Spanien sicherer als die USA

Die italienischen und spanischen Staatsanleihen sind derzeit stabiler als die amerikanischen T-Bonds. Warum steht die Finanzwelt Kopf?

Einer von 5,9 Millionen arbeitslosen Landsleuten: Dieser Spanier wartet vor der Universität von Valencia auf den Beginn eines Tests, um sich – wie 34'797 andere – für 200 offene Jobs im Gesundheitswesen zu bewerben. (24. November 2013)

Einer von 5,9 Millionen arbeitslosen Landsleuten: Dieser Spanier wartet vor der Universität von Valencia auf den Beginn eines Tests, um sich – wie 34'797 andere – für 200 offene Jobs im Gesundheitswesen zu bewerben. (24. November 2013)

(Bild: David Ramos/Getty Images)

Philipp Löpfe

Im Sommer 2012 lagen die Nerven der Investoren blank. Spanische und italienische Staatsanleihen führten täglich neue Kapriolen auf. Die Spreads – die Differenz zu anderen, vor allem zu deutschen Staatsanleihen – wuchsen bedrohlich, der Euro drohte auseinanderzufallen.

Dann kam EZB-Präsident Mario Draghi mit seinem «Whatever it takes»-Versprechen. Das wirkte Wunder. Heute sind langfristige spanische und italienische Staatsanleihen stabiler geworden als amerikanische. «Wir befinden uns in einer Tiefe-Risiken-Welt für die europäischen Peripherieländer und in einer Hohe-Risiken-Welt für US-Treasuries», erklärt UBS-Stratege Ramin Nakisa. «Schuld daran sind die Spekulationen und das Tapering.»

Der amerikanische Markt ist leer gefischt

Diese neu gewonnene Stabilität der Mittelmeerländer hat Folgen: «Private-Equity-Firmen stürzen sich wieder auf Spanien und Italien», schreibt das «Wall Street Journal». Es beruft sich dabei auf den Datendienst Prequin, der seinerseits meldet, dass derzeit allein in den USA rund vier Milliarden Euro für strategische Geschäfte in den Ländern gesammelt worden sind. Das ist viermal mehr als im Jahr 2010. Der Grund ist primär technischer Natur: Viele Buyout-Firmen zieht es ans Mittelmeer, weil der amerikanische Markt leer gefischt und damit sehr teuer geworden ist.

Die Situation der realen Wirtschaft Italiens und Spaniens ist jedoch nach wie vor prekär. Nach langen Jahren der Rezession wächst zwar das spanische Bruttoinlandprodukt (BIP) wieder, allerdings bescheiden, und die Wunden der Krise sind nach wie vor tief. Mehr als 600'000 Arbeitnehmer haben allein in den letzten beiden Jahren ihren Job verloren, die Arbeitslosigkeit liegt noch über 20 Prozent, die Staatsverschuldung wird im nächsten Jahr gegen 100 Prozent des BIP erreichen. Wenig erstaunlich ist daher, dass die einheimische Nachfrage eingebrochen ist – in Spanien herrscht derzeit eine leichte Deflation.

Mehr Hoffnung denn Realität

Noch schlechter sieht es in Italien aus. Dort ist weder die hartnäckige Rezession überwunden worden, noch die politische Lage geklärt. Noch wird Rom von Nachbeben des langen Abgangs von Silvio Berlusconi erschüttert. Die Regierung von Enrico Letta hat wirtschaftspolitisch kaum ein Bein vors andere gebracht. Kürzlich hat die EU-Kommission die Budget-Vorschläge für das kommende Jahr abgelehnt und Remedur gefordert, genau wie übrigens auch bei Spanien.

Italiens Wirtschaft ist nach wie vor ein Trauerspiel. Die Produktivität hat seit 2008 sogar abgenommen, die Staatsverschuldung liegt bei 133 Prozent des BIP. Zudem sind die Wachstumsaussichten mager. Zwar sollte es auch Italien gelingen, die Rezession abzuschütteln. Doch die Prognosen der EU-Kommission sind enttäuschend. 0,7 Prozent wird das italienische BIP voraussichtlich nächstes Jahr zulegen, 1,2 Prozent im Jahr 2015. Die derzeit erstaunlich stabilen Zinsen sind ein grosses Glück für Spanien und Italien. Sie widerspiegeln jedoch mehr Hoffnung denn Realität.

baz.ch/Newsnet

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