» Andere Branchen, die eher klassische Verträge kennen – etwa der traditionelle Dienstleistungssektor oder die Industrie – hätten hingegen weniger Stellen geschaffen oder sogar Jobs abgebaut, unter anderem wegen des Frankenschocks.

Dass der Frankenschock und die damit verbundenen Probleme eine Rolle spielen könnten, lässt auch die Antwort des Staatssekretariats für Wirtschaft Seco vermuten. Seit Anfang 2010 sei der Anteil befristeter Verträge leicht unter 7 Prozent gelegen, schreibt Sprecher Fabian Maienfisch. Nach 2014 sei ein «moderater Anstieg» zu beobachten.

baz.ch/Newsnet

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