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«Österreichs Landwirtschaft steht besser da»

Österreich hat sich als kleines Agrarland im grossen europäischen Markt behaupten können.

Qualität sei mehr denn je gefragt, sagt der Österreicher Franz Fischler.
Qualität sei mehr denn je gefragt, sagt der Österreicher Franz Fischler.
Keystone

Der Beitritt zur Europäischen Union habe die österreichischen Bauern auf eine harte Probe gestellt, sagt Franz Fischler (61), früherer EU-Agrarkommissar und zuvor österreichischer Landwirtschaftsminister. Rückblickend könne man aber von einem Erfolg sprechen. Die baz traf Fischler an einer Tagung in Luzern.

baz: Franz Fischler, die Schweizer Bauern stehen einem Agrarfreihandel mit der EU sehr skeptisch gegenüber und sehen sich als Bauernopfer. Können Sie etwas zu Ihrer Beruhigung sagen?

Franz Fischler: Zur Beruhigung kann man sagen, dass es in einzelnen Gebieten ja schon ein Freihandelsabkommen gibt, etwa beim Käse. Da hat sich durchaus gezeigt, dass die Öffnung nicht zum Nachteil der Schweiz ausgegangen ist. Zweitens glaube ich, dass gerade in einer Zeit, wo man weltweit mit steigenden Preisen rechnen kann, das Risiko eines Freihandelsabkommens eigentlich kleiner ist. Wenn es zu einem Abschluss der WTO-Verhandlungen und zu einer generellen Öffnung der Märkte kommt, muss die Schweiz ihre Grenzen ohnehin stärker öffnen. Deshalb ist es aus meiner Sicht logisch, zu versuchen, den Markt gegenüber einem Handelspartner zu öffnen, bei dem man auch eine Chance hat, zu exportieren, statt nur mit mehr Import rechnen zu müssen.

Die Schweizer Bauern befürchten, gegenüber den billigeren EU-Importen keine Chance zu haben.

Das ist nicht so dramatisch. Entscheidend ist aber, dass man die Schweizer Bevölkerung noch stärker als bisher davon überzeugen kann, in erster Linie heimische Produkte zu konsumieren. Das war jedenfalls das Rezept, das wir in Österreich angewendet haben, als wir der EU beigetreten sind. Sie dürfen nicht vergessen: Die Strukturen der österreichischen Landwirtschaft sind schlechter als diejenigen in der Schweiz. Die Betriebe sind kleiner, die Produktion pro Arbeitskraft ist ebenfalls kleiner.

Das hat sich vermutlich geändert.

Nicht stark. Die strukturelle Entwicklung hat sich nach dem Beitritt sogar etwas verlangsamt, aber ist natürlich weitergegangen. Wesentlich interessanter war aber die Marktentwicklung. Damals, 1995, als Österreich der EU beitrat, waren die österreichischen Agrarpreise im Durchschnitt um 35 Prozent höher als in der EU. Wir mussten dann alle Märkte gleichsam über Nacht öffnen. Da hat es keine Einschleifregelungen gegeben, nichts! Und es wurde uns prophezeit, dass künftig 40 Prozent des österreichischen Konsums von Deutschland, Italien und Frankreich gedeckt werden. Nichts von alledem ist eingetreten. Die Importe haben zwar zugenommen, aber bei Weitem nicht im befürchteten Ausmass, und vor allem haben unsere Exporte über Erwarten zugenommen. So steht Österreich heute in den Agrarmärkten besser da als vor dem Beitritt. Während sich die Industrieexporte in die EU seit 1995 verdoppelt haben, haben sich die Agrarexporte verdreifacht.

Und wer waren die Verlierer?

Es gab einige kleine Bereiche, bei denen der offene Markt zu Problemen führte. Zum Beispiel beim Geflügelfleisch und bei manchen Gemüsesorten in gewissen Jahreszeiten, weil mehr spanische Produkte auf den Markt kamen. Aber sonst hat es kein grosses Problem gegeben, auch beim Getreide nicht. Eines muss man sich aber klarmachen: Der Markt wird nicht bei Getreideimporten oder -exporten entschieden. Um was es wirklich geht, sind die verarbeiteten Produkte. Da ist Qualität mehr denn je gefragt. Es gibt immer mehr Bevölkerungsschichten, die an Markenartikel interessiert sind, auch in den neuen osteuropäischen EU-Mitgliedstaaten. Diese Chance muss man ergreifen.

