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«Die Wut muss in ein zivilisiertes Projekt verwandelt werden»

Der Sozialismus hat abgedankt, der Kapitalismus steht vor der Pleite, sagt der deutsche Politologe Claus Leggewie. Jetzt müssen die Bürger selber ran.

«Totale Ratlosigkeit»: Ein Kapitalismus-Kritiker verbrennt in Berlin eine unechte 20-Euro-Note.
«Totale Ratlosigkeit»: Ein Kapitalismus-Kritiker verbrennt in Berlin eine unechte 20-Euro-Note.
Keystone

Herr Leggewie, Sie bezeichnen den Kapitalismus als «Abwicklungsfall». Ist das nicht etwas voreilig? Niemand hätte sich 1989 vorstellen können, dass auch der Kapitalismus, wie wir ihn kannten, in die jetzige Lage kommt. Er muss sich reformieren – bis hart an die Grenze dessen, was Kapitalismus überhaupt ist. Der Kapitalismus hat schon mehr als einmal bewiesen, dass er wandlungsfähig ist. Stimmt, aber wer sagt, dass es wieder klappt? Es herrscht totale Ratlosigkeit, die durch ein endloses Geschnatter am Fernsehen noch befeuert wird. Politiker und Banker fahren auf Sicht. In der EU setzen hilflose Regierungen bei ahnungslosen Parlamenten zweifelhaftes Krisenmanagement gegen eine schlecht informierte Mehrheitsmeinung durch. Immerhin hat der Kapitalismus viel Wohlstand geschaffen. Klar, aber seit zwei Jahrzehnten ausser für die gehobenen Schichten eben nicht mehr. Sollen wir ihm sozusagen das historische Verdienst zugutehalten und sagen: «Weil er das früher so schön gemacht hat, lassen wir ihn.» In ihrem neuen Buch zitieren Sie den Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi, der von einer «Entbettung» der Wirtschaft aus ihrem politischen und sozialen Umfeld sprach. Polanyi hat beschrieben, wie es der Marktwirtschaft gelungen ist, sich aus dem Bett, in dem sie einst lag, zu erheben. Es ging immer schon um Gewinn, aber dazu stellte die Wirtschaft Gebrauchswerte her, die Banken gaben dafür Kredite, das alles hatte unterm Strich einen Gesamtnutzen für die Gesellschaft. Heute haben sich vor allem Finanzwelt, aber auch Teile der Unternehmen in eine Parallelgesellschaft verzogen, in der organisierte Unverantwortlichkeit herrscht. «Wiedereinbettung» heisst dann: Die Märkte müssen tun, was die Gesellschaft will, nicht umgekehrt. Das ist heute breiter Konsens. Aber die Staaten sind pleite, die Steuerungsmöglichkeiten von Staatsapparaten sind extrem geschrumpft – und Teile der Wirtschaft laufen Amok. Wie könnte eine Alternative aussehen? Zurück in der Realsozialismus will wohl niemand. Natürlich nicht. Traditionelle sozialistische Konzepte der Verstaatlichung haben keine Zukunft – gerade weil die Staaten keine Kraft mehr haben und zum Teil noch schlechtere Unternehmer und Banker waren. Es braucht einen dritten Weg, eine menschenfreundliche Form von Produktion und Konsum, wie sie etwa in Genossenschaften überlebt hat und in der Geschenkökonomie von Open Source und Wiki neu erstanden ist. Welche gesellschaftliche Kraft soll diese Veränderung vorantreiben? Die Bürgerinnen und Bürger, wer sonst? 