Der falsche Sputnik-Moment

Analyse

Drei Gründe, warum sich Präsident Barack Obama irrt, wenn er sich einen Sputnik-Moment herbeisehnt.

  • loading indicator
Philipp Löpfe

In seiner «State of the Union»-Rede hat Präsident Barack Obama erneut von einem «Sputnik-Moment» gesprochen. Er meint damit, dass die USA nicht nur der Bezeichnung nach wieder vereinigte Staaten sein müssen, sondern eine geeinte Nation, die der wirtschaftlichen Herausforderung einer globalisierten Welt die Stirn bieten kann. So nobel die Absicht, so falsch der Vergleich. Dazu gibt es drei Gründe:

Erstens: Der Original-Sputnik-Moment fand 1957 in der Hochphase des Kalten Krieges statt. Die Sowjetunion war damals nicht ein zerfallendes Riesenreich, sondern eine aufstrebende Supermacht. «Wir werden euch begraben», schleuderte der damalige starke Mann der UdSSR, Nikita Chruschtschow, den Amerikanern in einer denkwürdigen Rede vor der UNO ins Gesicht.

Heute ist China der Rivale der USA, und die Verhältnisse lassen sich nicht vergleichen. Zwischen den USA und China bestehen enge wirtschaftliche Bande, und die Amerikaner schulden den Chinesen die Kleinigkeit von rund einer Billion Dollar. Es geht nicht mehr darum, wer zuerst auf den Mond fliegt, sondern wie die beiden Volkswirtschaften friedlich und sinnvoll koexistieren können.

Zweitens: Nicht nur geopolitisch, auch innenpolitisch war die USA in den 50er-Jahren eine ganz andere Gesellschaft. Der Sputnik-Moment war möglich, weil die Amerikaner damals noch über sehr viel soziales Kapital verfügt haben, weil der Gemeinschaftssinn gross war. Die Soldaten, die aus dem Zweiten Weltkrieg zurückgekehrt waren, konnten zu grosszügigen Bedingungen ihr Studium nachholen. Die USA bauten damals die modernste Infrastruktur der Welt, das beste Bildungssystem und das fortschrittlichste Gesundheitswesen.

Das war möglich, weil die Einkommensunterschiede viel kleiner und die Einkommenssteuern viel höher waren. Die Jahrzehnte des Neoliberalismus haben das soziale Kapital der USA verbrannt. Amerika ist ein sehr egoistisches Land geworden. Heute zerfällt die Infrastruktur. Die High Schools bilden Analphabeten aus und das Gesundheitssystem ist eine Zweiklassengesellschaft geworden. Dafür hat die USA sehr tiefe Steuern für Superreiche.

Drittens: Der Präsident will mit seinem Sputnik-Moment die Zukunftsindustrien ankurbeln, die sogenannte Cleantech. Das lässt sich nicht mit einem einmaligen Kraftakt machen. Einen Mann zum Mond schicken, lässt sich in einem symbolischen Duell wirksam umsetzen. Bei Cleantech zählen Beharrlichkeit und kleine Schritte.

Was das bedeutet, hat Professor Nathan Lewis vom California Institute of Technology wie folgt zusammengefasst: «Bei der Mondlandung war Geld kein Thema – und alles, was wir zu tun hatten, war, dorthin zu gelangen. Aber heute haben wir bereits billige Energie aus Kohle, Gas und Öl. Die Menschen von sauberer Energie zu überzeugen, ist ungefähr so, wie wenn die Nasa ein Raumschiff zum Mond bauen sollte, obwohl Southwest bereits dorthin fliegt und den Passagieren gratis Erdnüsschen verteilt.»

baz.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt