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Schulden: Hilfe im anonymen Kreis

In den USA boomen Selbsthilfegruppen für Menschen, die mehr Geld ausgeben, als sie haben. Zu den ältesten im Land gehören die Debtors Anonymous - Ableger der Anonymen Alkoholiker.

«Hi, mein Name ist Dave und ich bin ein zwanghafter Schuldner.» - «Hi Dave!» So klingt es immer donnerstags mittags in einem Raum der St. Bartholomew-Kirche in Manhattan. Diesen Donnerstag haben sich rund 30 Personen eingefunden und sitzen in einem grossen Kreis, etwa gleich viele Männer wie Frauen, die meisten zwischen Anfang 30 und Ende 40, fast alle gut gekleidet. Viele kommen während der Mittagspause hierher und essen gleich noch was, während sie am Treffen der Debtors Anonymous, der Anonymen Schuldner, teilnehmen.

Der Ablauf des einstündigen Treffens ist streng ritualisiert und orientiert sich an den zwölf Schritten der Anonymen Alkoholiker - wichtig ist dabei auch «der Glaube, dass eine höhere Macht uns wieder zur Vernunft bringen kann». Am Anfang und am Ende gibt es eine Art Gebet. Und dazwischen findet das «sharing» statt: Wer immer aus der Runde möchte, kann den anderen berichten, wie es ihm gerade geht, wie es finanziell um ihn steht.

Viele in der Runde sind recovering debtors, Schuldner auf dem Weg der Besserung. Eine elegant gekleidete Frau um die 40 berichtet, sie habe vor kurzem ihren ersten Lohn für eine kleine Rolle als Schauspielerin erhalten und sei sehr stolz darauf. Eine etwas jüngere Frau klagt, wie schwierig es ist, einen Job zu finden: Sie gehe von Interview zu Interview, aber es gebe immer eine Absage.

Nachfrage nach Selbsthilfe nimmt zu

Alle im Kreis sind routiniert und offensichtlich schon länger dabei. Bis auf einen Mann Anfang 30, der zum ersten Mal teilnimmt und eine Dringlichkeit und Verzweiflung in der Stimme hat, die den anderen fehlt. «Ich habe noch immer ziemlich hohe Schulden von meinem Studentenkredit. Und vor ein paar Tagen kam eine ultimative Zahlungsaufforderung. Aber ich habe das Geld nicht.» Er habe keine Ahnung, was er tun solle. «Ich brauche wirklich konkrete Hilfe, und das rasch.» Der Gruppenleiter, eine Funktion, die alle paar Monate von jemand anderem übernommen wird, versichert ihm, dass er nach dem Treffen mit jemandem sprechen kann, was dann auch geschieht.

Die Zahl der Amerikaner, die sich in solchen Selbsthilfegruppen organisieren, nimmt zu. Verschuldet zu sein ist in den USA zwar eigentlich ein Normalzustand, aber die Wirtschaftskrise hat die Lage verschärft (TA vom Mittwoch). Meetup.com, eine Webseite für Gruppentreffen, hat derzeit rund 140 registrierte Schuldner-Selbsthilfegruppen, vor einem Jahr waren es erst 24. Und auch sehr viele Kirchen haben begonnen, ihre eigenen Gruppen aufzubauen. «Bis vor kurzem schämten sich viele Schuldner», sagt Ashley Clayton, die Selbsthilfegruppen für die Southern Baptist Church organisiert. «Das ist heute nicht mehr so, einfach weil so viele davon betroffen sind.»

Auch die Debtors Anonymous (DA) spüren die erhöhte Nachfrage, können sie aber nicht konkret beziffern, weil keine Statistiken geführt werden. Derzeit sind rund 500 Gruppen übers ganze Land verteilt aktiv. Gegründet wurde DA 1971, von Mitgliedern der Anonymen Alkoholiker, die es schon seit 1934 gibt.

«Wildfremde Menschen helfen Dir»

«Was mir wirklich hilft bei DA: Ich sehe, dass ich nicht allein bin», sagt Carl, ein 39-jähriger Werber aus Manhattan, der seit Mai 2007 regelmässig zu den Treffen geht. «Man fühlt sich nicht mehr wie ein Idiot. Und zu spüren, wie andere, die in einer ähnlichen Situation stecken oder gesteckt haben, sich darum bemühen dir zu helfen - wildfremde Menschen, einfach so - das gibt dir Hoffnung.» Carl und seine Frau hatten zu Beginn der DA-Treffen 53’000 Dollar Schulden, inzwischen sind es 18’000 weniger.

Entscheidend für den Fortschritt sind weniger die grossen Gruppentreffen, als die persönlichen so genannten «pressure relief meetings». Dabei setzen sich zwei Gruppenmitglieder, die bereits schuldenfrei sind, mit dem noch verschuldeten Mitglied zusammen, und es wird ganz konkret besprochen, wie er da wieder rauskommt.

«Geld auszugeben und sich zu verschulden ist eine Sucht, genauso wie Drogenabhängigkeit», sagt Harvey, ein 63-jähriger Psychotherapeut, der seit 1989 bei DA ist und seit 1993 schuldenfrei. «Wie auch ich, haben viele von ihren Eltern nie gelernt, mit Geld umzugehen. Und sie geben sich lange Zeit der Illusion hin, dass es schon irgendwie gehen wird.» Zudem lebe man in den USA in einer Kultur, die das exzessive Shoppen propagiere. «Aber irgendwann wachsen einem die Kreditkartenschulden über den Kopf.» Als die Situation sein Leben und seine Ehe ernsthaft bedrohten, ging er zu DA.

«Man geht zu DA, um von seinen Schulden loszukommen, und man bleibt dort wegen der spirituellen Seite», sagt Harvey, der auch als Mentor für Mitglieder zur Verfügung steht, die noch nicht soweit sind. «Um seine Schulden loszuwerden, muss man sich erst mal selbst richtig kennenlernen, Schwächen eingestehen, falsche Verhaltensmuster entlarven.»

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