1,6 Milliarden Messungen von 39'000 Stationen

Hintergrund

Neue Daten zum Klimawandel lassen jetzt selbst hartgesottene Skeptiker umdenken. Die Resultate und Erkenntnisse von Physikprofessor Richard A. Muller kommen zur rechten Zeit.

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Philipp Löpfe

Die Meinungsseite des «Wall Street Journals» (WSJ) ist nicht nur die Hochburg der konservativen Ökonomen. Sie ist auch ein Fels in der Brandung gegen die Warner vor einer Klimakatastrophe. Auch die Tatsache, dass 98 Prozent aller seriösen Wissenschafter inzwischen nicht mehr daran zweifeln, dass die Temperatur auf dem Planeten wegen des Einflusses der Menschen steigt, hat die Meinungsmacher des WSJ bisher nicht beeindrucken können.

Nun zeichnet sich ein Wechsel ab: Richard A. Muller, Physikprofessor an der University of California, erklärt auf der Meinungsseite des WSJ, warum selbst Skeptiker definitiv umdenken müssen.

Daten nicht vergleichbar

Die Skeptiker des Klimawandels haben bisher damit argumentiert, dass das Klima so komplex sei, dass sich keine eindeutigen Gründe für einen Wandel finden lassen, zumal auch die Daten alles andere als zuverlässig seien. Dieses Argument gilt es, ernst zu nehmen. Eine Untersuchung des Departements of Energy hat beispielsweise gezeigt, dass die meisten Temperatur-Messstationen in den USA so gelegen sind, dass sich die Daten über einen längeren Zeitraum nicht vergleichen lassen. Wo einst Wiesen waren, sind heute Asphaltstrassen, wo Bäume waren, Wolkenkratzer usw. All dies verzerrt die Messdaten bis zur Unbrauchbarkeit.

«Die Marge für Fehler bei diesen Stationen ist dreimal grösser als der vermeintliche Temperaturanstieg», stellt Muller fest. Deshalb hat er ein Modell entwickelt, das diese «schlechten» Daten auf eine Weise ordnen kann, die sie historisch vergleichbar machen. (Die technischen Details ersparen wir uns hier.)

Insgesamt hat sein Team 1,6 Milliarden Messungen von 39'000 Stationen mit diesem Modell ausgewertet. Das Resultat ist eindeutig. Professor Muller fasst es wie folgt zusammen: «Wir haben entdeckt, dass etwa ein Drittel der Messstationen fallende Temperaturen melden und zwei Drittel steigende. Das Zwei-zu-eins-Verhältnis zeigt eine Erwärmung der Erde an. Die Temperaturwechsel liegen meist zwischen 1 und 2 Grad Celsius deutlich höher als der Durchschnittswert der IPCC (der internationalen Klimaforschungsbehörde) von 0,64 Grad Celsius.»

Kastration der US-Umweltbehörde

Die Erkenntnisse von Professor Muller kommen zur rechten Zeit. Inzwischen ist die endlose Diskussion um die Klimaerwärmung längst kein akademischer Streit unter Fanatikern mehr. Die schlechte Wirtschaftslage hat die Situation dramatisch verändert. In den USA stehen neue Arbeitsplätze zuoberst auf der politischen Agenda, und die Republikaner lassen alle Hemmungen fallen. Sie fordern die Kastration, manche gar die Abschaffung der Umweltbehörde und das rücksichtslose Ausbeuten von Energie-Rohstoffen in ökologisch sensiblen Gebieten. Im Vordergrund steht heute das Schiefergas und neuerdings wieder Kohle. Beides ist bezüglich Klimaerwärmung so ziemlich das Dümmste, das man überhaupt tun kann.

Umweltverschmutzung vs. Vollbeschäftigung

Der Kampf gegen die Klimaerwärmung wird langfristig die grösste Herausforderung der Menschheit in diesem Jahrhundert werden. Wegen ein paar kurzfristig gewonnener Arbeitsplätze die ohnehin schon schwierige Ausgangslage in diesem Kampf noch schwieriger zu machen, ist nicht nur moralisch verwerflich, sondern auch wirtschaftlich unsinnig. «Mehr Umweltverschmutzung ist nicht der Weg zur Vollbeschäftigung», warnt auch der Wirtschaftsprofessor und Nobelpreisträger Paul Krugman. «Eine seriöse ökonomische Analyse zeigt vielmehr, dass wir mehr, nicht weniger Umweltschutz brauchen.»

So gesehen ist es eine grosse Erleichterung, dass selbst auf der Meinungsseite des WSJ ein Umdenken eingesetzt hat. Die Klimaerwärmung eignet sich nicht für einen Glaubenskrieg. Sie ist bereits eine Tatsache. Wer das immer noch nicht begriffen hat, wird es nie mehr tun.

baz.ch/Newsnet

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