Warum Irlands Aufschwung trügt

Die Iren haben das grösste Wirtschaftswachstum der Eurozone, und die Prognosen für 2016 sind gut. Es gibt aber einen Haken.

Gute Aussichten in Dublin: Irlands Wirtschaft wächst und wächst.

Gute Aussichten in Dublin: Irlands Wirtschaft wächst und wächst.

(Bild: Keystone Helen O'Neil)

Patrice Siegrist@pasiegrist

Die letzte Wirtschaftsparty Irlands endete im Desaster. Die Weltwirtschaftskrise traf die Iren mit voller Wucht. Viele verloren ihren Job oder ihr Haus, die Banken waren pleite, und deren Rettung liess die Staatsschulden explodieren. Irland nahm als erstes Euroland Finanzhilfe des Eurorettungsschirms an, und der Staat musste drastisch sparen. Jetzt, rund zwei Jahre nachdem die Iren den Eurorettungsschirm verlassen haben, scheint die irische Wirtschaft wieder in Feierlaune und der keltische Tiger auferstanden.

Zum zweiten Mal in Folge wächst die irische Wirtschaft am schnellsten in Europa. Das BIP legte 2015 fast um 7 Prozent zu. Die irische Regierungund die OECD prognostizieren für 2016 weitere rund 5 Prozent Wachstum. Innert zwölf Monaten stieg die Anzahl Beschäftigte um 56'000 an, und die Arbeitslosigkeit ist von einst 15 Prozent auf knapp 9 Prozent gesunken. Der private Konsum erholt sich ebenfalls, liegt aber noch unter dem Vorkrisenniveau.

Neben dem Wiederaufleben der Produktion von multinationalen Firmen und ausländischen Direktinvestitionen führen Ökonomen den Aufschwung auf den wachsenden Export zurück. Der Grund: Grossbritannien und die USA sind wichtige Handelspartner, und deren Wirtschaft läuft es im Vergleich zu den Euroländern besser. Zusätzlich begünstigt der schwache Euro die Exporte.

Neues altes Wachstum

Der Boom weckt unweigerlich Erinnerungen an die Zeit vor der Krise, und es stellt sich die Frage, ob sich in Irland die Geschichte wiederholt. Danny McCoy, Chef des irischen Unternehmerverbandes Ibec, sagte unlängst der «Financial Times», dass das derzeitige Wachstum mit demjenigen kurz vor der Krise nicht vergleichbar sei. Damals, zwischen 2004 und 2008, basierte es vor allem auf dem Bauboom, einer Kredit- und Immobilienblase, Steuererleichterungen und hohem Konsum.

Nun gleiche Irlands Wachstum wieder jener Phase zwischen Mitte der Neunziger- und Anfang der Nullerjahre, der «besseren Hälfte des keltischen Tigers», wie McCoy sagte. Dieses war geprägt durch eine wachsende Bevölkerung, gut ausgebildete, flexible Arbeitskräfte, Infrastrukturausgaben, ausländische Direktinvestitionen und Steueranreize.

Vorsicht mit dem irischen BIP

Das Wachstum hat aber einen Haken. Das irische BIP beinhaltet die nicht ausgeschütteten Gewinne von ausländischen multinationalen Unternehmen, welche die Produktion oftmals ausgelagert haben. Diese Gewinne blasen das BIP künstlich auf, da sie ausländischen Aktionären der Konzerne gehören und nicht den Iren selbst. Das Bruttosozialprodukt (BSP) schliesst die nicht ausgeschütteten Gewinne aus und wird von Beobachtern als geeignetere Kennzahl zur Messung der Wirtschaftsleistung Irlands angesehen. Das BSP-Wachstum liegt rund zwei Prozentpunkte tiefer als dasjenige des BIP, bei etwas mehr als 5 Prozent ist es aber immer noch hoch.

Dermot O'Leary, Chefökonom des irischen Börsenmaklerunternehmens Goodbody Stockbrokers, warnt vor beiden Kennzahlen für die Bewertung der irischen Wirtschaft. Ein Blick auf die Binnennachfrage, Investitionen, Konsum und Staatsausgaben sei besser, und gemäss diesen Indikatoren wachse die irische Wirtschaft derzeit eher etwas mehr als 4 Prozent und nicht 7, wie das BIP ausweise. Das sei aber immer noch ein Topwert, sagte er der irischen Zeitung «Independent».

Immer noch hoch verschuldet

Auch der Staat profitiert vom Aufschwung durch steigende Steuereinnahmen. Das Staatsbudget ist nur noch leicht defizitär. Irland bleibt aber hoch verschuldet. Die Staatsschulden sind etwa gleich hoch wie das aktuelle BIP, 204 Milliarden Euro.

Kritiker befürchten, dass die Regierung nun über die Stränge schlagen könnte, um die Wählergunst zu gewinnen – 2016 ist Wahljahr. Im Oktober präsentierte der Finanzminister das Budget für 2016, das Steuersenkungen und neue Ausgaben im Wert von 1,5 Milliarden Euro beinhaltet, und verteidigt diese Strategie: «Wir dürfen nicht mit der Zukunft spielen. Diese Regierung riskiert keine Destabilisierung der Erholung.» Die Wähler scheinen das Programm gutzuheissen. Gemäss jüngsten Umfragen unterstützen 40 Prozent die Regierungskoalition, was darauf hindeutet, dass die Feierlaune der irischen Wirtschaft auch den Regierungsparteien bei den Wahlen im Frühjahr ein Fest beschert.

baz.ch/Newsnet

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