Als wäre es ein Stoff aus Entenhausen

Auch Venezuela hat neu seine Digitalwährung.

Krise weglachen. Venezuelas Präsident Nicolas Maduro (l.) mit Bildungs- und Wissenschaftsminister Hugbel Roa.

Krise weglachen. Venezuelas Präsident Nicolas Maduro (l.) mit Bildungs- und Wissenschaftsminister Hugbel Roa.

(Bild: Keystone)

Die neuste Fortsetzung der ewig gleichen Story der Tulpenzwiebel trägt den Namen Digitalwährung. 1637 platzte in den Niederlanden die Spekulationsblase, die zuvor die Preise für Tulpenzwiebeln in den Himmel gehoben hatte. Kryptowährungen sind digitale Zahlungsmittel wie Bitcoin, die nicht von einer Notenbank geschöpft oder garantiert, sondern unter Verwendung von kryptografischen Methoden geschürft und durch die Verwendung der Blockchain-Technologie fälschungssicher gemacht werden.

Neben dem IPO, dem Börsengang einer Firma zwecks Geldaufnahme, gibt es inzwischen auch schon das ICO, Initial Coin Offering. Also eine Bude oder sogar eine Einzelperson hat eine neue Kryptowährung erfunden und wirft sie auf den Markt, zwecks Eigenfinanzierung. Das ist ungefähr so sicher, wie wenn ich den Kryptodagobert zum Kauf anbieten würde und als vertrauensbildende Massnahme behauptete, dass er durch den gesamten Inhalt des Geldspeichers von Dagobert Duck gesichert ist, und da handelt es sich doch um mindestens fünf Fantastilliarden Taler, wie von Donaldisten wissenschaftlich berechnet wurde.

Der Entenhausener Taler von Venezuela heisst «Petro» und soll angeblich bereits am Ausgabetag mehr als 700 Millionen Dollar in die leeren Staatskassen gespült haben. Jeder Petro sei mit einem Barrel, also 159 Liter Rohöl, besichert. Insgesamt 100 Millionen solcher Petro-Coins sollen ausgegeben werden; bei den aktuellen Preisen für Rohöl entspräche das rund sechs Milliarden Dollar. Nun tritt man Nicolas Maduro wohl nicht zu nahe, wenn man ihm unterstellt, dass er nicht den blassesten Schimmer hat, was eine Kryptowährung eigentlich ist. Fröhlich hat er bereits die Emission der nächsten Digitalwährung, des «Petro Gold», angekündigt, besichert mit den schwindsüchtigen Goldvorräten Venezuelas. Da warten wir doch auf den «Petro Meer», besichert mit reichlich vorhandenem Meerwasser. Oder den «Petro Sand», gebaut auf die inzwischen touristenfreien Sandstrände Venezuelas.

Viele Venezolaner haben Bitcoins

«Wir gehören zu den technologischen Vorreitern der Welt», brüstet sich Maduro, in Wirklichkeit hat er nur der Tulpenzwiebel einen neuen Namen gegeben. Abgesehen davon, dass niemand weiss, ob es sich bei den angeblichen Einnahmen von über 700 Millionen Dollar um Fake-News handelt oder nicht. Denn der Emittent des Petro, der venezolanische Staat, ist faktisch bankrott. Und die Ölreserven des Landes sind bereits als Sicherheiten für alle möglichen Kredite verpfändet, die Ölproduktion des Landes ist seit Jahren rückläufig. Also stehen keinesfalls 100 Millionen Ölfässer in der realen Welt, die den Wertgehalt von 100 Millionen Petros garantieren.

Nun mag man einwenden, dass auch Realwährungen wie Dollar, Euro oder Franken seit der Abschaffung der Golddeckung lediglich Fiatgeld sind. Also ein Objekt ohne inneren Wert, Papierscheine oder flimmernde Zahlen auf einem Bildschirm, die nur auf Vertrauen beruhend einen Tauschwert haben. Das ist im Prinzip richtig. Da aber als Garant die staatliche Notenbank auftritt, hat dieses Vertrauen eine vertretbare Begründung. Zudem sorgen der allgemeine Gebrauch und eingespielte Mechanismen beim Tausch dafür, dass die Werthaltigkeit dieser Währungen keine allzu grossen Sprünge vollführt. Normalerweise.

Ganz im Gegensatz zu Kryptowährungen. Der Bitcoin als ihr bekanntester Vertreter legt eine wilde Achterbahn beim Tauschverhältnis zu Realwährungen hin und eignet sich daher weiterhin höchstens als Spekulationsobjekt. Keinesfalls als Wertaufbewahrungs- oder allgemein anerkanntes Tauschmittel. Zudem fehlt dem Bitcoin wie allen anderen Kryptowährungen sozusagen die andere Seite der Medaille: Es können keine Kredite aufgenommen werden. Und könnte man es, wäre der Schuldner oder Gläubiger regelmässig pleite, wenn sich mal wieder in wenigen Stunden der Tauschwert eines Bitcoins zu Realwährungen wie dem Dollar oder dem Euro verdoppelt oder halbiert.

Da in Venezuela Hyperinflation herrscht und ausländische Währungen nur auf dem Schwarzmarkt zu horrenden Preisen erworben werden können, haben viele Venezolaner bereits in Bitcoin investiert. Aber nicht, weil sie grosses Vertrauen in diese Währung haben, sondern aus reiner Verzweiflung. Aber immerhin: Die Gesamtmenge an Bitcoin ist begrenzt, durch die Blockchain-Technologie ist er weitgehend fälschungssicher, zudem können Transaktionen anonym durchgeführt werden.

Das soll auch für den Petro gelten; konkret und in Fachchinesisch wurden in einem ersten geschlossenen Verkauf 38,4 Millionen Tokens nach ERC20-Standard begeben, beruhend auf der Ethereum-Blockchain-Technologie. Damit soll garantiert werden, dass dem Staat keine weiteren Emissionen möglich sind.

Es darf gelacht werden

Wer heute über die Dummheit der Menschen lacht, die in Tulpenzwiebeln, in Dotcom-Firmen, in verwurstete Hypothekarpapiere, in jede Form von Schneeballsystemen investierten und investieren – und sich gleichzeitig mit dem Gedanken trägt, in eine Kryptowährung Geld zu stecken, ist hoffentlich fähig, auch über sich selbst zu lachen. Ob das allerdings auch für Venezuelas Maduro gilt, muss bezweifelt werden.

Und ein kostenloser Tipp für alle, die auch über den Ankauf eines Petro nachdenken wie diejenigen, die Maduro angeblich bereits über 700 Millionen Dollar bescherten. Selbst wenn das stimmt: Für die Gründung einer AG müssen 100 000 Franken hingelegt werden, also ist die AG so viel wert. Im Prinzip ja; ausser, die 100 000 Franken werden am Tag nach der Gründung wieder abgezügelt.

Basler Zeitung

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