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«Es wird keinen Personalabbau geben»

Clariant-Chef Hariolf Kottmann über den Einstieg der saudi-arabischen Sabic und den geplatzten Huntsman-Deal.

Designierter Präsident. Clariant-Chef Hariolf Kottmann stellt sich heute in einer Woche zur Wahl.
Designierter Präsident. Clariant-Chef Hariolf Kottmann stellt sich heute in einer Woche zur Wahl.
Pino Covino

BaZ: Herr Kottmann, sind Sie der US-Investorengruppe White Tale am Ende eigentlich jetzt dankbar, nachdem Sie sich über Monate gegen den Einstieg bei Clariant gewehrt haben?

Hariolf Kottmann: Ich kann gegenüber White Tale kein Gefühl der Dankbarkeit empfinden nach dem, was dort alles passiert ist. Lassen sich alle unsere Pläne mit der saudi-arabischen Sabic umsetzen, bekommen wir aber eine bessere Lösung, als es ein Zusammenschluss mit Huntsman oder einem anderen Wettbewerber gewesen wäre.

Weshalb?

In einem Merger geben Firmen immer ein Teil ihrer Identität auf und müssen Kompromisse eingehen. Synergien gehen einher mit einem Personalabbau. Der Merger mit Huntsman hätte auch bedeutet, dass wir bestimmt ein oder zwei Jahre zusätzlich Zeit gebraucht hätten, um das entstandene Portfolio zu einer Spezialitätenfirma zu entwickeln.

Sie kennen Sabic ja seit Jahren. Warum hat sich die Zusammenarbeit erst jetzt ergeben?

Als Clariant 2011 die Südchemie gekauft hat, sind wir immer wieder in Saudiarabien gewesen, um die wichtigsten Vertreter der Industrie und der Politik kennenzulernen. Schon 2014 hatten wir mit dem damaligen Management von Sabic ein Grundverständnis erzielt, dass das Unternehmen Ankeraktionär bei Clariant sein könnte. Das ist aber aus mir unbekannten Gründen nicht realisierbar gewesen. Später haben wir dann auch konkrete Gespräche mit unserem designierten CEO Ernesto Occhiello geführt. Das Ziel war es, das Spezialitätengeschäft der Sabic mittels einer Kapitalerhöhung zu integrieren.

Warum kam es nicht dazu?

Damals hatten wir gerade den Geschäftsbereich Plastics and Coatings separiert und dem Finanzmarkt erklärt, dass das nicht mehr Kerngeschäft ist, sondern zur strategischen Währung bei einem möglichen Zukauf wird.

Die Konsequenz war der schlussendlich geplatzte Zusammenschluss mit Huntsman?

Wir hatten 2016 noch weitere Möglichkeiten, die sich aber alle zerschlugen. Huntsman war eine Möglichkeit, mit Clariant deutlich zu wachsen.

White Tale hatte den Zusammenschluss mit Huntsman scharf kritisiert. Eine Kritik, die Sie nicht gelten lassen wollten. Nun räumen Sie selbst ein, dass der Zusammenschluss Clariant stark beschäftigt hätte. Kann man sagen, dass er sie sogar blockiert hätte?

Nein, nicht blockiert. Die Arbeiten, die wir hätten leisten müssen, um aus dem neuen Unternehmen mit Huntsman ein Spezialchemieunternehmen zu entwickeln, hätten einfach mehr Zeit gebraucht, als es die geplante Zusammenarbeit mit Sabic benötigen wird. Dass wir Zeit benötigen, haben wir damals auch gesagt. Hinzu kommt: Die Kritik von White Tale war in der Öffentlichkeit immer eine andere als unter vier Augen.

«Die Kritik von White Tale war öffentlich eine andere als unter vier Augen.»

Was hat White Tale Ihnen gesagt und uns nicht?

Ein Argument in der Öffentlichkeit war, die Clariant ist zu arrogant, um White Tale drei Sitze im Verwaltungsrat zu geben. White Tale hat uns aber klipp und klar gesagt, dass sie kein Interesse an Sitzen in dem Gremium hat. Deren Haltung war: Wir wollen nicht nach Zürich fliegen und dort mit dem Verwaltungsrat der Clariant streiten. Eine Strategiebewertung der Clariant wollte White Tale entgegen öffentlicher Beteuerungen auch nicht, weil sie sonst eine Geheimhaltungserklärung hätte unterschreiben müssen. Mit so einem Dokument wäre White Tale vom Aktienhandel mit Clariant ausgeschlossen gewesen. Was wir bei Clariant lernen mussten: In so einer Situation kommen Sie als Management mit der Wahrheit nicht sehr weit.

Nun bringen Sie die Sparte Plastic and Coatings zum Teil in ein Joint Venture mit Sabic ein und verkaufen den Rest. Letztlich hatten doch die Amerikaner nicht viel anderes vorgeschlagen und eine Trennung verlangt?

Plastics and Coatings wurde 2015 zur strategischen Währung erklärt. Was wir jetzt machen, ist schon etwas Neues. Wir teilen es auf in einen Teil mit niedrigeren Margen und einen mit höherer Wertschöpfung. In Ersterem sind Teile der Plastikproduktion, der Standardteil des sogenannten Masterbatches-Geschäft, das hochinteressante Geschäft mit den Pigmenten und die medizinischen Spezialitäten. Diese drei Elemente wollen wir verkaufen.

Sie sagen hochinteressant, weil Sie schon erste Gespräche über den Verkauf der Pigmente führen?

Nein, wir führen keine Gespräche. Aber als wir 2015 angekündigt haben, dass wir diesen Bereich separat stellen, haben alle angerufen, die Interesse haben, darunter quasi jede grosse Private-Equity-Gesellschaft. Der Verkauf dauert bei den Pigmenten vielleicht ein Jahr. Der Prozess für die medizinischen Spezialitäten wird zügig ablaufen. Bei den Standard Masterbatches kann man eventuell davon ausgehen, dass wir Anlage für Anlage veräussern.

Mit Sabic schaffen Sie einen Geschäftsbereich, der mit Hochleistungsmaterialien bis 2021 vier Milliarden Umsatz erzielen soll. Sabic bringt rund zwei Drittel des heutigen Umsatzes von drei Milliarden Franken in den neuen Bereich ein. Clariant will die Mehrheit an dem Joint Venture bekommen. Was wird das den Konzern kosten?

Wir erzielen mit dem verbleibenden Geschäft aus Plastics and Coatings derzeit rund 1,1 Milliarden Franken Umsatz. Daraus und aus der Tatsache, dass wir mindestens 51 Prozent an dem Joint Venture anstreben, ergibt sich eine Ausgleichszahlung. Gleichzeitig war es auch der Wunsch von Sabic, dass sich das Kreditrating von Clariant nicht verschlechtert.

Von welchem Betrag gehen Sie aus?

Die ersten Analystenberichte sprechen von einer Zahlung zwischen einer und zwei Milliarden Franken. Die Summe entspricht dem, was wir aus dem geplanten Verkauf erlösen dürften.

Wie sieht die Zukunft dieses Joint Ventures aus? Einmal in eine Gesellschaft eingebracht, könnte das Geschäft leichter veräussert werden?

Das kommt überhaupt nicht infrage. Wir schliessen uns ja zusammen, um unser Portfolio auf ein höheres Niveau zu heben und erzeugen eine Spezialitätenperle in der Clariant. Sabic hat heute 25 Prozent Anteil am Unternehmen. Am Joint Venture wird sie anfangs 49 Prozent halten. Erklärtes Ziel ist es, dass Clariant dieses Joint Venture zu 100 Prozent übernimmt.

Ist nun das Szenario einer Vollübernahme à la Syngenta vom Tisch? Bisher sagte Sabic stets nur, die Saudis streben «derzeit» keine Vollübernahme an?

Von Anfang war unser Ziel, dass wir ein unabhängiges, an der Schweizer Börse kotiertes Unternehmen mit Sitz in der Schweiz bleiben können. Sabic hat vom ersten Tag an betont, dass sie keine Vollübernahme anstreben. Es gibt keinen Vertrag, der gegen eine Aufstockung durch Sabic spricht, aber es wird kein Angebot für eine Vollübernahme geben.

Das entscheidende Wörtchen ist «derzeit».

Natürlich können die Verantwortlichen ihre Meinung ändern. Wenn Sabic ein Übernahmeangebot für die Clariant macht und der Preis stimmt, dann sind alle Aktionäre glücklich. Wir fürchten uns nicht davor.

Von aussen kann man den Eindruck bekommen, dass Sabic de facto die Macht übernimmt. Der neue Chef ist ein Sabic-Mann?

