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Gesucht: Der nächste Wirtschaftsskandal

Eine neue Internetplattform will Whistleblowern helfen – sei es mit Demos oder subtileren Mitteln.

Wer Missstände anprangert, wird oft angefeindet: In der Schweiz gibt es wenig Schutz für Whistleblower.
Wer Missstände anprangert, wird oft angefeindet: In der Schweiz gibt es wenig Schutz für Whistleblower.
Alessandro Della Bella, Keystone

Plötzlich stand er im Rampenlicht. Der Bündner Bauunternehmer Adam Quadroni liess als Whistleblower das grosse Baukartell im Engadin auffliegen. Zuerst war seine Firma selbst ein Teil davon, dann stieg er aus und machte die Affäre publik. Bis seine Geschichte öffentlich wurde, verlor er fast alles. Das ist typisch für die Situation von Whistleblowern. Oft werden sie von den Unternehmen oder Behörden kaltgestellt und sozial geächtet. Bis sie recht erhalten, dauert es Jahre. Bis dahin sind sie oft auf sich allein gestellt.

Eine neue Internetplattform namens Swissleaks will Whistleblower wie Quadroni unterstützen. «Die Geschichte von Adam Quadroni war das Signal dafür, dass nun die Zeit reif ist», so Andreas Freimüller von der Schweizer Kampagnenorganisation Campax, die hinter Swissleaks steht. Der Bündner Bauunternehmer habe viel versucht, um die Absprachen an die Öffentlichkeit zu bringen – doch er sei lange nicht durchgedrungen.

Druck aufbauen

Viele Whistleblower wüssten nicht, wie sie den Druck auf Firmen oder Ämter erhöhen könnten, so Freimüller. Dafür brauche es Geschichten, die sich an die Öffentlichkeit tragen lassen und mit denen sich ein Missstand aufdecken und eine Situation verbessern lasse. Swissleaks soll ein Kanal sein, um das zu erreichen und so den Schutz von Whistleblowern in der Schweiz stärken. Finanziert werden soll sie mit Spenden.

Die Schweiz hat eine reiche Geschichte an Whistleblowern, die international für Aufsehen sorgten, und doch ist der Umgang mit ihnen ambivalent. Die Diskussion dreht sich oft um die Frage, ob es Whistleblower sind, die einen Missstand anprangern oder ob es sich um übergangene Mitarbeiter handelt, die sich am Arbeitgeber rächen wollen. Ein Beispiel dafür ist Rudolf Elmer, der einst die Offshoregeschäfte der Bank Julius Bär an die Öffentlichkeit brachte. Zwischen Elmer und der Bank entstand eine jahrelange Fehde. Die Vorgänge sind im Buch «Elmer schert aus» von Carlos Hanimann eindrücklich beschrieben. Elmer unterstützt heute Swissleaks als freiwilliger Helfer.

Es ist nicht das einzige Beispiel. Hervé Falciani, ehemaliger Informatiker der Genfer Bank HSBC, lieferte 2009 Daten von mutmasslichen Steuerbetrügern an die französischen Behörden. So wurden Tausende Schwarzgeldkonten aufgedeckt. Falciani setzte sich ins Ausland ab. Von den Schweizer Behörden wurde nach ihm gefahndet, und er wurde 2015 in Abwesenheit zu fünf Jahren Haft verurteilt. Auch gegen Christoph Meili, den einstigen Wachmann der Schweizerischen Bankgesellschaft, wurde ein Verfahren eingeleitet, weil er 1997 Belege über nachrichtenlose Vermögen vor dem Reisswolf rettete – und so einen entscheidenden Hinweis zur Suche nach Vermögen von Holocaustopfern gab.

Whistleblower finanziell beteiligen

Whistleblower werden hier im Vergleich zum Ausland kaum geschützt. Der Bund arbeitet seit Jahren an einer Gesetzesvorlage, spruchreif ist sie aber noch nicht. Zahlreiche Firmen haben aber interne Meldestellen geschaffen, wo Mitarbeiter Missstände melden können. Ob die Meldungen auch weiterverfolgt werden, hängt davon ab, ob das Management dahintersteht. Seit einigen Jahren besteht auch bei der Eidgenössischen Finanzkontrolle eine Meldestelle für Ämter und bundesnahe Betriebe. 2017 gingen dort mehr als 120 Hinweise ein. Sie drehten sich in der Mehrzahl um nicht korrekt arbeitende Bundesangestellte.

Einen anderen Weg gehen die USA. Dort werden Whistleblower finanziell belohnt. Spricht der Staat gegen eine Firma aufgrund eines Tipps eine Busse aus, erhält der Whistleblower einen Anteil daran. Das System scheint zu funktionieren. Regelmässig publizieren die Behörden neue Fälle. Der ehemalige UBS-Banker Bradley Birkenfeld erhielt 2012 von der US-Steuerbehörde IRS 104 Millionen Dollar, weil er ihr half, gegen die Bank vorzugehen. Swissleaks sieht darin aber kein Vorbild. «Wir wollen, dass Whistleblower daran glauben, einen Missstand verbessern zu können», so Freimüller. Wenn es ihnen bloss ums Geld gehe, sei das Motiv fragwürdig und bewirke kaum einen grundlegenden Wandel.

Grosses Potenzial sieht Freimüller bei Wirtschaftsthemen. Der Dieselskandal, die Raiffeisen-Affäre oder die Vorgänge bei Postauto seien nur die Spitze des Eisbergs. Auch könnten sich die Tipps um soziale Themen drehen, wie etwa Ausländerfeindlichkeit oder Defizite in der Alterspflege.

Zahlreiche Spielformen

Ein erstes Dossier sei bereits bei Swissleaks eingegangen. «Ich erwarte zuerst einigen Unfug, weil die Leute die Plattform ausprobieren werden», so Freimüller. Unterlagen werden von einem Team aus 30 Freiwilligen geprüft, darunter auch Bär-Whistleblower Elmer.

Stellt sich heraus, dass der Tipp relevant ist, wird das richtige Vorgehen geplant. «Wir können das Gespräch mit dem Unternehmen suchen, ein Medium kontaktieren und die Geschichte dort anbieten oder selbst eine öffentliche Kampagne lancieren», so Freimüller. Darin liege auch ein Vorteil von Swissleaks gegenüber journalistischen Hinweisplattformen, wie sie etwa bei Redaktion Tamedia besteht. Dort werden Einsendungen nach journalistischen Kriterien geprüft. Als Zeitung könne man keine Demo veranstalten, so Freimüller. «Je nach Fall braucht es andere Massnahmen.»

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