Ohne Druck kein Mass bei den Hypokrediten

Die Nationalbank ist zu Recht hartnäckig mit den Banken. Sie haben bei der letzten Immobilienkrise bewiesen, dass sie den Umgang mit Risiken nicht beherrschen.

Die Regulatoren schritten im Interesse der Volkswirtschaft ein, die Banker reagierten pikiert: Neubauten in Zürich.

Die Regulatoren schritten im Interesse der Volkswirtschaft ein, die Banker reagierten pikiert: Neubauten in Zürich.

(Bild: Keystone)

Bruno Schletti@tagesanzeiger

Die Bankiervereinigung bewegt sich doch. Sie verschärft die Kriterien zur Vergabe von Hypothekarkrediten. Sie tut es sogenannt freiwillig – indem sie an der bereits geltenden Selbstregulierung schraubt. Sogenannt freiwillig, weil ohne Druck der Regulatoren gar nichts passiert wäre. Der Druck war so gross, dass es im Frühling zum Eklat kam. Die Bankenvertreter brachen die Gespräche mit der Finanzmarktaufsicht (Finma) ab, weil sie sich die Selbstregulierung nicht diktieren lassen wollten. Selbstregulierung, so ihre Position, bedeute immer noch, dass man die Regeln selbst definiere.

Wo die Banker recht haben, haben sie recht. Nur: Was wäre geschehen, hätten Finma und vor allem Nationalbank nicht seit nunmehr vier Jahren unermüdlich darauf gepocht, die Vergabe von Hypothekardarlehen restriktiver zu handhaben? Die Banken hätten die Sache laufen lassen nach dem Motto, dass jedes Institut eigenverantwortlich sei in seiner Kredit­vergabe­politik.

Kein freier Auslauf für Banker

Das mag nach der reinen Lehre des freien Marktes richtig sein. Nur graut uns Nichtbankern zunehmend davor, den Vertretern dieser Branche freien Auslauf zu lassen. Zu oft haben sie uns in jüngerer Vergangenheit demonstriert, dass sie den Umgang mit Risiken nicht beherrschen. Das war in der Immobilienkrise der 90er-Jahre der Fall. Das haben die auslösenden ­Momente der Finanzkrise vor Augen geführt. Und das zeigen heute die Erhebungen der Nationalbank im Bereich der Kreditvergabe beim privaten Wohneigentum. Seit 2011 erfüllen 40 Prozent der Neuausleihungen die Tragbarkeitsnorm von 5 Prozent nicht. Das heisst: Vier von zehn Hypothekarschuldnern, die zu Tiefzinsen Kredite aufgenommen haben, dürften bei einem Zinsanstieg auf 5 Prozent in Schwierigkeiten geraten. Das ist ein klarer Hinweis darauf, dass ein Teil der Banken zu locker Kredite vergibt.

Es ist das Verdienst der Regulatoren, dass sie nicht wegschauen, sondern im Interesse der Volkswirtschaft dieses Landes einschreiten. Auch wenn die Banker pikiert reagieren. Auch wenn der Beweis nicht erbracht werden kann, dass ohne restriktivere Kreditvergaben die Immobilienblase platzen würde. Auch wenn die eine oder ­andere Mittelstandfamilie jetzt nicht zu ihrer Hypothek kommen wird.

Finma und Nationalbank liessen sich durch den Gesprächsabbruch der Bankiervereinigung nicht irritieren. Die Spur war vorgegeben. Die Regulatoren liessen den Verband «selbst regulieren». Die verschärfte Amortisationspflicht ist jetzt im Regelwerk eingebaut. Die Vertreter der Banken können ihr Gesicht wahren. Und die Aufsicht dürfte haben, was sie anstrebte.

Der Vorteil der neuen Bestimmungen ist, dass sie schnell und unbüro­kratisch umgesetzt werden können. Wunder darf man sich von diesem moderaten Schrauben an den Vergabekriterien zwar nicht erwarten. Zu­sammen mit der Verdoppelung des anti­zyklischen Kapitalpuffers von 1 auf 2 Prozent per 1. Juli darf dennoch auf einen stabilisierenden Effekt auf den Immobilienmarkt gehofft werden.

Der Schlaf der Politiker

Kritiker der Nationalbank monieren, dass diese mit ihrem steten Druck ihre Kompetenzen überschreite. Mag sein. Tatsache ist aber, dass die Nationalbank ausbügelt, was die Politik verschlafen hat. Das schweizerische Steuersystem honoriert das Schuldenmachen. Einen Amortisationszwang, wie ihn viele Länder vorschreiben, kennt die Schweiz nicht. Spätestens nach der Immobilienkrise der 90er-Jahre hätten sich diesbezüglich politische Korrekturen aufgedrängt. Doch die Anreize zum Schuldenmachen blieben unangetastet.

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