Wenn das Geld rostet

Analyse

Viele Notenbanken sitzen zurzeit in der Liquiditätsfalle. Um endlich daraus zu entrinnen, greift das US-Fed nun auf eine alte Idee zurück: Geld, das weniger wert wird.

Haucht einer alten Lehre neues Leben ein: US-Notenbankchef Ben Bernanke.

Haucht einer alten Lehre neues Leben ein: US-Notenbankchef Ben Bernanke.

(Bild: Keystone)

Philipp Löpfe

Kollege Markus Diem Meier begründet in seinem jüngsten Blogeintrag den Entscheid, weshalb Fed-Präsident Ben Bernanke angekündigt hat, die Zinsen bis 2014 praktisch bei null zu belassen. Der Entscheid ist ungewöhnlich und Diem Meiers Begründung dafür brillant, aber für Laien nicht unbedingt leicht verständlich.

Deshalb zunächst eine Version für Dummies: Bernanke will die Unternehmen davon überzeugen, dass in nächster Zeit die Inflation höher sein wird als die Zinsen. Wer also sein Geld hortet, der guckt in die Röhre, denn die realen Zinsen sind nicht nahe bei null, sondern unter null. Das gehortete Geld wird in zwei Jahren weniger wert sein als heute. Die US-Unternehmen sitzen derzeit auf einem Cash-Berg von rund 1700 Milliarden Dollar. Nun gibt ihnen das Fed einen starken Anreiz, zumindest einen Teil davon auszugeben und so für neue Arbeitsplätze zu sorgen.

Man wird bestraft, wenn man Geld hortet

Mit dieser Geldpolitik greift Bernanke eine alte Idee auf. Sie stammt von Silvio Gesell, einem sehr erfolgreichen Kaufmann deutsch-argentinischer Herkunft. Er lebte nach dem Ersten Weltkrieg jahrelang auf einem Bauernhof im Neuenburger Jura und hatte viele Freunde in der Schweiz. Gesell stellte die normale Vorstellung von Geld auf den Kopf. Man erhält nicht Zins dafür, dass man Geld ausleiht, sondern man wird bestraft, wenn man Geld hortet.

Geld wird so zur verderblichen Ware – oder, wie Gesell sich ausdrückte: Es rostet. Wer solches Geld besitzt, ist daher bestrebt, es möglichst rasch wieder auszugeben. Auf diese Weise wird die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes dramatisch erhöht. Das wiederum hat den Effekt, dass die Wirtschaft die Fesseln der Liquiditätsfalle loswird.

WIR und das Wunder von Wörgl

Die Ideen von Gesell haben sich in der Praxis bewährt. Am bekanntesten ist das «Wunder von Wörgl». In dieser kleinen österreichischen Stadt in der Nähe von Salzburg herrschte zu Beginn der 1930er Jahre grosse Not. Neue Arbeitsplätze wurden nicht mehr geschaffen, die Stadt war pleite und am Zerfallen. Da beschloss der Bürgermeister, das Experiment mit Freigeld zu wagen. Er setzte «Arbeitsbestätigungsscheine» in Umlauf, die nach dem Gesellschen Anti-Hortungs-Mechanismus funktionierten. Es klappte beinahe schlagartig: Zwischen Juli 1932 und November 1933 nahm die Arbeitslosigkeit in Wörgl um 25 Prozent ab. Das Städtchen wurde renoviert und konnte Suppenküchen für die Ärmsten betreiben. Nach gut einem Jahr wurde das Experiment von der österreichischen Nationalbank abgewürgt.

In der Schweiz wurden die Ideen von Gesell mit dem WIR-Geld umgesetzt. (Es rostet heute allerdings nicht mehr.) In jüngster Zeit gibt es vermehrt lokale Experimente mit solchen Währungen. In Deutschland schiessen sie wie Pilze aus dem Boden. Die bekannteste davon ist der «Chiemgauer» am gleichnamigen See in Bayern. Mit dieser Währung kann man in den meisten lokalen Läden einkaufen und sogar mit einer eigenen Kreditkarte bezahlen.

Mehr als eine irre Idee

Bei den Mainstream-Ökonomen gelten die Vertreter des «Geldes, das rostet» als Sektierer und Spinner. Gesell hatte aber auch prominente Fans. Dazu gehörten Irving Fisher, der bekannteste Finanztheoretiker der Zwischenkriegsjahre, und John Maynard Keynes, der berühmteste Ökonom überhaupt. Dass jetzt selbst das Fed auf «Geld, das rostet» setzt, zeigt, dass an der Idee etwas sein könnte.

baz.ch/Newsnet

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