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Die Verelendungsspirale

Die Formel «Mehr Sparen führt zu mehr Wachstum» ist gescheitert. Das zeigen die jüngsten Zahlen aus Griechenland, Portugal und Spanien. Jetzt beginnen die Ökonomen umzudenken.

Ins Elend gespart: Rentnerdemonstration gegen die neusten Sparmassnahmen in Athen am 14. Februar 2012.
Ins Elend gespart: Rentnerdemonstration gegen die neusten Sparmassnahmen in Athen am 14. Februar 2012.
Keystone

Die jüngsten Zahlen sind mehr als ernüchternd: In Griechenland ist das Bruttoinlandprodukt (BIP) im vierten Quartal erneut um 7 Prozent gesunken. Das Land befindet sich mittlerweile im fünften Jahr der Rezession. Trotz immer drastischer werdenden Sparmassnahmen ist die Staatsschuld inzwischen auf über 160 Prozent des BIP gestiegen. Selbst der vorgesehene Schuldenschnitt würde diese Schuld bis ins Jahr 2020 nur auf 120 BIP-Prozent reduzieren. De facto ist dies eine Bankrotterklärung. Griechenland ist klinisch tot.

Ebenfalls in einer Abwärtsspirale befindet sich Portugal. Im vierten Quartal ist das BIP um 2,7 Prozent geschrumpft. Für das laufende Jahr wird mit einem Rückgang von 3,5 Prozent gerechnet. Die Aussichten sind katastrophal: Trotz härtester Sparmassnahmen nimmt die Schuldenlast nicht ab, sondern zu. Als Portugal vor zwei Jahren das erste Hilfspaket erhielt, lagen seine Schulden bei 107 Prozent des BIP, nächstes Jahr werden sie wahrscheinlich bei 118 Prozent des BIP liegen. «Portugals Schuldenlast ist nicht tragbar», erklärt deshalb David Beneck vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. «Die Struktur der Wirtschaft lässt in Zukunft kein Wachstum zu, deshalb wird es unmöglich sein, die Schulden langfristig abzuzahlen.»

Die Handelsdefizite bleiben

Es gibt in der Ökonomie ein unumstössliches Gesetz, das lautet: Die Summe des privaten Sektors plus des öffentlichen Sektors plus die Handelsbilanz müssen null ergeben. Ist diese Summe negativ, dann beginnt eine Verelendungsspirale zu drehen. In Griechenland und Portugal sparen der private und der öffentliche Sektor, folgerichtig müsste die Handelsbilanz im Plus sein. Das ist nicht der Fall, beide haben nach wie vor massive Handelsdefizite. Sie können der tödlichen Verelendungsspirale nicht entrinnen.

Auch Spanien sitzt in der gleichen Falle. Bei Ausbruch der Krise lag seine Staatsverschuldung bei 36 Prozent des BIP. Bis Ende 2013 wird sie auf 84 Prozent steigen. Mit einer Sparpolitik wird sich daran nichts ändern, auch Spanien weist eine negative Handelsbilanz aus. Und die italienische Schuldenlast wird bis Ende 2013 auf voraussichtlich 126 Prozent des BIP anschwellen. Auch dort wird sich eine Restrukturierung der Schulden langfristig nicht vermeiden lassen.

«Unsinnige Doktrin»

Die Länder des Club Med können der Verelendungsspirale nur mit Wachstum und Handelsbilanzüberschüssen entrinnen. Genau dies wird aber mit einer nur auf Sparen ausgerichteten Politik verhindert. Der Genfer Ökonom Charles Wyplosz erklärt deshalb, es sei sinnlos, die Bürger von Ländern wie Griechenland, Portugal und Italien mit einer Wirtschaftspolitik zu bestrafen, die Wachstum verhindert. «Das ist Pseudo-Wissenschaft», erklärt Wyplosz in der «New York Times».

Das Scheitern der reinen Sparpolitik lässt die Ökonomen allmählich umdenken. Die Stimmung unter ihnen beschreibt Jacob Funk Kirkegaard vom Peterson Institute for International Economics im «Wall Street Journal» wie folgt: «Die unsinnige Doktrin, wonach Sparen allein zu Wachstum führt, die der frühere Präsident der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, vertreten hat, ist aus den Diskussionen verschwunden.»

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