Warum stemmt sich die SNB nicht gegen den Euro-Franken-Taucher?

Innert Kürze von 1.20 auf unter 1.13: Währungsexperte Thomas Flury von der UBS über den Spielraum der Nationalbank in der Türkei-Krise.

Will den Kursverfall der Lira stoppen: Der türkische Finanzminister und Erdogan-Schwiegersohn Berat Albayrak. Video: AFP/Tamedia

Der Absturz der türkischen Währung sorgt weltweit für Unruhe und liess heute auch die europäischen Börsen einsacken. Im Handel auf den asiatischen Märkten war die Lira zuvor auf einen neuen Tiefstand gefallen und wurde zwischenzeitlich über sieben Lira zum Dollar gehandelt.

Die Turbulenzen um die türkische Lira haben auch den Euro auf Talfahrt geschickt. Am Morgen fiel er zeitweise auf den tiefsten Stand seit zwölf Monaten. Ein Euro kostete kurzzeitig 1,1365 US-Dollar und damit so wenig wie zuletzt im Juli 2017. Zum Franken markierte der Euro im frühen Handel bei 1,1286 – das ist der niedrigste Stand seit August 2017.

Schlechte Nachrichten für die Schweizerische Nationalbank: Der Euro verliert an Wert gegenüber dem Franken. (Bild: Screenshot Finanzen.ch)

Im Mai hatte der Euro-Franken-Kurs noch bei 1,19 gelegen. Trotz des Absturzes habe die Schweizerische Nationalbank (SNB) wohl noch nicht am Devisenmarkt eingegriffen, sagt Thomas Flury, Chef-Währungsanalyst der UBS. Die neuesten Zahlen zu den Sichtguthaben bei der SNB stammen vom letzten Dienstag. Sie lassen laut Flury keine bedeutenden Interventionen erkennen. «Der aktuelle Euro-Franken-Kurs ist noch nicht so tief, dass er die Schweizer Wirtschaft stark beeinträchtigen würde», sagt Flury. Diese habe sich vor allem in den letzten Quartalen relativ stabil entwickelt. «Es wäre deshalb für die Nationalbank noch zu früh, zu intervenieren und damit ihr Pulver bereits jetzt zu verschiessen.»

Flury erwartet eine Intervention erst dann, wenn der Euro zum Franken auf unter 1,10 sinkt und der europäische Wirtschaftsraum stark unter Druck gerät. Das scheine im Moment noch nicht der Fall zu sein. «Europäische Banken sind zwar mit nennenswerten Beträgen in der Türkei engagiert, aber sie wurden von der Europäischen Zentralbank enorm stabilisiert.» Die Verwerfungen rund um die Türkei sollten sie deshalb wegstecken können.

Mehr als 7 Lira für einen Dollar

Die Türkei stemmt sich mit Investitionen, Drohungen und Geldspritzen gegen den dramatischen Verfall der Lira – bislang vergeblich. Die Währung hat in diesem Jahr mehr als 40 Prozent an Wert verloren. Präsident Recep Tayyip Erdogan stellt sich auf eine längere kritische Phase ein. «Es ist offensichtlich, dass die Angriffe noch eine Weile andauern werden», sagte Erdogan, der sein Land als Opfer einer Verschwörung sieht. Die Türkei werde nun die bis 2023 geplanten Investitionen schneller durchziehen, mit denen es zu den zehn grössten Wirtschaftsmächten aufsteigen will.

Die Türkei will zugleich gegen negative Kommentare zur Wirtschaft in sozialen Netzwerken vorgehen. Entsprechende rechtliche Massnahmen gegen solche Mitteilungen würden eingeleitet, erklärte das Innenministerium. Seit dem 7. August seien 346 Nutzerkonten auf sozialen Netzwerken ausgemacht worden, in denen der Verfall der Lira auf provozierende Art und Weise kommentiert wurde.

Die Zentralbank des Landes versucht, eine Beruhigungspille an die Finanzmärkte zu verteilen, indem sie versprach, die Geldversorgung der im Gefolge der Währungskrise unter Druck geratenen Geschäftsbanken sicherzustellen. Sie werde den Finanzmarkt genau beobachten und alle notwendigen Schritte ergreifen, um die Finanzstabilität zu sichern, hiess es. Bankenkreisen zufolge könnte eine straffere Geldpolitik folgen. Dafür könnte die Zentralbank statt einer Anhebung der Leitzinsen einen Zinskorridor nutzen, sagten Banker der Nachrichtenagentur Reuters. Aktuell liegt der Schlüsselsatz zur Versorgung der Geschäftsbanken mit Geld bei 17,75 Prozent.

Ein wesentlicher Grund für die Währungskrise sind Befürchtungen, Präsident Erdogan, der seit einer Verfassungsänderung mit besonders grosser Machtfülle ausgestattet ist, könnte sich massiv in die Wirtschaft und die Währungspolitik einmischen. So wächst die Besorgnis, dass die Notenbank ihre Unabhängigkeit verliert. Zudem liegt Erdogan mit dem Nato-Partner USA bei mehreren Themen über Kreuz, darunter die unterschiedlichen Interessen im Syrien-Konflikt.

Die türkische Bevölkerung leidet unter dem Kursverfall ihrer Währung: Wechselstube in Ankara. (Bild: Keystone)

Sorge um europäische Banken

Die «türkische Sommergrippe» verschrecke die Finanzmärkte, schreibt die Zürcher Kantonalbank. In Europa nehmen laut den Analysten die Sorgen über eine Ansteckungsgefahr europäischer Banken mit starkem Engagement in der Türkei zu. Die höchsten ausstehenden Forderungen gegenüber türkischen Schuldnern haben demnach spanische (82,3 Milliarden Dollar), französische (38,4 Milliarden Dollar) und italienische Banken (17 Milliarden Dollar). Vor allem die spanische Bank BBVA sei stark exponiert, daneben die italienische Unicredit, die niederländische ING, die britische HSBC und die französische Grossbank BNP Paribas.

Vereinzelte Banken hätten zwar ein deutliches Exposure in der Türkei, sagt auch Elias Hafner, Devisenexperte der ZKB. Für die Mehrheit der Branche stimme dies aber nicht. Daher seien die Risiken für den gesamten Sektor auch eher überschaubar. Öl ins Feuer habe aber die Europäische Zentralbank mit ihrem Wirtschaftsbericht gegossen, in dem sie vor steigenden Risiken für das globale Wachstum aufgrund steigender protektionistischer Tendenzen warnt. Zu diesen beiden Punkte gesellt sich laut Hafner noch die Diskussion um das italienische Haushaltsbudget, das in den letzten Tagen ebenfalls für eine erhöhte Nervosität gesorgt habe. Von den drei Einflussfaktoren stelle die Türkei aber ohne Frage den entscheidendsten dar, ist sich Hafner sicher. «Die Türkei hat strukturelle Probleme und die dortige Situation könnte sich durchaus noch akzentuieren.»

fko/sda/AWP/Reuters

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