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«Banken sind kaum in der Lage, im Privatsektor Geld zu erhalten»

Das spanische Finanzsystem steht am Abgrund. Übermorgen legt die Regierung einen Rettungsplan vor. Doch welche Chance hat Madrid überhaupt noch? ZKB-Ökonom Jörn Spillmann hat Antworten.

Wird die spanische Bankenkrise so gross? Ein wild gestikulierender Händler an der Börse in Madrid. (7. Mai 2012)
Wird die spanische Bankenkrise so gross? Ein wild gestikulierender Händler an der Börse in Madrid. (7. Mai 2012)
Keystone
Bei der spanischen Bankia standen die Ampeln in den letzten Tagen auf rot: Hauptsitz des viertgrössten Finanzinstituts des Landes in Madrid. (7. Mai 2012)
Bei der spanischen Bankia standen die Ampeln in den letzten Tagen auf rot: Hauptsitz des viertgrössten Finanzinstituts des Landes in Madrid. (7. Mai 2012)
Keystone
Schicksals-Duo? Spaniens Premier Mariano Rajoy und der Präsident der europäischen Zentralbank Mario Draghi während eines Meetings von letzter Woche in Barcelona. (3. Mai 2012)
Schicksals-Duo? Spaniens Premier Mariano Rajoy und der Präsident der europäischen Zentralbank Mario Draghi während eines Meetings von letzter Woche in Barcelona. (3. Mai 2012)
Keystone
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Herr Spillmann*, Spaniens Finanzsystem ist in Schieflage, am Freitag sollen Pläne für die Stabilisierung bekannt gegeben werden. Was ist zu erwarten? Weil im Moment noch überhaupt nicht absehbar ist, mit wie viel Kosten Stabilisierungsmassnahmen verbunden sind, werden wir wohl nur einen groben Wurf sehen. Quasi ein Fahrplan, wie man die Probleme in den Griff bekommen will.

Die spanische Zentralbank schätzt den Betrag fauler Kredite derzeit auf rund 140 Milliarden Euro. Daraus lassen sich doch die Kosten abschätzen. Im Prinzip, ja. Allerdings ist die Ausfallrate bei den Immobilienkrediten immer noch verhältnismässig gering, tiefer noch als bei den Konsumkrediten. Die Lage scheint aber trügerisch. Man muss damit rechnen, dass diese Quote bei den nicht mehr bedienten Immobilienkrediten mittelfristig weiter ansteigt. Und dann kann der Betrag fauler Kredite rasch zunehmen. Was wiederum den zusätzlichen Kapitalbedarf bei den Banken erhöht.

Spaniens Premier Mariano Rajoy hat gestern eine Kehrtwende vollzogen, indem er sagte, die Banken könnten doch mit weiteren staatlichen Hilfen unterstützt werden. Warum dieser plötzliche Meinungswechsel? Man hat offensichtlich erkannt, dass die Banken selber nicht mehr in der Lage sind, den potenziell nötigen Kapitalpuffer aufzubauen, um die drohenden Verluste zu absorbieren.

In den letzten Tagen wurde bekannt, dass die Bankia, das viertgrösste spanische Geldhaus, mit rund 10 Milliarden Euro gestützt wird. Der Kapitalbedarf für das gesamte Bankensystem wird auf 50 bis 120 Milliarden geschätzt. Woher soll das Geld kommen? Die Banken sind wohl kaum in der Lage, im Privatsektor Geld zu bekommen. Also bleibt als letzte Rettung der Staat. Und das bedeutet: Der Steuerzahler. Die Frage ist dann, ob der spanische oder alle in der Eurozone.

Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann hat am Wochenende einen Rettungsfonds für das gesamte Bankensystem in Europa angeregt. Ist die Lage wirklich so schlimm? Wenn sich die Lage in der Eurozone zuspitzt geraten natürlich auch Banken im restlichen Euroraum wieder unter Druck. Gerade heute sehen wir am Beispiel der Verlautbarungen der Commerzbank, wie schwierig die Lage für die Finanzhäuser derzeit ist, die Commerzbank spricht im Zusammenhang mit der «europäischen Staatsschuldenkrise» von «hoher Unsicherheit» und «Herausforderungen».

In den letzten Tagen war auch davon die Rede, dass Banken in Schieflage direkt an den Tropf des Europäischen Rettungsschirms kommen. Ein möglicher Weg? Rechtlich ist das nicht vorgesehen. Es bräuchte dazu Vertragsänderungen. Und das kann dauern, weil unter den Eurostaaten erst ein tragfähiger Kompromiss gefunden werden muss.

Im Zusammenhang mit den Rettungsplänen Spaniens für sein Bankensystem ist auch von einer Bad Bank die Rede. Ein Lösungsweg? Die jüngste Vergangenheit hat gezeigt, dass dies funktionieren kann. Allerdings muss man befürchten, dass der spanische Staat alleine damit überfordert wäre …

… und dann doch Hilfe vom Rettungsschirm beantragen muss. Ja genau. Besser wäre sicher eine Bad Bank auf europäischer Ebene. Aber auch hier wäre – bezüglich der Frage, wer das bezahlt – ein langer Verhandlungsprozess zu erwarten.

Wer bezahlt? Den Regierungen der Eurozone muss klar werden, dass die Schuldenkrise nur gemeinsam und mit einer langfristigen Strategie gelöst werden kann. Das heisst, es müssen alle Eurostaaten einspringen. Kurzfristig würde das die Staatshaushalte insgesamt zusätzlich belasten und möglicherweise Investoren weiter verunsichern. Deshalb ist besonders wichtig, parallel mit tiefgreifenden strukturellen Reformen für eine langfristige Wachstumsperspektive zu sorgen, damit Investoren ein Licht am Ende des Tunnels erkennen können.

Man kann es drehen und wenden, wie man will. Am Schluss landen wir immer bei der Fiskalunion, sprich alle haften gegenseitig füreinander. Ja. Der Anfang ist mit dem Fiskalpakt ja schon gemacht. Bis hin zur Fiskalunion ist es aber noch ein weiter Weg. Die Regierungen müssen sich und den Investoren die Frage beantworten, ob sie diesen Weg zu Ende gehen wollen.

*Jörn Spillmann ist Leiter Volkswirtschaft international bei der Zürcher Kantonalbank.

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