«Europa befindet sich seit Jahren im Niedergang»

Der Forscher John Naisbitt glaubt, dass China neben den andern Bric-Ländern Brasilien, Russland und Indien am besten für die Zukunft gerüstet ist. Chinesen seien schneller und anpassungsfähiger als andere Völker.

«China baut ein vollkommen neues Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell»: Der Zukunftsforscher John Naisbitt.

«China baut ein vollkommen neues Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell»: Der Zukunftsforscher John Naisbitt.

(Bild: Keystone)

Herr Naisbitt, alles schwärmt von den Bric-Schwellenländern Brasilien, Russland, Indien und China. Einige Ökonomen sagen, der Optimismus sei völlig übertrieben.
Was Brasilien, Russland und Indien anbelangt, bin ich auch dieser Meinung. Zum Beispiel Indien: Die Infrastruktur ist katastrophal, die Wirtschaft basiert praktisch nur auf dem Informatiksektor und dem Outsourcing, und Unternehmer befinden sich ständig im Kampf mit Gesetzen und Vorschriften. Das einzige Bric-Land, das es schaffen wird, ist China.

Warum?
In den letzten 30 Jahren hat sich das Land von null zum zweitgrössten Produzenten der Welt emporgearbeitet. Das ist einfach revolutionär! Und die nächsten 30 Jahre werden ebenso revolutionär verlaufen. Die Chinesen sind schneller und anpassungsfähiger als andere Völker. China ist kein kommunistisches Land mehr, das ist bloss noch eine Schau. Heute gehören über 70 Prozent der Wirtschaft zum privaten Sektor. Man kombiniert jetzt den Entscheidungsprozess von oben mit der Initiative von unten. Heute kann jede Provinz über Projekte bis zu 100 Millionen Dollar autonom entscheiden.

China hat das Image eines Billiglohnlandes, das bloss zusammensetzt, was andere entworfen und hergestellt haben. Wo bleiben eigene Produkte und Technologien?
Noch ist das so. Aber China wird sich sehr schnell zu einem innovativen Land entwickeln. Die Chinesen wollen bloss nicht dort anstehen, wo Amerikaner und Europäer schon seit Jahrhunderten präsent sind. Deshalb setzen sie im Automobilsektor auf Elektroautos. BYD Auto entwickelt das zurzeit vielversprechendste Elektroauto Chinas. Warren Buffett ist übrigens der grösste ausländische Einzelaktionär von BYD Auto. Weitere Branchen sind die Bio- und Nanotechnologie sowie der IT-Sektor.

Was sind die grössten Gefahren?
Korruption, Umweltverschmutzung und die wachsende soziale Kluft zwischen Stadt und Land.

Korruption, Inflation und tiefe Löhne waren mit Ursachen der Aufstände in Ägypten und Tunesien, und vor Jahren gingen deswegen auch chinesische Studenten auf die Strasse. Wird das wieder geschehen?
Inflation kommt und geht. Wird China deswegen verschwinden? Ich sage: Das ist der Floh auf dem Elefanten und nicht zentral. In vielen Regionen wurden die Mindestlöhne angehoben, und man wird Preiskontrollen einführen. Aber auch das ist keine Gefahr für Chinas Fortschritt. In Ägypten und Tunesien haben die Menschen die Regierung gehasst, in China stehen sie hinter ihr. Das zeigen Umfragen des PEW-Forschungszentrums.

Glauben Sie denen?
Grundsätzlich habe ich meine liebe Mühe mit Umfragen. Aber angesichts der grossen Diskrepanz – 40 bis 50 Prozent Zustimmung für die Regierung in Nordafrika und 80 bis 90 Prozent in China – spreche ich ihnen eine gewisse Aussagekraft zu. China ist eine andere Geschichte als die Maghreb-Staaten. In den letzten Jahrzehnten sind 400 Millionen Chinesen der Armut entronnen, und in den nächsten Jahren werden mehrere Hundert Millionen Menschen in die Mittelklasse aufsteigen.

China wird Autokratie mit Demokratie vermischen. Wie demokratisch ist China heute?
Rede- und Versammlungsfreiheit sind noch nicht verwirklicht. Aber die Chinesen haben mittlerweile so viele soziale und gesellschaftliche Freiheiten, dass das kein grosses Thema ist. Wir wissen, dass gegenwärtig in rund 800 Dörfern demokratisch gewählt wird. Die Entwicklung hin zur Demokratie wird durch das Internet beschleunigt, aber es geht nicht von heute auf morgen. Europäer und Amerikaner brauchten schliesslich auch mehrere Jahrhunderte, bis sie so weit waren wie sie.

Amerika und China werden die führenden Wirtschaftsnationen der Zukunft sein. Europa gehört Ihrer Meinung nach nicht dazu. Warum?
Ich lebe in Wien und liebe Europa. Aber es befindet sich seit Jahren im Niedergang. Die EU hat keine einheitliche Wirtschaft, sondern eine Ansammlung von Wirtschaften, angeführt von Bürokraten. Vor zwei Jahren wurde die Konkurrenzklausel zwischen den Mitgliedsländern ausser Kraft gesetzt. Dabei ist es doch gerade der Konkurrenzgedanke, der eine Wirtschaft antreibt. In China herrscht sehr viel Konkurrenz.

Früher wurden Kleider und Schuhe noch in Südeuropa produziert. Dann gingen die Firmen nach China der konkurrenzlos tiefen Löhne wegen.
Viele Firmen und ganze Industrien, wie die pharmazeutische, haben Europa verlassen. Aber bevor sie nach China gegangen sind, gingen sie in die USA. Die gleiche Abwanderung haben wir bei europäischen Professoren und Gelehrten gesehen. Dieser Prozess geht nun schon seit Jahren.

Die USA stehen heute auch nicht besser da als Europa.
Die Finanzkrise hat alles zerstört. Gegenwärtig liegen sich alle in den Haaren, wer recht hat und wer nicht. Aber ich glaube an die Erneuerungskraft Amerikas, denn ich habe in meinem langen Leben schon viele schlechte Zeiten erlebt. Die USA werden die grösste Wirtschaft bleiben, und ich glaube nicht, dass China je zu den USA aufschliessen wird.

Zu viel Konkurrenz ist schlecht. Was eint die Chinesen?
Früher war es der Kommunismus, dann war es der Wille, reich zu werden. Heute sagen viele, insbesondere junge Leute, dass Geld allein nicht genügt. Ich glaube, es ist die Liebe zu ihrem Land, die die Chinesen vereint. Sie haben jahrhundertelange Demütigungen von Korea und Japan erdulden müssen. Sie glauben, sie sind speziell, und sie können es nicht ausstehen, wenn man sie wie kleine Schulkinder belehrt.

Tages-Anzeiger

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