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«Kein kleiner Teil der Klimabewegung will die Abschaffung des Kapitalismus»

Der Ökonom Thomas Straubhaar hält wenig von einer Verbotskultur. Was es braucht, ist für ihn klar: Innovation.

Alles, was mit Wasser zu tun hat, sieht er als riesige Chance: Thomas Straubhaar. Foto: Florian Bärtschiger
Alles, was mit Wasser zu tun hat, sieht er als riesige Chance: Thomas Straubhaar. Foto: Florian Bärtschiger

Sie kritisieren den Weg der Klimabewegung «Fridays for Future» stark – obschon Sie mit den Anliegen sympathisieren. Warum?

Positiv ist, dass «Fridays for Future» ein Bewusstsein für einen ökologischen Systemwandel schafft. Aber die geforderte Askese, also die vielen Verbotsideen, halte ich für nicht zielführend. Und besonders negativ ist, dass aus der Bewegung heraus auch ein antikapitalistischer Systemwechsel propagiert wird.

Was ist denn zielführend – und ökonomisch sinnvoll?

Innovation. Nur so ist eine grundsätzliche Technologieänderung möglich, die für eine sinnvolle Reduktion des CO2-Ausstosses unverzichtbar nötig ist.

Die Klimabewegung kritisiert, man spreche immer nur von vagen Begriffen wie Innovation. Nennen Sie konkrete Ideen.

Was mich am meisten überzeugt und ich als riesige Chance sehe, ist alles, was mit Wasser, dem knappsten Rohstoff des Jahrhunderts, zu tun hat. Das beginnt bei einer weit stärkeren Ausschöpfung des enormen Potenzials des Wasserstoffs bis zur Entsalzung von Wasser, was die Trinkwassermenge enorm erhöhen hilft. Wasser ist wie ein Perpetuum mobile, daraus kann so viel entstehen. Israel und das Silicon Valley sind bei der Entsalzung von Meerwasser führend in der Umsetzung, es ist also möglich. Eine weitere realistische Massnahme wäre die Synthetisierung des Kerosins.

Problem gelöst. Die hysterische Klimabewegung braucht es also nicht mehr.

Verstehen Sie mich richtig: Gegen «Fridays for Future» habe ich nichts, sie haben die Debatte angestossen. Aber ich kritisiere ihren Weg. Sehen Sie: Wir könnten in der Schweiz schon alle mit Autofahren aufhören und weniger fliegen – aber das bringt global gesehen nichts. Wenn wir aber mit unserem Forschungsstand und Wissen innovative Projekte zur CO2-Vermeidung unterstützen, machen wir viel mehr fürs Klima. Dass «Ökonomie für Ökologie» die wohl wirkungsvollste Massnahme für ­Klima-Anliegen ist, hat die Bewegung leider noch nicht verstanden.

Wie soll die Umsetzung stattfinden, ist diese überhaupt realistisch?

Es ist zynisch, nur auf Verzicht zu setzen und diese Strategie auch in Weltregionen durchsetzen zu wollen, die nichts haben, worauf sie verzichten könnten. Wir können unseres eigenen ­hohen Verschleisses wegen nicht so arrogant sein – und anderen Ländern vorschreiben, was sie jetzt zu tun hätten.

Mit dreckiger Energie holt Indien Millionen aus der Armut, schliesst sie endlich dem Stromnetz an. Dagegen ist nichts zu sagen. Wie also sieht ein Weg, sagen wir, der Zusammenarbeit aus?

Zuerst einmal müsste der Westen Direktzahlungen für Verzicht auf Abholzung von Regenwäldern oder den Bau weiterer Kohlekraftwerken leisten. Beispiel Amazonas: Wir zahlen Milliarden, Brasilien holzt nicht mehr ab. In einem zweiten Schritt entwickelten die betroffenen Länder ihre Strategie mit neuartigen Technologien. Dort könnten wir technologische Unterstützung bei Sonne-, Wind- und Gezeitenenergiegewinnung liefern.

Ist Indien fähig, dies zu tun?

Sie sind fähig, eine Atombombe zu bauen …

… ist Indien willens? Vom Klimawandel hört man dort nichts, auch in China nicht.

Das ist der entscheidende Punkt. Diese Länder haben andere Probleme – wie Massenarmut und Massenarbeitslosigkeit. Aber technisch wäre es machbar. Nehmen wir Indien. Dort wäre Sonnenkraft eine effektive grüne Energie. Mir schweben deswegen in einem Zehn-Jahres-Horizont Joint Ventures vor. Schweizer Firmen liefern Technologie, die Lokalen bringen ihr Know-how. Das ist für mich grünes Investment, wie es sein müsste.

Sind Sie da nicht zu euphorisch?

Ich denke nicht. Wenn ich mir die Smartphones anschaue, die sich auf der ganzen Welt in einem unfassbaren Tempo durchgesetzt haben, sehe ich: In Indien genauso wie in Afrika haben wir bereits eine sehr respektable Dichte an E-Banking. Von Finanztrans­aktionen via Internet waren diese Weltregionen zuvor weit entfernt. Man hat technologische Schritte übersprungen. Das ist doch auch bei neuen Energie­trägern möglich.

Von konkreten Projekten hört man allerdings noch nichts.

Marktwirtschaftliche Instrumente wirken dann am besten, wenn es dem Menschen schlecht geht. Wenn es ums Geldverdienen und ums Sparen geht, ändern sich Verhalten, Anreize und Technologien am schnellsten. Aber ich gebe zu, dass meine Generation da noch nicht im notwendigen Umfang den Willen hat, sich der ökologischen Transformation zu stellen, und vieles auf künftige Generationen abwälzt.

