«Warum steigt der Euro zum Franken, Herr Frangulidis?»

Deutlich über 1.10 sprang die Gemeinschaftswährung. Schraubt die SNB am Kurs? Der ZKB-Chefökonom nimmt Stellung.

Im Aufwärtstrend: Der Euro-Franken-Kurs im Verlauf der letzten Woche.

Im Aufwärtstrend: Der Euro-Franken-Kurs im Verlauf der letzten Woche.

Franziska Kohler@tagesanzeiger

Seit Montag übersprang der Euro-Franken-Kurs mehrmals die Marke von 1.10. Warum kommt diese Erholung gerade jetzt? Der Euro hat sich seit Jahresbeginn allgemein aufgewertet, nicht nur im Verhältnis zum Franken. Während der chinesische Renminbi gegenüber dem Dollar ein 5-Jahr-Tief erreicht hat, ist der Euro stark geblieben. Gegenüber dem britischen Pfund hat er in den letzten Wochen sogar deutlich zugelegt. Wir führen das vor allem auf die guten Konjunkturdaten der Eurozone zurück. Trotz aller Probleme, die Europa auf politischer Ebene derzeit hat, entwickelt sich die Wirtschaft gut: Die EU gehört zu den Profiteuren der tiefen Erdöl- und Rohstoffpreise – im Gegensatz zu Schwellenländern oder den USA –, die Exporte entwickeln sich recht stabil, und die Binnennachfrage wächst. Die Arbeitslosigkeit sinkt vielerorts, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Krisenländern wie Spanien.

Die Märkte erleben turbulente Zeiten, die Europäische Zentralbank (EZB) will den Euro weiter schwächen, und trotzdem bleibt er stark. Wie erklären Sie sich das? Das ist in der Tat bemerkenswert. Vor allem nachdem EZB-Präsident Mario Draghi letzte Woche angedeutet hat, dass die Geldpolitik noch expansiver werden soll, weil die Unsicherheiten zugenommen hätten. Wenn wir Draghi Glauben schenken, müssen wir davon ausgehen, dass er die Anleihenaufkäufe noch ausweiten will und/oder die Zinsen weiter senkt. Der Euro dürfte deshalb nicht noch stärker werden, als er es jetzt ist – und der Franken wird sich in der nächsten Zeit nicht weiter abschwächen. Er wird sich wohl weiterhin um die Marke 1.10 herum bewegen. Und nicht unter 1.05 sinken, weil dann die Schweizerische Nationalbank unter Druck geraten würde, noch stärker zu intervenieren.

Wie gross war der Anteil der SNB an der Abschwächung der letzten Tage? Die Giroguthaben inländischer Banken sind in den ersten Wochen des Jahres nicht markant angestiegen. Daraus lässt sich ableiten, dass der Anteil der SNB an der Abschwächung nicht allzu hoch sein dürfte. Allerdings ist ein gewisses Nachhelfen seitens der SNB denkbar. Schwächt sich nämlich der Franken in der Tendenz ab, lässt sich mit relativ kleinen Summen die Wirkung verstärken. Förderlich war zudem die unmissverständliche Kommunikation der SNB, dass sie im Fall eines stärkeren Frankens am Devisenmarkt intervenieren wird.

Laut neusten Zahlen sind die Schweizer Exporte im letzten Jahr weniger stark eingebrochen als nach der Aufhebung der Untergrenze befürchtet. Konkret ist der Wert der exportierten Waren um 2,6 Prozent gesunken. Was lässt sich daraus ablesen? Als die Aufhebung erfolgte, konnte niemand voraussehen, wie hart sie unsere Volkswirtschaft treffen würde. Nun wissen wir, dass die befürchtete Rezession ausgeblieben ist. Das beweist: Wichtiger als die Währung ist die Nachfrage aus dem Ausland. Denn diese ist im letzten Jahr recht stabil geblieben, in den USA gar deutlich angestiegen. Wäre zur Frankenstärke eine Nachfrageschwäche hinzugekommen, hätte das viel gravierendere Konsequenzen für die Schweizer Wirtschaft gehabt.

Noch vor einem Jahr war ein Kurs von 1.10 für die Wirtschaft inakzeptabel. Jetzt scheint alles erleichtert zu sein, wenn die Marke erreicht ist. Was hat sich geändert? Mit 1.10 ist die Währung immer noch deutlich überbewertet, das steht ausser Frage. Doch die positive konjunkturelle Entwicklung im Euroraum wirkt wie gesagt ausgleichend. Und so realisieren wir langsam, dass wir auch mit einem Wechselkurs von 1.10 leben können. Die Schweiz war schon immer ein Land, das mit einer starken Währung wirtschaften musste. Allerdings war die Aufwertung in den letzten Jahren besonders brutal: Vor der Finanzkrise 2007 lag der Euro-Franken-Kurs noch bei 1.67, acht Jahre später sind es mehr als 30 Prozent weniger. Die hohe Geschwindigkeit ist das grosse Problem, nicht die Abwertung per se.

Sollte der Kurs sich nun mittelfristig bei 1.10 einpendeln, wie Sie es prophezeien: Was würde das für die Schweizer Wirtschaft bedeuten? Könnte sie in diesem Jahr doch noch stärker wachsen als die von der ZKB erwarteten 1,2 Prozent? Erst mal wäre das eine gute Nachricht für die Unternehmer. Vor einem Jahr wusste niemand, wo sich die Kurse stabilisieren werden. Diese Unsicherheit lässt nun, wo sich ein Kurs von 1.10 abzeichnet, langsam nach. Das erleichtert den Firmen die Planung. Trotz dieser Beruhigung und der guten Entwicklung in Europa bleiben aber Unsicherheiten bestehen, vor allem im asiatischen Raum. Deshalb bleiben wir bei unserer Prognose von 1,2 Prozent. Das heisst: Die Wirtschaft entwickelt sich zwar unter ihrem Potenzial, aber nicht rezessiv. Der Frankenschock wird langsam, aber sicher verdaut.

baz.ch/Newsnet

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