«Die Rezession wird verschoben»

Warum hat der Dow Jones gerade jetzt die 20’000er-Marke geknackt? Und wie nachhaltig ist das Hoch? Pictet-Chefstratege Anastassios Frangulidis gibt Auskunft.

Die Rekordmarke ist geknackt: Ein Börsenhändler in New York. (25. Januar 2016)

Die Rekordmarke ist geknackt: Ein Börsenhändler in New York. (25. Januar 2016)

(Bild: Reuters)

Franziska Kohler@tagesanzeiger

Gestern ist der Dow Jones zum ersten Mal über die Marke von 20’000 Punkten gesprungen. Warum gerade an diesem Tag? Der Index verharrte lange Zeit knapp unter dieser Marke. Dass er sie gestern überschritten hat, ist wohl Zufall – allerdings ein Zufall mit Ankündigung. In letzter Zeit wurden relativ viele gute Daten aus der US-Wirtschaft und der Unternehmenswelt vermeldet. Die Firmen haben im letzten Quartal 2016 zum Beispiel gute Gewinnabschlüsse gezeigt, und die Stimmungsindikatoren sind so hoch wie nie zuvor in den letzten drei Jahren.

Wird es jetzt so weitergehen, immer steil nach oben? Mittelfristig natürlich nicht. Es braucht immer wieder Phasen der Konsolidierung, in denen die Kurse nicht weiter steigen oder sogar etwas sinken. Solche Phasen haben wir Mitte Dezember bis Anfang der Woche gesehen. Direkt nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten sind die Aktienkurse, Zinsen und auch der Dollarkurs relativ stark gestiegen, dann kamen sie vorübergehend etwas zurück. Jetzt sieht es so aus, als ob der Optimismus an den Finanzmärkten wieder zunimmt.

Der Dow Jones setzt sich aus den Aktienkursen von 30 der grössten US-Unternehmen zusammen. Firmen mit neuen Geschäftsmodellen wie Google oder Uber fehlen. Wie aussagekräftig ist der Index überhaupt? Der Dow Jones bezieht sich auf die traditionellen, grossen Unternehmen und ist deshalb nicht für den ganzen Markt repräsentativ. Es gibt andere Indizes in den USA, welche die Wirtschaft und das Unternehmertum breiter abbilden. Die meisten von ihnen sind allerdings auch stark gestiegen und heute ebenfalls auf einem historischen Höchststand.

Auch 1929, nach der Wahl von Herbert Hoover zum US-Präsidenten, gingen die Börsenkurse in die Höhe. Danach folgte die Weltwirtschaftskrise. Kann man die Situation damals mit der heutigen vergleichen? Die Ausgangslage und auch die Struktur der Volkswirtschaft waren zu dieser Zeit völlig anders. Damals war der Industriesektor wichtig, heute ist es der Dienstleistungssektor. Die Industrie ist bekanntlich volatiler. Wahrscheinlich wird Trumps Wirtschaftsprogramm – Erhöhung der Staatsausgaben, Steuerreduktionen für Unternehmen und Haushalte, Deregulierung in verschiedenen Sektoren – dazu führen, dass dieses und vor allem nächstes Jahr die Wachstumskräfte in den USA stärker werden. Sein Programm kommt interessanterweise zu einem Zeitpunkt, an dem wir eigentlich schon fast am Ende des aktuellen Konjunkturzyklus angekommen sind.

Was meinen Sie damit? Der aktuelle Zyklus hat in den USA bereits 2009 begonnen. Er dauert also schon über sieben Jahre und ist damit bereits heute einer der längsten in der amerikanischen Geschichte. Durch Trumps Politik wird das Ende dieses Zyklus, also die nächste Rezession, nun noch weiter nach hinten verschoben. Denn gerade jetzt, da die Auslastung der US-Wirtschaft normal und die Konjunkturdaten gut sind, wird ein fiskalisches Programm aufgegleist, das man sonst eigentlich in einer Phase der Rezession erwarten würde. Das könnte mittelfristig, also ab circa 2018, zu einer Überhitzung der Wirtschaft führen: mit steigenden Preisen und höheren Leitzinsen. Die echten Risiken von Trumps Politik werden wir erst danach sehen.

Worin bestehen diese Risiken? Langfristig sehe ich einige Gefahren. Zum Beispiel, falls Trump, wie während seines Wahlkampfs angekündigt, eine protektionistische Politik verfolgen sollte – was sich bereits abzeichnet mit seinem Ausstieg aus dem transpazifischen Handelsabkommen TTP. Und falls er stattdessen selektiv bilateral mit einzelnen Ländern verhandelt, was sicherlich viel Zeit in Anspruch nehmen wird. Auch dafür gibt es Indizien, etwa dass die britische Premierministerin Theresa May heute für Gespräche nach Washington fliegt. Sollte er mit seinem Verhalten dem Welthandel schaden, würde die Effizienz vieler Unternehmen leiden, deren Wertschöpfungskette mehrere Länder umfasst. Damit würden die Kosten der Produktion steigen. Das könnte das Realwachstum behindern und zu Preissteigerungen führen, die nichts mehr mit den tiefen Inflationsraten der letzten Jahre zu tun haben.

Es gibt im Moment zwei Lager: Das eine glaubt, Trump werde nur für einen kurzfristigen wirtschaftlichen Boom sorgen, danach folge die Ernüchterung. Laut dem anderen könnte sein Programm die Wirtschaft auch langfristig beleben. Sie gehören also dem ersten an? Ja. Ich sehe zwar die unmittelbaren, positiven Auswirkungen seiner Politik, orte aber wesentliche Risiken in Bezug auf seinen Isolationismus. Dieser ist langfristig weder für die US- noch für die globale Konjunktur gut. Die ersten Folgen dieser Politik werden wir wohl noch vor dem Ende von Trumps Präsidentschaft zu spüren bekommen.

Wie sollte die europäische und insbesondere die Schweizer Wirtschaft auf Trumps Politik reagieren? Für die unmittelbare konjunkturelle Entwicklung sind ein stärker wachsendes Amerika und ein starker Dollar keine schlechten Nachrichten. Wenn es um die strukturelle Frage der Zukunft der Aussenhandelsbeziehungen geht, könnte es aber schwierige Diskussionen mit der neuen US-Administration geben. Trump hat die Länder mit einem hohen Leistungs- und Handelsbilanzüberschuss – die also mehr exportieren als importieren – immer wieder kritisiert. Aus seinem Interview mit den Zeitungen «Bild» und «Times» schliesse ich, dass er damit auch Deutschland und andere europäische Länder meint. Sie sollten ihr am Aussenhandel ausgerichtetes Wachstumsmodell überprüfen. Die Lage der Schweiz ist etwas anders, weil der hohe Leistungsbilanzüberschuss hier vor allem vom Ertrag auf dem im Ausland gehaltenen Kapital stammt und nicht aus dem Handel. Der Druck auf uns dürfte deshalb nicht so gross wie der auf andere Länder sein.

Crazy Achterbahn: Ein Blick zurück auf die Hochs und Tiefs des Dow Jones

baz.ch/Newsnet

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