«Es besteht die Gefahr einer Attacke auf den Franken»

Interview

Nicht nur über eine Erhöhung der Euro-Franken-Kursuntergrenze wird debattiert, auch von einer Aufhebung ist die Rede. Was ist dran? Wir fragten Währungsexperte Peter Bernholz.

Kursentwicklung unter scharfer Beobachtung: Börsenhändler in einem Tradingraum eines Zürcher Finanzinstituts.

Kursentwicklung unter scharfer Beobachtung: Börsenhändler in einem Tradingraum eines Zürcher Finanzinstituts.

(Bild: Reuters)

Matthias Chapman@matthiaschapman

Herr Bernholz, verschiedentlich wurde mit der jüngsten Entspannung an den Finanzmärkten über eine mögliche Aufhebung der Untergrenze für den Euro-Franken-Kurs gesprochen. Was sagen Sie dazu? Unterschwellig war das schon immer Teil der Währungsdebatte. Ich halte das aber zum jetzigen Zeitpunkt für völlig verfehlt. Die Politik der SNB hat sich glücklicherweise bewährt, für die Schweizer Wirtschaft ist das ganz wichtig. Eine Aufhebung der Untergrenze hingegen hätte vermutlich eine sofortige Attacke auf den Franken zur Folge.

Trotzdem: Die Sorgenfalten bei der SNB wegen des Immobilienbooms werden immer tiefer. Sie kann aber die Zinsen nicht anheben, weil sie damit gleich die Euro-Franken-Untergrenze wieder torpedieren würde. Kein Wunder kommt die Debatte auf. Die Nationalbank steckt in einem Dilemma. Einerseits sieht sie den Immobilienboom kommen, kann aber andererseits die Bremse nicht anziehen. Ihr sind die Hände gebunden. Verantwortlich für die missliche Lage ist die expansive Geldpolitik der USA und der Euroländer.

Früher oder später aber wird man sich von dieser Untergrenze lösen müssen. Das ist ein Problem, das in der weiteren Zukunft liegt. Und sollte es einmal geschehen, tut man es durch einfache Deklaration. Mit der Aufhebung der Untergrenze aber würde jegliche Garantie für die Behauptung eines festen Wechselkursziels wegfallen.

Als die Nationalbank in den 70er-Jahren eine Untergrenze zur D-Mark festgelegt hat, wie löste man sich von dieser Politik? Dazu musste man aktiv gar nichts tun. Das Problem löste sich von alleine. Der Kurs der D-Mark sprang in relativ kurzer Zeit deutlich über die festgelegte Untergrenze. Damals allerdings war die Weltlage viel besser als heute. Sprich, die Geldpolitik der führenden Notenbanken war nicht dermassen expansionistisch.

Von 1.24 Franken pro Euro noch im letzten Herbst stehen wir nun wieder bei 1.20 Franken. Wie deuten Sie diese Zahlen? Ich sähe sehr gerne die täglichen Daten der SNB-Intervention. Aber diese werden leider nicht publiziert. Persönlich hätte ich lieber einen Kurs von beispielsweise 1.27 Franken. Dann wäre der Spielraum grösser, um auf allfällige Veränderungen reagieren zu können.

Woran denken Sie? Zum Beispiel an eine weitere Geldschwemme der US-Notenbank.

Genau das hat Ben Bernanke am Montag aber jetzt angedeutet. Ja. Mit einem QE3 (weitere monetäre Lockerung bei Nullzinspolitik der Notenbank durch Aufkauf von Wertpapieren) könnte der Aufwertungsdruck auf den Franken wieder zunehmen. Aber auch, wenn sich die Schuldenkrise in den Euroländern wieder verschärft, etwa Portugal oder gar Spanien in grössere Schwierigkeiten geraten.

Der Kurs des Euro liegt nun seit Wochen um 1.205 Franken. Wie interpretieren Sie das? Ich habe den Eindruck, dass die SNB von den Märkten nach wie vor respektiert wird.

Wie wichtig ist die möglichst rasche Besetzung des dritten Direktoriumspostens bei der SNB? Natürlich wäre es wünschenswert, wenn das schneller vonstattengegangen wäre. Dass dieser Stuhl solange leer bleibt, zeigt aber auch, wie wenig Politiker von der Bedeutung der Erwartungen für diese monetäre Probleme verstehen. Die Haltung des Bundesrates in dieser Sache ist unverständlich.

Was halten Sie von der These, der Bundesrat wolle mit der Politik des leeren Stuhls Druck machen für eine Anhebung der Kursuntergrenze? Es wäre sicher genau der falsche Weg. Mit der Politik des leeren Stuhls erreicht man genau das Gegenteil, nämlich die Gefahr einer Attacke auf die festgelegte Untergrenze des Frankens.

baz.ch/Newsnet

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