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Der «deutsche Weg» für Frankreich

Die Grande Nation steckt in der Krise. Der IWF warnt nun sogar, Frankreich könnte hinter Spanien und Italien zurückfallen. Grund genug für Paris, zu handeln.

Frankreich sucht den Weg zurück an die Spitze: Hauptstadt Paris in der Dämmerung. (Archivbild)
Frankreich sucht den Weg zurück an die Spitze: Hauptstadt Paris in der Dämmerung. (Archivbild)

Der Internationale Währungsfonds (IWF) stellt Frankreich eine düstere Zukunft in Aussicht: Die Wirtschaft werde nächstes Jahr voraussichtlich höchstens 0,4 Prozent wachsen, das ist die Hälfte von dem, was die Ökonomen in Paris erwarten. Zudem warnt der IWF in seinem jährlichen Zeugnis, dass die französische Wirtschaft im Begriff sei, ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren. Das deckt sich mit dem gestern veröffentlichten Bericht von Louis Gallois, dem ehemaligen Chef des Aerokonzerns EADS. Auch er plädiert für eine Schocktherapie, die Frankreichs Unternehmen wieder auf Vordermann bringen soll. Die Regierung hat nun mit einem Steuererleichterungsprogramm für die Unternehmen in der Höhe von 20 Milliarden Euro reagiert.

Das schlechte Zeugnis des IWF hat eine pikante Note. IWF-Direktorin Christine Lagarde war nämlich in der Regierung Sarkozy Finanzministerin und hat in dieser Funktion die französische Wirtschaftspolitik gegenüber Deutschland verteidigt. Nicht Frankreich sei schuld an der Misere, sondern Deutschland, das mit einer übertriebenen Sparpolitik seine Exportwirtschaft gedopt und damit das wirtschaftliche Gleichgewicht in Europa zerstört habe. Als IWF-Direktorin fordert sie nun – auch wenn sie den Jahresbericht natürlich nicht eigenhändig verfasst hat – das Gegenteil. Der Bericht diagnostiziert einen «signifikanten Verlust der Wettbewerbsfähigkeit» der französischen Wirtschaft und warnt, dass dieser Verlust «sich noch deutlich vergrössern könnte, falls die französische Wirtschaft sich nicht an den Partnerländern Italien und Spanien orientiert, die wie zuvor Deutschland ihren Arbeits- und Dienstleistungssektor gründlich reformieren».

Deutschlands Sparübung hat Europa aus der Balance geworfen

Deutschland hat in der Tat von 1995 bis zum Ausbruch der Wirtschaftskrise ein Sparprogramm durchgezogen, dessen Ausmass auch heute noch unterschätzt wird. In seinem soeben erschienenen Buch «Die Target Falle» liefert Hans-Werner Sinn die Zahlen. Zwischen 1995 und 2007 haben sich die Preise in Euroland wie folgt verändert: Deutschland plus 9 Prozent, Frankreich plus 22 Prozent, Italien plus 36 Prozent und Spanien plus 52 Prozent. Diese «innere Abwertung» Deutschlands hat die traditionellen Verhältnisse auf den Kopf gestellt. «Sogar die Pizza ist in Deutschland bisweilen billiger als in Italien», stellt Sinn fest. Durchschnittlich hat Deutschland gegenüber dem Rest des Euroraums handelsgewichtet 21 Prozent abgewertet. Das ist auch der Grund für das deutsche Exportwunder. «Die reale Abwertung im Euroraum ist der Hauptgrund dafür, dass Deutschland seine Eurokrise überwunden hat und wieder wettbewerbsfähig wurde», stellt Sinn fest.

Die monströse deutsche Sparübung hat die europäische Wirtschaft aus der Balance geworfen. Damit sich das wirtschaftliche Gleichgewicht wieder einpendelt, müssen die Unterschiede wieder eingeebnet werden. Will heissen: Arbeitsproduktivität und Löhne der einzelnen Euroländer müssen wieder angeglichen werden. Die Investmentbank Goldman Sachs hat mit einer Modellsimulation ausgerechnet, wie gross die Lücke zwischen den einzelnen Ländern inzwischen ist. Das Resultat ist für Frankreich bitter: Es braucht eine «innere Abwertung» von 20 Prozent, um mit Deutschland gleichzuziehen. Das ist gleich viel wie Spanien, aber deutlich mehr als Italien, dessen Abwertungsabstand zwischen 10 und 15 Prozent liegt. Das Ergebnis für Frankreich, so kommentiert Sinn die Zahlen, würde der ganzen Thematik «eine ungeahnte Dimension» verleihen.

Hollande wird sich bald entscheiden müssen

Die «ungeahnte Dimension», von der Sinn spricht, betrifft die Art und Weise, wie das bestehende Ungleichgewicht wieder aufgehoben werden soll. Grundsätzlich gibt es zwei Optionen: Entweder lassen die Deutschen mehr Inflation zu, will heissen: Sie erhöhen Löhne und Preise. Oder die Franzosen machen es den Deutschen nach und versuchen, mit Lohnzurückhaltung und eisernem Sparen den Abstand zu Deutschland wieder wettzumachen. Der Vorschlag, die Unternehmen mit 20 Milliarden Euro steuerlich zu entlasten, deutet daraufhin, dass Präsident François Hollande sich für den deutschen Weg entschieden hat.

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