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«Die blutende Wunde vernäht»

Eugen Haltiner, Präsident der Bankenkommission, erläutert, warum die Schweizer Lösung der UBS mehr hilft als die europäischen Ansätze.

Herr Haltiner, wann ist der Entscheid für das Notpaket gefallen?Die intensiven Vorbereitungen für Massnahmen im Hinblick auf verschiedene Szenarien laufen schon seit einigen Wochen. Am Sonntagabend war für uns jedoch klar, dass wir handeln mussten.

Wer hat die Sache angestossen?Die UBS selbst. Marcel Rohner und Peter Kurer haben einen Brief an die Schweizerische Nationalbank, die Eidgenössische Bankenkommission und die politischen Behörden verfasst. Darin bat die Bankleitung, die Transaktion auszulösen.

Gab es noch Alternativszenarien?Die UBS-Führung hat bis letzten Samstag auch andere Optionen verfolgt: einen Zusammenschluss, eine Veräusserung von Teilen der Bank, ein Aufbrechen des Konzerns. Durchaus normale Überlegungen in einer solchen Situation.

Übte das Ausland politischen Druck für eine Intervention aus?Nein, so viel ich weiss. Der Druck kam vom Markt.

Bei der UBS hat sich die Lage gegen Ende letzter Woche also derart verschärft, dass die Schweizer Behörden handeln mussten?Ja. Aber die Bank verfügte nach wie vor über einen komfortablen Liquiditätspuffer. Neues Geld zu beschaffen, wurde jedoch für die UBS immer schwieriger. Wir haben gehandelt, als wir merkten, dass es gefährlich werden könnte. Man ergreift besser frühzeitig die richtigen Massnahmen als zu spät.

Hätte nicht auch eine Garantieerklärung für die UBS ausgereicht, um das Vertrauen in die Bank wieder herzustellen?Die UBS verfügt über eine Bilanzsumme von 2000 Milliarden Franken. Würde man dies alles versichern, entstünden ökonomische Kosten, die überhaupt nicht zu verantworten sind.

Genau das machen aber andere Staaten.Jene Staaten, die solche Garantien angekündigt haben, krebsen bereits wieder zurück.

Wollen Sie damit andeuten, dass die verschiedenen Staatsgarantien für das Interbankengeschäft gar nichts taugen?Wenn man nachfragt, wie das gehen soll, weiss jedenfalls niemand eine Antwort. Wir sind nun mal keine Bluffer. Wenn wir etwas machen, dann muss es auch kritischen Fragen standhalten. Das ist unser Anspruch. Was sollten wir denn auf die Frage antworten, wie die Garantie konkret funktionieren soll?

Warum ist die Schweizer Lösung besser?Sie sorgt für mehr Stabilität. Die UBS ist jetzt vom Klumpfuss der problematischen Wertpapiere befreit. Damit ist die Sache vorbei: Die blutende Wunde ist operiert und vernäht. Das ist für die Stabilisierung der Bank ein wesentlich grösserer Schritt als eine Garantieerklärung, bei der letztlich niemand genau weiss, was sie deckt und wer dafür aufkommt.

Wird die Eidgenossenschaft als künftige Aktionärin der UBS auch Auflagen in bezug auf die Managergehälter machen?In den Vereinbarungen zur Zwangswandelanleihe sind entsprechende Passagen enthalten. Demnach muss die ganze Entschädigungs- und Kompensationspolitik der UBS unter der Aufsicht der Bankenkommission überprüft und neu vereinbart werden.

Die Bankenkommission hat sich ausserdem mit der Credit Suisse auf verschärfte Vorschriften für das Eigenkapital verständigt. Wie sehen die neuen Bestimmungen aus?Die Konsultationen mit den Grossbanken begannen bereits Mitte August. Was Sie kaum verwundern dürfte: Je mehr sich die Lage auf den Finanzmärkten verschlimmert hat, desto mehr haben wir mit unseren Begehren nach verschärften Vorschriften Auftrieb bekommen.

Und mit welchen Bestimmungen haben Sie sich durchgesetzt?Wir haben neue, noch grössere Sicherheitspuffer vereinbart, die über die Mindestanforderungen für das Eigenkapital hinausgehen müssen. Konkrete Zahlen wollen wir aber – entsprechend unserer bisherigen Praxis – nicht nennen.

Warum nicht?Weil wir diese Grössen flexibel und dynamisch anwenden wollen. In guten Zeiten müssen die Grossbanken den Sicherheitspuffer deutlich überschreiten, in schlechteren Zeiten kann der Puffer kurzzeitig zurückgehen. Wir handeln also antizyklisch.

Neben den verschärften Vorschriften zur risikogewichteten Eigenmittelausstattung verlangen Sie von den Grossbanken neu eine Leverage Ratio, eine ungewichtete Verschuldungsobergrenze.Wir sehen darin ein relativ einfaches Mittel, um die Vermögensbestände einer Bank mit ihrem Eigenkapital in eine gewisse Relation zu bringen. Auch hier arbeiten wir mit einer Mindest- und einer Maximalgrösse, je nach Marktlage.

Wie gross ist die Bandbreite für die Leverage Ratio?Wir haben uns an den Vorgaben in den USA orientiert, die sich zwischen 3 und 5 Prozent bewegen. Die Credit Suisse erfüllt diese Anforderung – ebenso wie die neuen risikogewichteten Eigenmittelvorschriften – nach ihrer Kapitalerhöhung bereits.

Warum geben Sie den Grossbanken dann eine Frist bis 2013, um die neuen Anforderungen zu erfüllen?Nur die Credit Suisse erfüllt diese höheren Zielwerte. Die UBS erfüllt zwar die gegenwärtigen Werte, nicht aber neuen. Sie soll die Chance bekommen, die höheren Anforderungen in den nächsten paar Jahren ebenfalls zu erreichen.

Der Bankenkommission wird vorgeworfen, bei der UBS zu spät durchgegriffen zu haben. Wie stehen Sie dazu?Da möchte ich erst ein Missverständnis ausräumen, was mir ganz wichtig ist. Die EBK hat nur die Verantwortung, die Gläubiger zu schützen – nicht aber die Aktionäre. Daran halten wir uns. Wir haben schon 2007 den Sicherheitspuffer beim Eigenkapital der Grossbanken noch einmal erhöht. Das hat dazu geführt, dass die UBS im Herbst 2007 die erste Kapitalerhöhung vornehmen musste – als Kapitalaufnahmen noch viel günstiger waren als heute. Wir haben dann im ersten Quartal 2008, als sich die Dinge weiter verschlimmerten, auf der personellen Ebene eingegriffen und auf eine zweite Kapitalerhöhung gedrängt. Die EBK kann Krisen nicht verhindern. Aber sie kann die Beaufsichtigten vor einer möglichen Krise so beeinflussen, dass sie besser positioniert sind, um in der Krise zu bestehen.

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