Arbeitslosigkeit, Armut und eine «Zombie-Wirtschaft»

Hintergrund

Russische und britische Bankkunden werden durch das Rettungspaket in Zypern hohe Einbussen hinnehmen müssen. Doch der grösste Verlierer ist das zypriotische Volk.

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Die wohl einzige gute Nachricht für die Zyprioten ist diese: Das in der Nacht auf Montag ausgehandelte Paket sieht vor, dass Kontoguthaben unter 100'000 Euro unangetastet bleiben. Verlierer sind die russischen und britischen Kunden, die ihr Geld in Zypern angelegt haben. Schätzungen gehen davon aus, dass von den gestern beschlossenen Massnahmen russische Guthaben in der Höhe von 25 Milliarden Euro betroffen sind.

Der grösste Verlierer bleibt aber das zypriotische Volk. Zwar wurde der Staatsbankrott vermieden, doch sowohl der Präsident wie auch der Finanzminister sind desavouiert. Beide haben, frisch gewählt, bereits mit Rücktritt gedroht und sind trotzdem geblieben, obwohl sie nichts erreicht haben. Damit sind sie unglaubwürdig geworden. Und das in einer Zeit, wo das Land eigentlich eine starke Führung brauchen würde.

Der Lebensstandard in Zypern wird nach dem Deal drastisch sinken. Das Land wird kein Finanzzentrum mehr sein. Doch nicht nur das, die beiden Grossbanken Laiki und Cyprus haben rund 70 Prozent der zypriotischen Wirtschaft finanziert. Das ist, wie wenn in der Schweiz die UBS und die CS zusammen vor dem Bankrott stehen würden.

Eingeschränkte Liquidität

Darum rechnen Ökonomen mit einem starken Ansteigen der Arbeitslosenquote von derzeit 12,5 Prozent, weil vielen Unternehmen nun die Insolvenz drohe. Wirtschaftliche Alternativen gibt es wenig ausser dem Tourismus. Aber auch hier hat sich die Wettbewerbssituation seit der Einführung des Euro massiv verschlechtert. Die Insel ist für viele zu teuer im Vergleich mit der Türkei. Die vorgesehenen Kapitalkontrollen schränken die Liquidität der Wirtschaft ein und machen das Export- und Importgeschäft für kleinere Firmen sehr schwierig.

Das ist ein grosses Problem für ein kleines Land, das weit davon entfernt ist, autark leben zu können. Das führt allein dieses Jahr zu einer Schrumpfung der Wirtschaft von 5 bis 10 Prozent und damit auch zu empfindlichen Einnahmeausfällen für die Regierung. Es geht das böse Wort einer «Zombie-Wirtschaft» um, das heisst einer dauerhaft von Eurohilfsgeldern abhängigen Gesellschaft.

Offiziell wurde die Einheit des Euro gewahrt, de facto aber sind Euros in Zypern viel weniger wert, weil sie nicht ausgeführt werden können. Längerfristig könnte sich herausstellen, dass die Implementierung von Kapitalkontrollen relativ einfach war, die Aufhebung der Massnahmen aber umso schwieriger. Island, von dem man sagt, es habe die Finanzkrise relativ gut überwunden, hat bis heute Kapitalverkehrskontrollen. Und dies, obwohl es seine Währung kräftig abwerten konnte und heute wieder als wettbewerbsfähig gilt.

«Scharfe Aufsicht»

Fragt sich auch, ob die Zyprioten unter diesen Umständen ihre Schulden verzinsen können. Denn nach dem 10-Milliarden-Hilfspaket der EU steigt die Verschuldung auf 140 Prozent. Wenn die Wirtschaft dieses Jahr um 5 Prozent schrumpft, sind es bereits 148 Prozent. Zusammengefasst passiert laut dem englischen Thinktank Open Europe folgendes: «Die Zyprioten erwartet ein massiver Anstieg der Arbeitslosigkeit, eine stagnierende Wirtschaft, Lohnsenkungen und eine scharfe Aufsicht durch die EU-Geldgeber.» Eben das, was man eine «Zombie-Wirtschaft» nennt.

«Auch die Eurogruppe hat Fehler gemacht»

Ein düsteres Zukunftsbild malt auch Zyperns Arbeitsminister Harris Georgiades. Er hat nach dem Beschluss des Rettungspaketes für sein Land vor einer stark schrumpfenden Wirtschaft und steigender Arbeitslosigkeit gewarnt. «Dieser einmalige Akt der Korrektur des Bankensystems wird die produktiven Sektoren der Wirtschaft in grosse Schwierigkeiten bringen, sagte er der «Bild»-Zeitung vom Dienstag. «Wir erwarten tiefe Rezession und steigende Arbeitslosigkeit.»

Georgiades, der auch zypriotischer Vize-Finanzminister ist, sieht in den Eurogruppen-Beschlüssen eine «schwere und schmerzhafte Entscheidung». «Wir werden von der Eurogruppe gebeten, alle Ungleichgewichte der Wirtschaft Zyperns auf einmal zu korrigieren. Das schafft Probleme für die Bürger Zyperns und die Unternehmen», sagte der Minister der «Bild». Er kritisierte zudem das Vorgehen der Eurogruppe. «Was ich sagen muss, ist, dass auch die Eurogruppe Fehler gemacht hat: Entscheidungen wurden getroffen und dann geändert.»

Ergänzt mit Material der Agentur AFP.

Tages-Anzeiger

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