Ernesto Occhiello wird am 15. Oktober einen Aufhebungsvertrag von Sabic erhalten und am 16. Oktober als neuer CEO und damit als Angestellter der Clariant anfangen. Natürlich wird er nicht alle Kontakte, die er im Laufe seiner Laufbahn aufgebaut hat, von heute auf morgen wegwerfen. Aber er wird Clariant so entwickeln, dass Wert für alle Aktionäre geschaffen wird.

Wird der neue CEO die Geschäftsleitung umkrempeln?

Nein, das erwarte ich nicht. Er wird auf die Leute bauen, die Clariant seit Jahren gut kennen.

Und Herr Occhiello wird in Muttenz arbeiten?

Ja, natürlich, er wird mein Büro bekommen, ich räume gerade aus. Derzeit sucht er für seinen Sohn eine internationale Schule hier.

Entspricht es noch moderner Unternehmensführung, dass Sie als langjähriger CEO nun Verwaltungsratspräsident werden? In Deutschland ist das verboten …

In der Schweiz ist das nicht so ungewöhnlich. Der andere Punkt ist, ich will nicht Verwaltungsratspräsident werden. Sondern ich bin darauf angesprochen worden, ob ich mich für die Wahl zur Verfügung stelle. Clariant hat eine funktionierende Corporate Governance, Rudolf Wehrli ist entgegen anderslautender Berichte ein sehr geschätzter Verwaltungsratspräsident. Wir hatten stets eine sehr einfache und kollegiale Arbeitsteilung, die ich im Übrigen auch schon mit Wehrlis Vorgänger Jürg Witmer hatte.

Also werden Sie das Präsidentenamt wie Herr Wehrli führen?

Ich werde das Amt wie Herr Kottmann führen.

Worin liegt der Unterschied?

Der liegt in der Persönlichkeit der beiden Präsidenten. Rudolf Wehrli ist von seiner Persönlichkeit und seiner Art zu arbeiten und Input zu liefern anders aufgestellt als ich. Das heisst aber nicht, dass ich nicht loslassen kann und meinem Nachfolger nicht allen nötigen Freiraum geben werde. Ich bin nicht der Egomane, wie er in einem Schweizer Magazin einmal beschrieben war. Und wenn die Aktionäre nicht den Wunsch geäussert hätten, würde ich das Amt nicht übernehmen. Ich sage Ihnen aber auch: Ich mache es gerne. Und hatte mir es schon seit dem Huntsman-Deal überlegt, diesen Schritt zu tun.

Sie wollen aber Ihren Verwaltungsräten übergangsweise erlauben, bis zu sechs Mandate innezuhaben. Wie ist angesichts einer solchen Arbeitsbelastung eine effektive Kontrolle möglich?

Es gibt nur einen Sabic-Vertreter, der mehr Mandate hat, als dies bei uns derzeit erlaubt ist. Und es ist der Wunsch von Sabic, dass dieser Mann, der grosse Erfahrung hat und darüber hinaus eine sehr ausgleichende Persönlichkeit ist, bei uns in den Verwaltungsrat einzieht. Ich überlasse es ihm, sein Arbeitspensum zu bewältigen. Ich verspreche Ihnen aber, dass wir die Zahl der zulässigen Mandate wieder reduzieren werden. Auch die Zahl der Verwaltungsräte soll nicht dauerhaft bei zwölf bleiben. Ich halte eine Zahl von acht bis zehn Mitgliedern für eine vernünftige Grösse. Aber gerade zu Beginn müssen wir eben Kompromisse machen.

Wie stabil ist Sabic als Partner? Möglicherweise wird das Unternehmen von der saudischen Aramco übernommen?

Kommentieren kann ich diese Vorgänge natürlich nicht. Wie in der Presse zu lesen ist, spricht Aramco mit dem saudischen Staatsfonds, ob Aramco die Anteile des Staatsfonds an Sabic übernehmen soll, um auf diese Weise dem saudischen Staat frische Mittel zukommen zu lassen.

Was wird sich bei Clariant in den kommenden drei Jahren am Standort Schweiz ändern?

Da sehe ich keine negativen Änderungen. Das Werk in Muttenz ist wettbewerbsfähig und gut unterwegs. Das Corporate Center soll so bleiben, vielleicht muss es hier und da leichte Aufstockungen geben, schliesslich kommen 2700 Mitarbeiter von Sabic zu uns. Das Projekt mit Sabic ist ein Wachstumsprojekt, kein Kostensenkungsprojekt. Es wird keinen Personalabbau geben, das sichere ich Ihnen zu.

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