Hat das Libor-System bald ausgedient?

Analyse

360 Billionen Dollar an Finanzprodukten hängen an einem Zins, der von einer Handvoll Banken manipuliert werden kann. Fachleute fordern schon lange, das System zu reformieren. Ihre Vorschläge liegen auf dem Tisch.

Verschrobene, altmodische Methodik: Händler in einer Londoner Bank.

Verschrobene, altmodische Methodik: Händler in einer Londoner Bank.

(Bild: Keystone)

Simon Schmid@schmid_simon

Der Streit um den Libor ist so alt wie der Zinssatz selbst. 1919 gegründet, verantwortet die prestigeträchtige British Bankers Association (BBA) seit Mitte der Achtzigerjahre die Bestimmung der wichtigsten Kennzahl im globalen Finanzsystem überhaupt. Notenbanktransaktionen, Geldmarktgeschäfte, Unternehmenskredite und Privathypotheken im Wert von Billionen Dollar orientieren sich weltweit am Libor: Die gesamte Finanzwelt vertraut der BBA, wenn diese täglich kurz nach 11.00 Uhr das allgemeine Zinsniveau verkündet. Sogar universitäre Forscher nutzen den Libor in ihren Arbeiten.

Doch der Zinssatz ist eine Bastelei und deshalb anfällig für Mauscheleien. Forscher und Fachleute bemängeln dies seit Jahren. Der Grund liegt im Ermittlungssystem: Wenn die BBA täglich dieselben 16 Banken zu ihren Zinskosten befragt – für den Libor in Yen sind es 18, für den Zins in Schweizer Franken 11 Institute –, so basieren deren Antworten nicht auf harten, nachweisbaren Transaktionen, sondern sie fussen auf subjektiver Selbsteinschätzung. Die Banken melden der BBA eine Zahl, auch wenn diese auf nicht mehr als ein bis zwei Transaktionen pro Tag basiert. «Total untauglich für die moderne Welt» sei diese Methodik, sagte 60-Milliarden-Dollar-Manager Daniel Sheard jüngst zu Bloomberg.

Was glauben Sie?

An Verbesserungsvorschlägen zum Libor besteht kein Mangel. Schon 1998 wurde am Modus ein erstes Mal geschraubt. Lautete die Frage zuvor: «Zu welchem Zinssatz glauben Sie, dass erstklassige Banken sich heute um 11 Uhr morgens gegenseitig Geld leihen?» So mussten die Grossbanken fortan über ihre eigenen Verhältnisse Auskunft geben: «Zu welchem Zinssatz könnten Sie sich heute kurz vor 11 Uhr morgens Geld auf dem Interbankenmarkt ausleihen?» Man meinte bei der britischen Bankenvereinigung, damit eine realistischere Einschätzung der tatsächlichen Zinskosten für unbesicherte Bankendarlehen liefern zu können.

Doch die Zweifel am Libor konnte die BBA damit nicht ausräumen. Als das «Wall Street Journal» 2008 als erste Publikation öffentlich über mögliche Unregelmässigkeiten beim Libor schrieb, intensivierten sich die Nachforschungen. Offizielle Behörden schalteten sich in die Untersuchungen ein. Vorläufiger Höhepunkt ist die Verurteilung der Bank Barclays zu einer Busse von 290 Millionen Pfund wegen Libor-Manipulationen während der Finanzkrise. Ein gutes Dutzend weiterer Grossbanken inklusive der UBS und Credit Suisse steht unter Verdacht, an den Absprachen beteiligt gewesen zu sein.

Zinssätze mit Hand und Fuss

Forscherin Inke Nyborg vom Institut für Banking und Finance der Universität Zürich hält eine Überarbeitung des Libor-Ermittlungsmechanismus für sehr wahrscheinlich. Doch die BBA meint auch heute, auf eine Revision des Libor verzichten zu können. Experten sind anderer Meinung: Die Einschätzung des Zinsniveaus müsse auf tatsächlich erfolgten Trades statt Einschätzungen basieren, lautet ein gängiger Vorwurf. Als Vorbilder würden Zinssätze wie der Sonia und Eonia dienen: Durchschnittszinsen, zu denen unbesicherte Übernachtausleihungen auf dem Interbankenmarkt effektiv abgeschlossen wurden. Der durch die Wholesale Markets Brokers' Association berechnete Sonia gibt diesen Zinssatz für Kredite in Pfund Sterling an, der Eonia, den die European Banking Federation ermittelt, für Darlehen in Euro.

Vorsichtigere Reformvorschläge zielen auf den Befragungsmodus ab: Die Meldungen müssten öffentlich zugänglich gemacht werden und von unabhängiger Seite überprüft werden. Gemäss einer Umfrage von Bloomberg pochen Investoren ausserdem darauf, die Anzahl der befragten Banken zu erhöhen. Dies würde Absprachen erschweren und für grössere Robustheit sorgen. Der von Thomson Reuters publizierte Euribor, der das Zinsniveau in der europäischen Einheitswährung widerspiegeln soll, kommt dieser Forderung mit einem Sample von 44 Instituten weitgehend nach.

Die Libor-Party geht weiter

Barclays-Chef Bob Diamond haben die Libor-Manipulationen diese Woche den Job gekostet. Massive Geldbussen gegen weitere Grossbanken werden erwartet: Die Finanzpresse spekuliert bereits, ob «Liborgate» der Anlass zur grössten Aufräumaktion werden könnte, welche die Londoner City seit dem «Big Bang» in den achtziger Jahren erlebt hat. Auch für die British Bankers Association, die den Liborzins seit 1986 ermittelt, dürfte die Affäre weitreichende Konsequenzen haben. Marcus Agius, Vorsitzender von Barlays, gab mit seinem Rücktritt auch gleich den Job als Vorsitzender der BBA ab. Angela Knight, CEO der Bankenvereinigung, hat ihren Rücktritt ebenfalls bereits angekündigt.

Aller Aufregung zum Trotz: Valable Alternativen zu diesem Zinsnagel, an dem global dermassen viele Finanzprodukte hängen, sind bislang nicht in Sicht. In diesem Sinn äussern sich mehrere von baz.ch/Newsnet befragte Forscher und Analysten. Auch die BBA selbst stellt sich auf diesen Standpunkt. Der Libor diene als Grundlage für Jahrzehnte währende Verträge, liess ein Verantwortlicher die Medien im März wissen: «Eine plötzliche Modusänderung würde daher grosse Probleme bereiten.» Medienberichten zufolge hat die BBA aus Respekt vor den aktuellen Untersuchungen ein für heute Abend geplantes Fest in College Garden abgesagt. Für den Libor ist die Party dennoch nicht vorüber: Als etablierte Kennzahl hat der Zinssatz heute offenbar den Status des Unverzichtbaren erlangt.

baz.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt