Nachhaltige Anlagen in Not

Stehen grüne Fonds bald auf der roten Liste? Zahlen zum Schweizer Markt legen nahe, dass Sozial- und Umweltstandards in der Gunst der Schweizer Geldanleger gesunken sind.

Simon Schmid@schmid_simon

Erst kommt das Fressen, dann die Moral: In Zeiten wankender Wirtschaftswelten und immer schwerer zu erzielender Renditen ist Anlegern offenbar nicht nach ethischen Investments zumute. Dies deuten Zahlen zur Fondslandschaft in der Schweiz von Swiss Fund Data und dem Datenprovider Lipper an, die für baz.ch/Newsnet ausgewertet wurden.

Gemäss der Statistik stagniert der Marktanteil von Nachhaltigkeitsfonds seit geraumer Zeit bei 14 Milliarden Franken. Bei den Produkten handelt es sich um Fonds, welche sich zu den PRI-Prinzipien der UNO bekennen (siehe Box links). Einst als boomendes Segment gefeiert, zogen die ethischen Anlagevehikel zuletzt kaum Neugelder an, wie die Daten zeigen. In den letzten zwölf Monaten flossen netto sogar Gelder ab.

«Die Statistik zeigt ein klares Bild», sagt Otto Christian Kober, Methodikverantwortlicher bei Lipper. Über die letzten drei Jahre ist der Marktanteil der Nachhaltigkeitsfonds von 2,14 Prozent auf 1,84 Prozent gesunken: Das ist ein beunruhigender Trend, auch aus geschäftlicher Sicht.

Werben um die Spargelder

Einige Schweizer Geldinstitute bewirtschaften das Thema intensiv. Beispielsweise die Bank Sarasin, die hierzulande mit einem Anteil 38 Prozent Marktführerin ist: Seit 20 Jahren fördert man dort den Einbezug von ethischen und sozialen Aspekten im Anlagegeschäft. Dieser Strategie will man auch nach der Übernahme und Umbenennung durch die brasilianische Safra-Gruppe treu bleiben.

Auch Geldhäuser wie Raiffeisen wollen mit Nachhaltigkeit punkten und offerieren entsprechende Produkte. Dass die Raiffeisen-Tochter Notenstein der J. Safra Sarasin jüngst ein ganzes Spezialistenteam abwarb, wirkt als Kampfansage um die Vermögensverwaltungsmandate in diesem Markt. Dieser wird unter anderem durch jene 748 Milliarden Franken gespeist, von Schweizer Depots aus in konventionellen Fonds angelegt sind (siehe Grafik).

Genur der Moralpredigten

Sind die Anstrengungen der Nachhaltigkeitsanbieter umsonst? «Der Hype ist definitiv vorbei», sagt Stefan Heitmann, der als Gründer des Beratungsunternehmens Moneypark in Zürich täglich am Puls der Anleger ist. Auch Andreas Lusser, Geschäftsführer beim Investorendienstleister The Screener, registriert Abgestumpftheit gegenüber dem Thema. Laut den Branchenexponenten stehen derzeit andere Fragen im Vordergrund: Jene nach den Kosten der Vermögensverwaltung oder jene nach der Einhaltung aller möglichen Compliance-Vorschriften im Geschäft.

Die kritische Haltung gegenüber der Finanzindustrie schlägt auch auf nachhaltige Produkte durch. In der Branche selbst will man von dieser Entwicklung freilich nichts wissen. «Tendenz steigend» heisst es bei Raiffeisen, wo die Gelder in nachhaltigen Fonds zwischen 2010 und 2012 von 27 auf 32 Prozent des institutsweiten Volumens angestiegen sind. Auch bei J. Safra Sarasin gebe es keinen solchen Trend: Die nachhaltig verwalteten Vermögen sind dort inzwischen auf 14 Milliarden Franken angestiegen.

Institutionelle kommen auf den Geschmack

Sabine Döbeli, Verantwortliche fürs Thema bei Vontobel und Vizepräsidentin der Vereinigung Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG), verweist auf die verbandseigene Statistik. Diese weist seit 2009 einen Anstieg von jährlich 13 Prozent bei den verwalteten Vermögen aus. Näheres Hinsehen zeigt, dass bei den Schweizer Anbietern zuletzt vor allem die Mandate einschenkten. «Viele Stiftungen realisieren erst jetzt, dass sie ihr Geld auch nachhaltig anlegen könnten», sagt FNG-Vertreterin Döbeli dazu.

Auf Ebene der Fonds sind allerdings auch die FNG-Daten ernüchternd. In den letzten zwei Jahren nahmen die dort ausgewiesenen Volumen gerade einmal um eine Milliarde zu. Ende 2012 wurden in einer Umfrage Gelder von 25,5 Milliarden Franken in Nachhaltigkeitsfonds registriert. Im Vergleich zu den 14 Milliarden Franken der von Swiss Fund Data und Lipper herausgegebenen Statistik werden dort die Gelder aus ausländischen Depots mitgezählt.

Gelingt der Ausbruch aus der Nische?

Nachhaltige Anlagen seien bei Raiffeisen wie bei den meisten Banken noch immer eine Nische, sagt Sprecher Franz Würth auf Anfrage. Auffällig an den Antworten der von baz.ch/Newsnet angesprochenen Institute sind die Zwischentöne: Neben viel Lob auf nachhaltiges Investment ist dort im Zusammenhang mit den Volumen öfters von «Marktschwankungen» die Rede. Einen dramatischen Markteinbruch offenbart der Blick auf die wichtigsten Börsenindizes in jüngster Vergangenheit allerdings nicht.

Wie dem Geschäftsbericht von Vontobel zu entnehmen ist, vermochte man das Volumen in den dortigen Nachhaltigkeitsfonds zwischen 2010 und 2012 bloss von 2,5 auf 2,8 Milliarden Franken zu steigern. Das ist erfreulich – aber eigentlich viel zu wenig für einen Bereich, der zu den Zugpferden einer gebeutelten Branche gehören müsste.

Was sind die tieferen Gründe dafür, dass aus Schweizer Depots nur spärlich Gelder in nachhaltigen Vehikeln landen? Lesen Sie dazu heute Nachmittag einen Nachfolgebeitrag auf baz.ch/Newsnet.

baz.ch/Newsnet

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