Der Schweizer Tourismus hofft auf die Türken

Hintergrund

Für viele hiesige Feriendestinationen war die Sommersaison enttäuschend. Nun solle ein «Notprogramm» den Hotels wieder mehr Gäste bringen. Die Zielmärkte liegen in der islamischen Welt.

Touristen aus der Türkei oder Indonesien sollen die fehlenden europäischen Besucher ersetzen: Ansturm auf dem Schiffssteg in Nyon VD.

Touristen aus der Türkei oder Indonesien sollen die fehlenden europäischen Besucher ersetzen: Ansturm auf dem Schiffssteg in Nyon VD.

(Bild: Keystone)

Fabian Renz@renzfabian01

Die Frankenstärke und die Wirtschaftskrise in Europa machen den Schweizer Feriendestinationen zu schaffen. Dies zeigen Zahlen zum Sommergeschäft: Allein im Juli schwanden die Hotelübernachtungen laut Bundesamt für Statistik um 7,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. «Seit der Franken derart an Wert gewonnen hat, sind uns ein Fünftel aller Logiernächte verloren gegangen», sagt Peter Vollmer, Vizepräsident der Marketingorganisation Schweiz Tourismus. Dramatisch ist die Abnahme vor allem bei den Gästen aus den europäischen Ländern, die traditionellerweise drei Viertel aller ausländischen Urlauber stellen.

Angesichts der anhaltenden Probleme ersucht Schweiz Tourismus nun die Politik um Hilfe. Wie Vollmer auf Anfrage erklärt, wird der Verband Geld für ein «Notprogramm» erbitten, das am 1. Januar 2013 starten soll. Geplant ist unter anderem, die Schweiz in Ländern zu bewerben, die bislang nicht als Zielmärkte galten. Im Mittelpunkt stehen dabei zwei Staaten aus der islamischen Welt: die Türkei und Indonesien.«Beide Länder haben eine sehr zahlreiche Bevölkerung und wiesen in den letzten Jahren ein starkes Wirtschaftswachstum auf», erläutert Vollmer. Gerade in der Türkei gebe es heute einen breiten Mittelstand, der sich Reisen leisten könne. «Mit mehr Türken und Indonesiern reduzieren wir unsere Abhängigkeit von Touristen aus Europa.» Das «Notprogramm» sieht auch vor, die Werbetätigkeit in bisher schon beackerten Märkten wie China, Brasilien und Indien zu intensivieren und neue touristische Reiserouten in der Schweiz zu schaffen. Innert der nächsten drei Jahre erhofft sich Vollmer hierfür staatliche Mittel im Umfang von 36 Millionen Franken; die erste Tranche wird für das Budget 2013 beantragt.

Ansprüche an die Köche

Die Chancen auf Erfolg sind solide. Ständerat Pankraz Freitag (FDP, GL) etwa, der Staatsausgaben generell kritisch gegenübersteht, zeigt sich auf Anfrage offen für das Anliegen: «Wenn es um befristete und gezielte Investitionen geht, bin ich nicht grundsätzlich dagegen. Schweiz Tourismus muss uns aber glaubhaft darlegen, dass man das beantragte Geld wirksam einsetzen wird.»

Im Erfolgsfall werden die Schweizer Hotels bald deutlich mehr Muslime zu Gast haben als heute. Dies stellt Ansprüche an die Wirte – vor allem an ihre Köche. «Man sieht das heute schon bei Gästen aus Indien: Viele legen Wert darauf, sich so zu ernähren, wie sie es von zu Hause her kennen», sagt Christian Laesser, Professor für Tourismus und Dienstleistungsmanagement an der Universität St. Gallen. Bei zahlungskräftigen Reisenden aus aufsteigenden Nationen handle es sich häufig um «Leute, die in relativ kurzer Zeit zu Wohlstand gelangt sind». Diese Schicht zeige oft eine geringe Bereitschaft, sich an die Sitten und Gebräuche anderer Länder anzupassen. Wenn die Schweizer Hotellerie nun stärker auf islamische Touristen setze, schule sie ihre Fähigkeit, mit Kunden aus fremden Kulturen umzugehen: «Das stärkt langfristig ihre Wettbewerbsfähigkeit.»

Ohnehin findet es Laesser richtig, sich stärker auf Länder ausserhalb der Eurozone zu konzentrieren. Freilich könne es lange dauern, bis Werbung spürbare Effekte zeitige. Die Schweiz verfüge immerhin über den Vorteil, eine «aspirational destination» zu sein: ein «Ort, an dem jeder mal gewesen sein will».

Schadet das Minarettverbot?

Fragt sich schliesslich: Hat die Schweiz aufgrund des Minarettverbots im islamischen Kulturkreis nicht einen nachhaltigen Imageschaden erlitten? Laesser schliesst das nicht aus. Nein, meint indes der islamkritische SVP-Nationalrat Lukas Reimann: «Vor den Regeln anderer Länder hat man dort grossen Respekt.»

Offen ist, ob sich diese Regeln nochmals verschärfen könnten. Gestern lehnte der Nationalrat einen Vorstoss für ein Verbot der Ganzkörperverhüllung nur relativ knapp ab. Die nächste Motion hierzu ist bereits in der Pipeline. Reimann würde sich am vermehrten Anblick von Besucherinnen mit Kopftuch nicht stören, wie er sagt. Aber ein Verbot der Burka würde «selbstverständlich auch für Touristinnen gelten».

Tages-Anzeiger

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