Keinen Willen, wirklich?

Ein Beispiel. Die deutsche Automobilindustrie ist weltweit immer noch führend, aber mit dem Wandel tut sie sich enorm schwer. Warum? Sie haben die neuen Technologien, alles da, aber das Elektroauto kommt genauso daher wie der Benziner – ist aber schlechter, langsamer und erst noch teurer. Da muss man doch alle verstehen, die den Benziner kauften.

Was ich nicht verstehe: Wir sprechen von möglichen Lösungen. Warum hört man solche Diskussionen nicht von den Befürwortern der Klima­bewegung, sondern immer nur apokalyptische Drohungen?

Wie zu Beginn erwähnt: Kein kleiner Teil der Klimabewegung hat einen Systemwechsel im Sinn, der interessiert sich nicht für sinnvolle Innovationen und Geschäftsmodelle, der will die Abschaffung von Kapitalismus und Marktwirtschaft.

Und die Politik kuscht vor den Extremen.

Sie wissen ja, wie Politik funktioniert. Alle wollen (wieder) gewählt werden, deshalb folgt die Herde meist den Trends.

Gerade in Deutschland ist es überhaupt nicht sicher, ob die Klimabewegung eine Mehrheit hat. Die wollen keine Verbote, keine Drangsalierung – und Auto fahren müssen sie, weil sie sonst nicht zur Arbeit kommen.

Absolut. Das ist ein grosses Problem. Ich bin sicher, dass der Klimawandel das herausragende Problem unser Zeit ist – aber wenn der moralische Impetus ­regiert, wie bei vielen Glaubensgemeinschaften, wenn man den Abtrünnigen mit der Moralkeule droht, bleibt zu oft und zu rasch die Vernunft, bleiben Mass und Mitte auf der Strecke.

Die Energiewende in der Schweiz, in Deutschland: Geht das nicht in die Richtung «Gut» und «Böse»? In Deutschland droht nun wegen der Abkehr von Braunkohle und Kernkraft ein Blackout. Es wird nun als Folge noch dreckigerer Strom aus dem Ausland importiert.

Das ist, ganz nüchtern und ohne normativ moralische Wertung, ziemlich peinlich. Baden-Württemberg schliesst seine Kernkraftwerke, die höchsten regulatorischen Ansprüchen entsprechen – und importiert dann billigen Atomstrom aus dem Ausland. Das ist natürlich sinnfrei.

Also sind Sie für mehr Kernkraft?

Ein Ökonom sollte sich da zunächst einmal nüchtern raushalten; er sollte sich darauf fokussieren, das, was technisch sinnvoll ist, ökonomisch möglich zu machen. Das Ziel muss die Politik vorgeben, den Weg können dann Technik und Ökonomie aufzeigen.

Sie weichen aus.

Nein. Ich bin indifferent. Man muss immer alle Möglichkeiten ohne Vorurteile durchspielen – und dann entscheiden. Skandinavien setzt jetzt wieder auf eine moderne Kernkraft. Wenn sich eine Gesellschaft dafür entscheidet, finde ich das eine legitime Möglichkeit auf dem Weg zur Klimaneutralität. Ein Glaubenskrieg, was richtig ist, ist kontraproduktiv.

Neben technischen Lösungen – wie muss das hohe prognostizierte Bevölkerungswachstum einbezogen werden? Sind 10 Milliarden Menschen überhaupt verkraftbar für den Planeten?

Fakt ist doch heute schon: Bis 2050 wird die Weltbevölkerung auf jeden Fall und bei jedem Szenario noch stark zunehmen, das Wachstum ist also unumkehrbar. Umso mehr fühle ich mich bestärkt, dass nur Innovation dieses Wachstum managen kann.

Und ab 2050?

Der Ökonom kann aus Erfahrung sagen, dass das Bevölkerungswachstum nur gebremst werden kann, wenn der Wohlstand in einem Land deutlich spürbar zunimmt. Das bedingt einen viel stärkeren Einbezug der Frauen in die marktliche Erwerbsarbeit in Dritt- und Schwellenländern. Je stärker das Haushaltseinkommen vom Beitrag der Frauen abhängig ist, umso geringer wird die Geburtenrate.

Ist das starke wirtschaftliche Wachstum allein dafür verantwortlich – oder wäre auch ein politisches Vehikel wie die Ein-Kind-Politik sinnvoll?

Eine interessante Frage. Ich denke, Ersteres ist klar zielführender: In China war es der kapitalistische Ansatz der kommunistischen Partei, der das unglaubliche Wachstum ermöglicht hat.

Glauben Sie auch nicht an eine Ein-Kind-Politik, weil es zu Missbrauch kam, nur Knaben erwünscht waren?

Auch. Aber vor allem, weil eine Ein-Kind-Politik die demografischen Problem alternder Gesellschaften noch viel gravierender als bei uns verschärft. Wir beschweren uns ja schon, wenn ein Erwerbstätiger einen Rentner ­finanzieren muss; in China müssen Einzelkinder zwei Eltern ­finanzieren.

Sind Sie überhaupt optimistisch, dass Ihre Ideen erfolgreich sein, die Innovationen sich durchsetzen werden?

Ich ziehe daraus meine Motivation, mich auch öffentlich mit diesem grossen Thema zu beschäftigen, weil es nur so gelingen kann. Es ist doch unsere Verpflichtung, gerade für meine Generation, Lösungen zu kreieren für die Probleme, die wir verursacht haben. Denn klar ist: Rückwärts in die Zukunft geht nicht.

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