Wie stark musste in Österreich mit Direktzahlungen eingegriffen werden, um eine landwirtschaftliche Vielfalt zu erhalten?

Österreich hat die Möglichkeit, welche die EU an Direktzahlungen bietet, voll ausgenützt und tut dies auch weiterhin. Zusätzlich hat es in den ersten fünf Jahren nach dem Beitritt für die Bereiche, die von den Preissenkungen am stärksten betroffen waren, Übergangszahlungen gegeben.

Die europäische Landwirtschaft dürfte erneut durchgeschüttelt werden, wenn es zu einem WTO-Abkommen und einem radikalen Zollabbau kommen wird. Was wird dies für kleine Länder wie Österreich oder die Schweiz bedeuten?

Von einem neuen WTO-Abkommen wird die Schweiz wahrscheinlich wesentlich härter getroffen als Österreich. Einerseits, weil der Aussenschutz der Schweiz zurzeit noch wesentlich stärker ist, andererseits, weil auch einige schweizerische Direktzahlungen noch WTO-verträglich gemacht werden müssen. Insgesamt wird aber auch die EU-Landwirtschaft einiges an einem neuen WTO-Abkommen zu kiefeln haben. Negative Auswirkungen sehe ich besonders für die Rindfleisch- und Geflügelproduktion.

In der Schweiz befürchtet man, dass die Herkunftsdeklaration (etwa «Treibhaus, Spanien», oder «Hors sol, Frankreich») wegfallen wird, weil sie den Handel mit der EU behindern könnte. Das kommt schlecht an in der Schweiz.

Nein, das muss man nicht aufgeben. Das ist ja eine Hilfe für den Konsumenten. Warum müsste man das aufgeben? Wenn eine Kennzeichnung heute möglich ist, dann ist sie nachher auch möglich. Da sehe ich kein besonderes Problem. Nur eines darf nicht sein: Die Kennzeichnung darf nicht diskriminatorisch sein gegenüber EU-Waren. Die Schweizer Produkte müssen dann genauso angeschrieben werden, mit dem gleichen Detaillierungsgrad wie die ausländische Ware.

Aber das könnte man aushandeln.

Das kann man aushandeln.

Mit den steigenden Nahrungsmittelpreisen kommt auch in Europa wieder der Ruf nach höherer Selbstversorgung.

Es ist tatsächlich das erste Mal seit 50 Jahren, dass wir in Europa nicht mehr über Überschüsse, sondern wieder über die Sicherheit der Nahrungsmittelversorgung diskutieren. Zu meiner Amtszeit war es ja noch so, dass wir grosse Schwierigkeiten hatten, das Getreide überhaupt irgendwo in der Welt zu verkaufen. Deshalb war es richtig, die Produktion zu reduzieren. Jetzt ist eine neue Situation entstanden, und wir müssen so viel Fläche wie möglich wieder bebauen.

Lässt sich die Agrarproduktion in Europa überhaupt noch steigern?

Selbstverständlich! Man kann die stillgelegten Flächen reaktivieren, in den neuen Mitgliedstaaten liegen Tausende Hektaren brach. Die Produktionssteigerung darf aber nicht zulasten der Umwelt gehen, wir dürfen die Fehler des letzten Jahrhunderts nicht wiederholen. Wir haben aber auch eine globale Verantwortung; über 70 Prozent der gesamten Weltproduktion an Nahrungsmittel finden in den gemässigten Zonen statt. Es wäre also blanker Unsinn, die Produktion in Europa oder Amerika zu bremsen. Man muss aber gleichzeitig in den Entwicklungsländern Hilfe leisten, um die Landwirtschaft wieder anzukurbeln. Gerade in Afrika, wo sich die Landwirtschaft auch durch Mitschuld der Europäer wenig entwickelt hat. Wenn das nicht gelingt, mündet die Welt in eine Katastrophe.

Die Preise für Nahrungsmittel steigen, und damit auch das bäuerliche Einkommen: Ist die Zeit der millionenschweren Direktzahlungen abgelaufen?

Die Direktzahlungen wird es zu einem wesentlichen Teil weiterhin brauchen, um die höheren Umweltstandards und Leistungen, die man von der europäischen und Schweizer Landwirtschaft verlangt, bezahlen zu können.

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