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Die guten Seiten des Währungskrieges

François Hollande forderte vor dem Europaparlament einen schwächeren Euro. Gegenseitige Währungsabwertungen sind konservativen Ökonomen ein Gräuel, für die Weltwirtschaft jedoch nicht nur negativ.

«Den Euro nicht den Launen des Marktes überlassen»: François Hollande während seiner Rede vor dem europäischen Parlament. (5. Februar 2013)
«Den Euro nicht den Launen des Marktes überlassen»: François Hollande während seiner Rede vor dem europäischen Parlament. (5. Februar 2013)
Reuters

Was macht einen Währungskrieg für Politiker so attraktiv? Das «Wall Street Journal» zitierte dazu jüngst einen hohen Beamten der US-Notenbank. «Es ist wie Bettnässen», erklärte der Fed-Mann. «Zuerst fühlt es sich gut an, aber sehr bald wird es zu einer riesigen Schweinerei.» Trotzdem scheint Bettnässen derzeit mächtig in Mode zu sein: Das Fed hält unbeirrt an seinem Quantitative Easing fest, die Bank of England orientiert sich nicht mehr an der Inflation, sondern am Nettowachstum des Bruttoinlandprodukts, die Schweizerische Nationalbank verteidigt die Untergrenze gegen den Euro um jeden Preis, und in Japan hat die neue Regierung von Shinzo Abe die Bank of Japan dazu geprügelt, mit einer ultraleichten Geldpolitik endlich die Deflation zu besiegen. Konservativen Geldpolitikern stehen die Haare zu Berge. Der Präsident der deutschen Bundesbank, Jens Weidmann, warnt in schrillen Tönen vor einem Währungskrieg.

Frankreichs Problem

Nun hat sich auch der französische Präsident François Hollande in die Debatte eingemischt. In einer Rede vor dem europäischen Parlament erklärte er, eine wirtschaftliche Einheitszone «sollte auch eine Wechselkurspolitik haben, sonst wird ihr ein Wechselkurs aufgezwungen, der nicht der Stärke ihrer Wirtschaft entspricht». Deshalb, so Hollande, dürfe der «Euro nicht den Launen des Marktes überlassen werden».

Hollande hat ein Problem: Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) hat mit einer raffinierten Geldpolitik den Euro stabilisiert und das brandgefährliche Spiel der Spekulanten mit den Zinsspreads der Staatsanleihen der Defizitländer vorläufig unterbunden. Doch die Konsequenzen sind zwiespältig: Einerseits ist damit der Boden für einen Aufschwung der realen Wirtschaft vorbereitet worden, doch andererseits hat dies in den letzten Wochen zu einer massiven Aufwertung des Euro geführt. Das ist für die Wirtschaft in Euroland umso schmerzlicher, als die Zentralbanken der Konkurrenz alles unternehmen, um ihre Währungen zu schwächen. Was die EZB so mit einer Hand gegeben hat, nimmt sie mit der anderen wieder weg. Das will Hollande wieder ändern. «Es ist doch paradox, die Länder aufzufordern, ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern, und gleichzeitig diese Anstrengungen wieder mit einem stärkeren Euro zu untergraben», rief er vor dem europäischen Parlament aus.

Hollandes Logik ist korrekt, doch sie trifft das falsche Ziel. Die EZB kann der französischen Wirtschaft nur bedingt aus der Klemme helfen. Das wahre Problem heisst Deutschland. VW, Mercedes, Siemens und Co. profitieren davon, dass Deutschland mit der Agenda 2010 einen harten Sparkurs absolviert hat und seine Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Peugeot, Renault und Alcatel massiv verbessert hat. Eine Abwertung des Euro ändert daran nichts. Deutschland müsste mit fiskalpolitischen Mitteln dagegenhalten, mit höheren Löhnen beispielsweise oder dem Tolerieren von mehr Inflation. Doch das kommt auf der anderen Seite des Rheins ganz schlecht an. Deshalb dürfte Hollandes Brandrede weitgehend für die Katz gewesen sein.

Ein Segen für die Weltwirtschaft?

Zudem ist vielleicht die Angst vor einem Währungskrieg ohnehin unbegründet und der Vergleich mit dem Bettnässen falsch gewählt. Prominente Währungsexperten, beispielsweise Barry Eichengreen, sind gar der Meinung, dass der Währungskrieg derzeit ein eigentlicher Segen für die Weltwirtschaft sei, weil damit die schlimmsten Folgen einer verfehlten Austeritätspolitik ausgebügelt würden. Martin Wolf, Chefökonom der «Financial Times», teilt diese Meinung. Für das Vorgehen der japanischen Regierung bringt er Verständnis auf, und er weist auf die guten Seiten des Währungskrieges hin. «Ja, die Abwertung geht zulasten anderer Länder», stellt Wolf fest. «Insgesamt jedoch wird dies eine aggressivere Geldpolitik andernorts auslösen, und das wiederum dürfte der Weltwirtschaft helfen.»

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