Schluss mit der Geldschwemme

Die Schuldenkrise hat eine Geldflut zur Folge gehabt. Das schürt die Angst vor Inflation. Ein Verein hat daher eine bessere Idee: Vollgeld. Was hat es damit auf sich?

Geld soll die Bank nur noch ausleihen dürfen, wenn sie dieses auch als Spargeld in ihren Büchern hat: Schweizer Banknoten.

Geld soll die Bank nur noch ausleihen dürfen, wenn sie dieses auch als Spargeld in ihren Büchern hat: Schweizer Banknoten.

(Bild: Keystone)

Philipp Löpfe

Seit mehr als einem halben Jahr sammelt der Verein Monetäre Modernisierung (MoMo) Unterschriften für eine Volksinitiative, die eine Vollgeldreform anstrebt. Dabei hat er jetzt prominente Unterstützung erhalten. Zwei Ökonomen des Internationalen Währungsfonds (IWF), Jaromir Benes und Michael Kumhof, haben mit Modellen ausgerechnet, was eine Vollgeldreform des Geldsystems für Folgen haben könnte. Das Resultat lautet: Weniger heftige Ausschläge der Konjunktur, die öffentlichen und privaten Schulden würden deutlich reduziert werden und es würde ein erheblicher wirtschaftlicher Wohlstand geschaffen werden. Es lohnt sich also, sich mit der Idee des Vollgeldes vertraut zu machen.

Das bestehende Geldsystem basiert auf dem Prinzip der fraktionalen Reserven. Will heissen: Banken sammeln Spargelder ein und leihen sie als Kredit wieder aus. Sie müssen aber nur einen Teil dieser Spargelder – eine Fraktion – als Sicherheit bei der Zentralbank hinterlegen. Wenn eine Bank 100 Franken Spargelder einnimmt, sind dies bloss 10 Franken. Ihre Kredite sind daher grösstenteils aus der Luft gegriffen. Das Geld entsteht in dem Moment, in dem die Bank den Kredit erteilt, und es erlischt, sobald der Kredit zurückbezahlt wird. Dieses Geld wird daher Fiat-Money genannt, nach dem lateinischen Ausdruck fiat: es geschehe.

Eine unerschöpfliche Kreditmenge

Das System der fraktionalen Reserve hat zur Folge, dass die Kreditmenge fast beliebig ausgeweitet werden kann. «Die Verrechnung über Girokonten erlaubt es den Banken, ihren Kunden Kredite auszustellen, die weit höher liegen als die vorhandenen Zahlungsreserven», stellt Professor Joseph Huber in seinem Buch «Monetäre Modernisierung» fest. Huber ist ein prominenter Vertreter der Vollgeld-Bewegung.

Solange diese Bankkredite auch bedient werden, bleibt alles im grünen Bereich. Das kann sich aber schnell ändern. Weil mit Fiat-Money problemlos Kredite geschaffen werden können, werden die Banken leichtsinnig und verleihen Geld auch an dubiose Schuldner. Das können, wie im Fall der amerikanischen Subprime-Krise, private Haushalte sein. Das können aber auch, wie im Fall der Eurokrise, Staaten sein. Das Resultat ist in beiden Fälle das gleiche: Die Blase platzt, die Vermögenswerte sausen in den Keller, die Zinsen werden nicht mehr bedient, die Reserven der Banken erweisen sich als ungenügend. Um einen Kollaps des gesamten Systems zu verhindern, muss der Staat die Banken mit riesigen Beträgen unterstützen und gerät so selbst in die Schuldenfalle.

Mit Vollgeld gegen den Teufelskreis

Vollgeld durchbricht diesen Teufelskreis, und zwar wie folgt: Die Geschäftsbanken dürfen nur noch Spargelder ausleihen, die sie eingenommen haben. Sie dürfen kein Fiat-Money mehr schaffen. Dieses Privileg hat einzig die Notenbank. «Wenn die Notenbanken die Geldschöpfung kontrollieren, kann man den Wirtschaftsprozess nachhaltig stabilisieren», sagt der Ökonom und ehemalige Rektor der Universität St. Gallen, Hans Christoph Binswanger. «In einem solchen System könnte die Zentralbank Inflation und Deflation verhindern, ebenso wie die spekulative Aufblähung der Geldmenge.»

Auch Binswanger ist ein Verfechter der Vollgeld-Idee. Die Idee selbst ist bereits in der 1930er-Jahren entstanden. Der bedeutende Finanzökomon Irving Fisher hat 1936 den sogenannten Chicago-Plan entwickelt, der auf Vollgeld basierte. Er konnte auch US-Präsident Franklin D. Roosevelt dafür begeistern.

Viele Parallelen zur Grossen Depression

Roosevelt scheiterte am erbitterten Widerstand der Banken. Die aktuelle Krise der Weltwirtschaft weist viele Parallelen zur Grossen Depression (siehe Bildstrecke) auf. Daher ist es nicht verwunderlich, dass auch die Vollgeld-Idee zu neuem Leben erwacht. Wie der Goldstandard verhindert das Vollgeld, dass die Geldmenge ausser Kontrolle gerät. Oder wie der Geldtheoretiker Manfred Neumann in der «Süddeutschen Zeitung» ausführt: «Der Goldstandard zwischen 1880 und 1910 war ja eine Art Vollgeldsystem, da gab es auch feste Wechselkurse, und das hat den Handel gefördert.»

baz.ch/Newsnet

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