Grosser Frust mit Industrie-Food

Trendforscherin Bettina Höchli sagt, wo die Menschen, die unzufrieden mit dem industriellen Essen sind, ihr Seelenheil finden.

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Die Luft im Raum riecht nach Honig und fühlt sich auch so an, warm und klebrig. In der Ecke steht eine Zentrifuge, vor den Fenstern summen ein paar Bienen. ­Fabian Vollenweider hat mit der Zentrifuge den Honig aus den Bienenwaben geholt und in Gläser gefüllt. Die sind für den Hofladen bestimmt, nebenan. Dort werden sie in den nächsten Monaten verkauft. Es gibt auch Brot, Obst, Früchte, Gemüse, Salat, Fleisch und ­Joghurt, alles aus eigener Produktion. Hergestellt von Fabian Vollenweider, seinen Eltern und seinen beiden Geschwistern, auf dem Lindenhof im aargauischen Benzenschwil.

Hier lebt die Bauernfamilie seit mehreren Generationen. Den bedienten Hofladen baute sie vor eineinhalb Jahren. «Etwa die Hälfte unserer Einnahmen kommt bereits aus dem Direktverkauf, und der Anteil steigt laufend», sagt ­Fabian Vollenweider. Genaue Umsatzzahlen will er nicht verraten, nur so viel: «Wir sind mit dem Geschäft zufrieden.» Die Kunden kämen zu einem grossen Teil aus der Region, viele aber auch von weiter her. Der Lindenhof liegt auf der Verkehrsachse zwischen Zug und Aarau, davon profitieren die Vollenweiders. Ausserdem spreche sich das Angebot langsam herum. Vor allem die frischen Erdbeeren verkaufen sich gut.

Die roten Beeren im Laden sehen tatsächlich verlockend aus. Doch sie sind es wohl nicht allein, die das Publikum hierher in den tiefen Aargau holen. Das Angebot der Vollenweiders spricht auch Sehnsüchte an. Jene der sogenannt bewussten Konsumenten, die genug haben von industriell produzierten Lebensmitteln, deren Herkunft sie nicht nachvollziehen können.

Unzufrieden mit dem Essen

Von diesen Menschen gebe es immer mehr, sagt Bettina Höchli, Trendfor­scherin am Gottlieb-Duttweiler-Institut. Denn seit ein paar Jahren lasse sich eine Unzufriedenheit mit der Ernährung beobachten. Einerseits wegen der grossen Distanz zwischen den Konsumenten und der Nahrungsmittelproduktion. ­Andererseits, weil die Menschen immer häufiger unterwegs sind und kaum Zeit haben, ihre Mahlzeiten sorgfältig auszuwählen. «Unter gutem Essen verstehen wir heute Bodenständiges, Nachhaltiges, Frisches und Natürliches. Aber die Realität entspricht diesen Ansprüchen oft nicht. Daraus entsteht ein Spannungsfeld», sagt Höchli.

Um dieses Spannungsfeld abzubauen, zelebriert die Gesellschaft die Regionalität. Das geht kaum irgendwo besser als im Hofladen. Man müsste meinen, dass die kleinen Geschäfte deshalb boomen. Tatsächlich ist die Zahl der Höfe, die ihre Erzeugnisse direkt verkaufen, zwischen 2010 und 2013 um fast 20 Prozent auf 8400 gestiegen – während die Gesamtzahl der landwirtschaftlichen Betriebe um 7 Prozent sank. Allerdings werden hier nicht nur Läden mitgezählt, sondern jeglicher Verkauf von Produkten ab Hof, und sei es nur über einen unbedienten Kühlschrank am Wegrand. Dass der Hofladen einen so grossen Anteil am Umsatz ausmacht wie bei den Vollenweiders, ist wohl eher die Ausnahme. «Wir gehen davon aus, dass die Bauern pro Jahr etwa 500 Millionen Franken über den Direktverkauf umsetzen», sagt Mirjam Hofstetter vom Schweizer Bauernverband. Das entspricht knapp 5 Prozent des gesamten Produktionswerts der Schweizer Landwirtschaft im letzten Jahr.

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Ralf Bucher vom Bauernverband Aargau warnt davor, das Hofladenkonzept zu idealisieren. Der Aufwand, den er für die Bauern mit sich bringe, sei nicht zu unterschätzen. «Gerade bei bedienten Läden muss einiges über die Theke gehen, damit die Rechnung stimmt.» Alles stehe und falle mit der Lage des Hofs: «Wer mit seinem Laden wirklich Erfolg haben will, muss für die Kunden gut erreichbar sein.» Die anderen müssen sich nach Vertriebskanälen umsehen. Zum Beispiel nach grossen Detailhändlern wie Migros, Manor oder Coop. Auch diese haben die Heimat als Verkaufsargument entdeckt. Während die Migros seit mehr als zehn Jahren auf das Label «Aus der Region. Für die Region» setzt, hat Coop 2014 das Label «Miini Region» eingeführt. Das wichtigste Kriterium für die Vergabe ist dasselbe: Die Hauptzutaten müssen aus der nahen Umgebung der einzelnen Verkaufsgebiete stammen. Bei den Kunden kommt dieses Angebot an. Allein die Migros verkauft mittlerweile rund 9500 regionale Produkte. Seit 2011 stieg der Umsatz um 15 Prozent auf fast 900 Millionen Franken. Damit war das Regio-Label 2015 das erfolgreichste Einzellabel der Migros überhaupt, vor dem gesamtschweizerischen Label Terra Suisse (714 Millionen Franken) und den Bioprodukten (681 Millionen Franken).

«Regionalität wird zur Illusion»

Wie gross ihre Marge bei den regionalen Produkten ist, geben Migros und Coop nicht bekannt. Laut Ralf Bucher vom Aargauer Bauernverband kann zumindest die Bruttomarge mitunter hoch sein. Er rechnet das anhand eines Kilos Äpfel vor. Der Produzentenpreis liegt unter einem Franken pro Kilo, der Verkaufspreis bei über drei Franken. Beim Direktverkauf müssten die Bauern dafür alle Kosten für Vertrieb und Werbung selbst tragen. «Deshalb ist der Weg über den Detailhandel für viele trotzdem der richtige», sagt Bucher.

Anders sieht es der Solothurner Landwirt André Ziegler. Er setzt wie die Vollenweiders auf den Direktverkauf. «Regionale Produkte lassen sich wunderbar bewerben, mit schönen Bildern und den Namen der Bauern darunter.» Aber im Detailhandel brauche es eine so grosse Menge, «dass Regionalität zur ­Illusion wird». Konsumentenschützer bemängeln ausserdem, dass auch regional gelabelte Produkte oft Zutaten aus weiter Ferne enthalten. Und dass sie für die Verarbeitung teilweise durch die halbe Schweiz gefahren werden. Vor ­einigen Jahren machte etwa die Migros Schlagzeilen, weil sie Hühner aus Zürich in den Kanton Freiburg transportierte, um sie dort zu schlachten und wieder als regionale Poulets in die Zürcher Läden zu bringen.

Solche Widersprüche will André Ziegler nicht produzieren. Er feilt lieber an einem neuen Vertriebskonzept, das er zusammen mit anderen Bauern aus der Region und mit der Post lanciert hat. «Buur on Tour», so der poppige Name des Angebots, ist ein Hauslieferabo für regionale Lebensmittel. Der Pöstler ist gleichzeitig Lieferant und verteilt die Pakete mit den bestellten Waren auf seiner täglichen Runde. Das sei nicht nur sinnvoll, weil bestehende Vertriebskanäle genutzt werden, sagt Ziegler. «Sondern auch, weil die Bauern so kaum etwas von ihrer Marge abgeben müssen.»

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