60 bis 65 Prozent der Deutschen sind der Meinung, der Kapitalismus sei keine effektive Wirtschaftsform mehr. Daraus ist eine Bewegung geworden, in Zeltstädten, bei Demonstrationen und in NGOs. Wenn die Parteien das Signal hören, werden sie sich dieser Bewegung zuwenden und eine politische Mobilisierung ihrerseits vorantreiben. Die Proteste an der Wall Street oder auch in Zürich und Frankfurt sind doch viel zu schwach. Sie haben schon recht. Aber wir bewegen uns in einem symbolischen Bereich, die wichtige Botschaft, die von diesen Zeltstädten ausgeht, lautet: «Es reicht uns, wir glauben euch nicht mehr.» So hat es auch in Kairo angefangen. Sie sehen eine Linie zwischen der Occupy-Bewegung und den Umstürzen in der arabischen Welt? Ja, denn beides ist die Folge eines hemmungslos auf Ungleichheit und auf gesellschaftliche Desintegration zielenden Systems, das von Despoten und Autokraten unterschiedlicher Couleur fremdbestimmt wurde. In der arabischen Welt sind die Umstürze gelungen, weil eine Mehrheit aufgestanden ist. Wird der Protest auch bei uns wachsen? Ich bin sicher, dass der Protest bei uns zunehmen wird. Die Frage ist: Können die üblichen intermediären Organisationen – Parteien, Verbände, NGOs – diesen Volkszorn kanalisieren in ein vernünftiges Projekt? Mein Buch geht ja in die Richtung: «Mut statt Wut». Die Empörung muss in ein zivilisiertes Projekt bürgerlicher Verantwortung verwandelt werden, aus einer Bewegung zur Verhinderung weiteren Übels muss eine Bewegung zur Bereitstellung nachhaltiger Infrastrukturen werden. Wenn wir das schaffen, dann brauchen wir keine Zeltstädte auf dem Alexanderplatz oder vor der EZB. Wenn nicht, werden wir mehr und mehr davon bekommen. Wie sollen denn Wirtschaft und Gesellschaft organisiert werden? Entscheidend sind die Wertüberzeugungen, welche die Menschen mehrheitlich miteinander teilen. Da spielen Reichtum, Arbeit und Wohlstand nicht mehr eine so dominante Rolle. Die Dinge, die uns wirklich wichtig sind – eine vernünftige Work-Life-Balance, vernünftige Mobilität und Ernährung, Lebensglück –, müssen im Zentrum stehen. Werden Sie bitte konkreter. Ich stelle mir eine inhaltlich begründete Allianz zwischen Teilen der Politik, Teilen der Privatwirtschaft und grossen Teilen der Zivilgesellschaft vor. Beispiel: Energiewende. Eine Stadt beschliesst, ihren CO2 bis 2030 zu halbieren. Sie wird Wärmedämmungsprogramme machen, sie wird Elektromobilität einführen, sie wird den ÖV stärken. Das kostet alles Geld. Am Ende geht es darum, wer bezahlt dezentral produzierte, saubere Energie in meiner Wohnung? Die Stadt oder ich? Vermutlich ich. Aber ich habe auch etwas davon, denn ich produziere nun selber Energie, zum Beispiel auf meinem Dach, und speise den Strom ins Netz ein – mit Gewinn. Das ist eine völlig andere Art des Konsums. «Energiewende» ist eben nicht nur ein Wandel der Technologie und Organisation, es ist ein Wandel des Lebensstils. Ähnliches gilt für Mobilität, Ernährung, den Bau von Häusern und Nachbarschaften. Stellen Sie sich vor, dass wir alle unser eigenes Gemüse anpflanzen? Wem es gefällt. Ich finde Urban Gardening toll. Ich sage auch nicht, dass es mit ein paar Hobbygärtnern und ein paar Energiegenossen getan ist. Eine grosse Bewegung erwächst aus kleinen Knoten kollektiver Identität, Gefühle der Selbstwirksamkeit entwickeln sich oft aus solchen Nischen heraus. Das tönt alles reichlich ineffizient. Wie soll Europa im Wettbewerb mit anderen aufstrebenden Weltregionen bestehen? Es macht wahrlich keine grossen Schwierigkeiten, effizienter als das bisherige System zu sein. Diese Vergeudung, diese Irrationalität, diese Banalität des Homo oeconomicus, diese Verschwendung von Lebenszeit mit den langweiligsten Geld- und Transaktionsgeschäften – wer hält das bitte für effizient? Es ist ja nicht mal mehr effektiv.

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