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«Drei Monate voller Unsicherheit»

Der Basler Volkswirtschaftsdirektor Christoph Brutschin über den Abbau bei Novartis.

Vertraut auf den Arbeitsmarkt. Der Basler Volkswirtschaftsdirektor Christoph Brutschin (SP).
Vertraut auf den Arbeitsmarkt. Der Basler Volkswirtschaftsdirektor Christoph Brutschin (SP).
Pino Covino

BaZ: Herr Brutschin, der Stellenabbau bei Novartis hat Sie in seiner Höhe überrascht. Warum?

Christoph Brutschin: Dass ein Abbau in der Pipeline ist, war schon länger zu vermuten. Wir erhalten ja laufend Signale aus den Unternehmen. Das ist aber vergleichbar mit einem Grundrauschen, das in allen Firmen herrscht. Konkreter wurde der nun angekündigte Schritt durch öffentliche Äusserungen von Novartis-Verwaltungsratspräsident Jörg Reinhardt. Das mengenmässige Ausmass hat mich und auch die Regierung überrascht.

Sie haben mit deutlich weniger Stellen gerechnet, die bedroht sind?

Ja.

Der Regierungsrat steht in regelmässigem Austausch mit den Konzernverantwortlichen. Lässt diese Überraschung darauf schliessen, dass die Informationen nicht geflossen sind?

Wir stehen mit den Konzernverantwortlichen in einem regelmässigen Austausch, der funktioniert. Hierzu gehört auch der Vorlauf, mit dem wir über solche Massnahmen informiert werden.

Die Tonalität Ihrer Stellungnahme klang jedoch besorgter als bei früheren Einschnitten.

Das ist vielleicht eine Frage der Wahrnehmung. Der jetzt angekündigte Abbau hat aus meiner Sicht aber auch teilweise eine andere Qualität. Die 700 bedrohten Stellen in der Serviceorganisation hier in Basel werden nicht gestrichen, sondern an andere Standorte verlagert. Mit insgesamt 1800 Stellen in dieser Service-Organisation am Standort Basel ist das ein Einschnitt, der die Betroffenen, aber auch die gesamte Region empfindlich trifft. Entsprechend wird das anders aufgenommen. Hinzu kommen allein in Basel 300 weitere Stellen, die im Zusammenhang mit dem Abbau in der Produktion vor dem Aus stehen.

Ist die Verlagerung nicht ein Ausdruck der Globalisierung?

Hier vor Ort gilt: Bis Ende Jahr sollen die Mitarbeitenden wissen, wer betroffen ist. Es stehen ihnen damit drei Monate voller Anspannung und Unsicherheit bevor.

Bei Novartis kam es jüngst zu personellen Veränderungen. Nicht nur an der Spitze, sondern auch mit Blick auf die Länderverantwortung in der Schweiz. Herrscht bei Novartis die notwendige Sensibilität für ihren Hauptsitz vor?

Grundsätzlich wird dort sorgfältig gearbeitet. Der Sozialplan ist sehr gut ausgestattet, verglichen mit dem, was wir sonst beobachten. Gerade im Bereich der Vermittlung von Betroffenen stehen ernsthafte Anstrengungen dahinter. Es lässt sich daher nicht sagen, dass die notwendige Sensibilität fehlt. Sondern man versucht, den Abbau in einer Art umzusetzen, dass man den Leuten weiterhin in die Augen schauen kann.

Die Arbeitslosenkasse Basel wird nicht in Schwierigkeiten geraten?

Nein. Das grösste Problem ist in so einem Fall eigentlich ein Mangel an Zeit. Novartis vollzieht den Abbau über vier Jahre. Das ist eine andere Situation als diejenige bei Huntsman im Jahr 2011. Damals wurden Stellen im höheren dreistelligen Bereich recht kurzfristig abgebaut. Wenn man aber Zeit hat, wie auch in diesem Fall, kann man die Mitarbeitenden erstaunlich gut in eine neue Stelle vermitteln. Im 2005 hatten wir in Basel in den Life Sciences noch 13 000 Beschäftigte, 2016 waren es 19 000. Das zeigt einen Trend nach oben, und der hält an, trotz zwischenzeitlicher Reduktionen auch an anderer Stelle, etwa auch bei Roche. Viele Firmen bauen auf, etwa Bayer, Lonza und Straumann. Dennoch gilt, dass die Branche sehr unruhig ist und wegen der Patente einem ganz anderen Zyklus unterliegt.

Sie sind auch bei Roche mit Abbaumassnahmen konfrontiert?

Ja, auch Roche hat in der Vergangenheit Reorganisationen durchgeführt. Die Unternehmen achten generell auf eine tiefe Kostenbasis.

Haben wir einen Arbeitsmarkt in der Region, der in den nächsten vier Jahren 1000 oder mehr Beschäftigte aufnehmen kann?

Ja, der Arbeitsmarkt hier hat diese Qualität. Es kommt hinzu, dass gerade bei den älteren Mitarbeitern, bei welchen eine Vermittlung anspruchsvoller ist, der Sozialplan von Novartis greifen wird. Er sieht bei Arbeitnehmern ab 55 Jahren unter anderem eine Frühpensionierung ab 58 Jahren vor. Bei den Jüngeren wird der Arbeitsmarkt für viele eine Stelle bieten, wenn sich die allgemeine Situation nicht verschlechtert.

In einer ersten Reaktion auf den Abbau haben Sie gesagt, dass die Wirtschaft nicht von Naturgesetzen bestimmt sei, sondern wesentlich vom Willen der Unternehmensführung. Da steht doch eine geharnischte Kritik dahinter.

Das ist zuallererst mal die Feststellung, dass das Management nun verantworten muss, was es entschieden hat. Dies gegenüber den Mitarbeitern, den Aktionären und der Öffentlichkeit.

Der Eigner ist der Aktionär. Das Unternehmen fährt Gewinne in Milliardenhöhe ein. Wir hören keinen Vorwurf aus Ihrem Mund?

Ich bin natürlich nicht Teil des Managements von Novartis. Wenn man sieht, dass in der Firma Margen von 31 Prozent erwirtschaftet werden, ist es in der Tat schwierig zu begründen, dass dort Mitarbeiter entlassen werden sollen. Andererseits ist es eine Branche, die darauf angewiesen ist, solche Margen zu erzielen, um wieder in die Forschung investieren zu können. Das ist anspruchsvoll zu erklären, auch für die Politik. Gleichzeitig geht es aber auch darum, die zukünftige Beschäftigung zu sichern. Weniger Patente aufgrund geringerer Forschungstätigkeit würde bedeuten, dass die Margen der Pharmaunternehmen weiter und weiter sinken mit negativen Konsequenzen für das gesamte Unternehmen und die Arbeitsplätze.

Das Timing ist, politisch betrachtet, nicht optimal: Sie müssen ja in den nächsten Monaten die Stimmbürger von der Notwendigkeit der Steuervorlage 17 überzeugen.

Wir kämpfen gegen Vorurteile an, die sich hartnäckig halten. Wir haben offenbar noch zu wenig überzeugend erklärt, was diese Steuervorlage überhaupt will. Es heisst immer, sie sei ein Geschenk für die grossen Firmen. Das stimmt nicht. Heute liegt die Steuerbelastung solcher Unternehmen irgendwo zwischen neun und 13 Prozent. Künftig zahlen sie alle 13 Prozent. Es sind also nicht die Grossen, die von der Steuerreform profitieren – diese werden in der Regel etwas mehr Steuern zahlen als heute. Entlastet werden die normal organisierten Firmen, auch die kleinen und mittleren Unternehmen, die heute dem Maximalsteuersatz unterliegen. Nur für diese steht eine substanzielle Steuersenkung im Raum. Wer also Novartis für die Entlassungen gewissermassen bestrafen will, indem er die Steuervorlage 17 ablehnt, reagiert völlig falsch. Die Steuervorlage 17 sorgt einzig dafür, dass die Steuerbelastung für die in Basel ansässigen Firmen in etwa gleich bleibt.

Die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit ist aber eine andere. Die Gewerkschaft Angestellte Schweiz schreibt: «Warum soll das Schweizervolk Steuervergünstigungen zustimmen, wenn die Arbeitsplätze trotzdem verschwinden?»

Die Angestellten Schweiz haben diese Frage wohl in Unkenntnis der Sachlage gestellt. Es geht nicht darum, den Unternehmen bei den Steuern entgegenzukommen. Dank der Steuerreform 17 werden gleiche Rahmenbedingungen für alle Unternehmen geschaffen. Das Einzige, was sie bekommen, ist mehr steuerliche Rechtssicherheit.

Der Unmut geht über die steuerlichen Aspekte hinaus. Die Bevölkerung erkennt, dass die Regierung die Life-Sciences-Branche sehr pfleglich behandelt, im Kanton Basel-Stadt zum Beispiel beim Bau des Novartis-Campus, und fühlt sich vernachlässigt.

Das kann ich nachvollziehen, diesen Vorwurf habe ich auch schon gehört.

Regt Sie dieser Vorwurf auf?

Nein, nicht im Geringsten. Ich fände es im Gegenteil schlimm, wenn die Bevölkerung keine Betroffenheit zeigen würde und gleichgültig bliebe, wenn es zu Entlassungen kommt. Ich bin selber manchmal Blitzableiter für Betroffene. Es gilt bei allem Unmut sachlich zu bleiben: Nach dem Abbau wird Novartis stellenmässig dort sein, wo sie 2008 war. Mit anderen Worten: In zehn Jahren sind viele Stellen geschaffen worden. Nur wird das, im Gegensatz zu Entlassungen, nicht so prominent vermeldet.

Hat Basel mit der Life-Sciences-Industrie ein Klumpenrisiko?

36 Prozent unserer kantonalen Wirtschaftsleistung gehen aufs Konto der Life Sciences. Von Klumpenrisiko möchte ich nicht sprechen. Zürich hat mit der Finanzindustrie ein ungleich grösseres Risiko – oder Neuenburg mit seiner Uhrenindustrie. In der Ostschweiz ist die Situation mit der Maschinen- und Werkzeugindustrie ähnlich. Natürlich sind hier die Life Sciences die Lokomotive. Aber an dieser Lokomotive hängen einige Wagen, die ebenfalls sehr anständig ausgestattet sind.

An welche Branchen denken Sie?

Unsere zwei in Basel ansässigen grossen Versicherungen beschäftigen 3500 Menschen, was viel ist. Wir haben auch einen starken Logistik-Cluster. Unser Mix gleicht anderen Regionen in der Schweiz: Wir haben eine Leitindustrie, die traditionell historisch stark ist, und andere, die ebenfalls einen wichtigen Beitrag leisten.

Das Gewerbe sieht das nicht so wie Sie. Es klagt, es werde konsequent gegenüber anderen Branchen benachteiligt.

Von Benachteiligung unsererseits kann keine Rede sein. Auf dem ehemaligen Industrieareal Volta Nord beim Lysbüchel an der Grenze zu Frankreich zum Beispiel – dieses Gelände ist für das Gewerbe ein Stein des Anstosses – entsteht ein Mix aus Wohnungen und Gewerbeflächen, wo der Anteil der Gewerbefläche künftig deutlich grösser sein wird als heute.

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