Panikverkäufe im Rubel

Auch eine massive Intervention der Notenbank kann den Zerfall nur kurzzeitig stoppen. Die russische Währung stürzt regelrecht ab.

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Nach einer massiven Zinserhöhung der russischen Zentralbank hat sich der Kurs des Rubel zunächst erholt. Zu Handelsbeginn notierte die russische Währung neun Prozent höher. Für einen Dollar gab es 58 Rubel. Später gab die russische Währung die Gewinne wieder ab. Schliesslich stürzt der Kurs regelrecht ab. Nach dem Mittag hatte der Rubel gegenüber dem Vortag noch einmal mehr als 20 Prozent gegenüber Dollar und Euro verloren. Der Wechselkurs durchbrach die Marken von 80 Rubel je Dollar und 100 Rubel je Euro. Erstmals mussten damit mehr als 70 Rubel für einen Dollar gezahlt werden. Der Leitindex RTS an der Börse von Moskau stürzte um 14 Prozent ab. Die russische Währung ist damit 60 Prozent weniger Dollar wert als noch zu Jahresbeginn. Zentralbankchefin Elvira Nabijullina warnte, es werde «Zeit brauchen», bis sich der Rubel erholt habe.

Der Vizechef der Notenbank, Sergei Schwezow, kündigte nach dem jüngsten Kurssturz weitere Massnahmen an. «Die Lage ist kritisch», zitierte ihn die russische Nachrichtenagentur Interfax. «Das hätten wir uns vor einem Jahr in unseren schlimmsten Albträumen nicht vorstellen können.»

«Ohne eine politische Antwort und angesichts des sinkenden Ölpreises sind sämtliche Anstrengungen der Zentralbank, den freien Fall aufzuhalten, nutzlos», sagte die Ökonomin Inna Muftejewa von Natixis. Regierungsschef Medwedew setzte ein Treffen mit Ministern an. Präsident Putin, der trotz aller Kritik des Westens in seinem Land weiter beliebt ist, äusserte sich vorerst nicht. Sein Sprecher Dmitri Peskow verwies darauf, dass die Regierung Medwedews für wirtschaftliche Fragen zuständig sei, nicht der Präsident. Putin dürfte sich aber spätestens am Donnerstag zum Rubel äussern, wenn er vor hunderten russischen und ausländischen Journalisten eine Rede hält.

Am Montag war der Rubel um zehn Prozent abgestürzt, der grösste Kursverfall seit 1998. Die Zentralbank hatte daraufhin in der Nacht den Leitzins von 10,5 auf 17 Prozent erhöht, um Kapital anzulocken.

Leitzins steigt von 5,5 auf 17 Prozent

Die russische Zentralbank hat den Leitzinssatz in der Nacht auf heute von 10,5 auf 17 Prozent drastisch angehoben. Zum Jahresbeginn waren es noch 5,5 Prozent. Schon in der vergangenen Woche hatte die Zentralbank versucht, den Verfall der Währung mit Stützungen aufzuhalten.

Als Gründe für den Absturz des Rubel werden die Sanktionen mehrerer westlicher Länder gesehen, die Russland im Zuge der Ukraine-Krise auferlegt wurden, aber auch ein starker Fall der weltweiten Ölpreise. Diese sanken von einem Hoch im Sommer von umgerechnet knapp 86 Euro pro Barrel auf nur noch etwa 45 Euro – wobei Öl eine Säule der russischen Wirtschaft ist.

Regierung prognostiziert Rezession

Ein fallender Rubel könnte die Inflation in Russland auf eine gefährlich hohe Stufe treiben. Die russische Regierung hatte kürzlich ihren ökonomischen Ausblick für das kommende Jahr herabgestuft. Es wurde vorhergesagt, dass die Wirtschaft des Landes in die Rezession sinken wird.

Der immense Schritt der russischen Zentralbank zeigt das Ausmass der wirtschaftlichen Risiken, denen sich Moskau derzeit stellen muss. Er spiegelt die Furcht davor wider, der Rubel könnte weiter sinken und eine Panik unter den Verbrauchern mit einem Ansturm auf die Banken auslösen. Dies würde die ökonomischen Probleme Russlands weiter verschärfen.

Durch das Anheben der Zinssätze hofft die Bank darauf, dass es Investoren wieder lukrativer finden werden, ihr Geld in Russland zu belassen. «Sie tun es als Köder, um die Leute zu ermutigen, ihre Rubel zu Hause zu lassen anstatt weiterhin aus der Währung und dem Land zu fliehen», sagte der Ökonom des University of California, Barry Eichengreen. Dies sei ein Versuch, Zeit zu gewinnen. «Es löst keines der eigentlichen Probleme, die die russische Wirtschaft hat», sagte Eichengreen.

Sanktionen treffen Moskau hart

Besonders die Wirtschaftssanktionen aus dem Westen hatten Moskau sehr getroffen. Im September gaben die Europäische Union und die USA wegen des vermuteten russischen Vorgehens in der Ostukraine eine neue Runde an Strafmassnahmen bekannt. Dazu zählte eine Blockierung der westlichen Finanzmärkte für führende russische Konzerne und eingeschränkte Importe von bestimmten Technologien. Durch die zusätzlichen Sanktionen war von dem Ökonom Alexej Kudrin erwartet worden, dass Russland für ein oder zwei Jahre in die Rezession stürzen werde. Kudrin war bis 2011 elf Jahre lang unter Präsident Wladimir Putin russischer Finanzminister.

chk/rar/sda/AFP

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