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«Milch ist eben nicht gleich Milch»

Die Bauern müssen ihre Produkte von Massenware unterscheiden, sagt Bio-Vertreter Urs Niggli, Direktor des Forschungsinstituts für Biolandbau in Frick.

baz: Herr Niggli, wie gut ist der Schweizer Bauer für den Agrarfreihandel gerüstet?

Urs Niggli: Was die technische Ausbildung angeht, so haben die Schweizer Bauern nichts zu befürchten. In dieser Hinsicht sind sie weltweit am besten dran. Hinderlich wird das statische Weltbild sein, das sich in den fünfzig Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, in denen der Staat für die Bauern sorgte, herausgebildet hat. Die Schweizer Bauern mussten sich während Generationen kaum mit Veränderungen auseinandersetzen. Sie konnten bis vor wenigen Jahren darauf zählen, dass die Politik dafür sorgt, dass alles so bleibt, wie es ist.

Welches Selbstverständnis braucht es, um im Agrarfreihandel zu bestehen?

Die Bauern müssen sich zu Unternehmern entwickeln, die ihre Chancen auf dem Markt analysieren, Produkte lancieren und die dafür nötigen Investitionen tätigen. Die Bauern müssen lernen, das Undenkbare zu denken. Dieser Prozess ist zwar anstrengend, aber ich bin sicher, dass er heilsam ist. Die Landwirtschaft verliert ihren Sonderstatus. Wie das funktioniert, zeigt zum Beispiel der Zierpflanzenanbau, der nie der Agrarregulierung unterworfen war. Die Produzenten haben sich immer wieder was Neues einfallen lassen, um am Markt zu bestehen. Gleichzeitig müssen die Bauern fruchtbaren Boden, die biologische Vielfalt und den Erholungswert der Landschaft bewahren. Sie werden also moderne, ökologisch und sozial verantwortliche Unternehmer.

Wie können sich die Schweizer Bauern von anderen unterscheiden?

Eine der wichtigsten Möglichkeiten ist die Qualität. Nehmen wir das Beispiel der Spargeln, die zurzeit Saison haben. Walliser Spargeln sind – vorausgesetzt, die Logistik stimmt – frischer als spanische, wenn sie beim Konsumenten ankommen, weil sie weniger weit transportiert werden müssen.

Worin kann der Mehrwert eines Schweizer Rüeblis liegen? Rüebli ist doch Rüebli.

Man muss auch in der Landwirtschaft zwischen Quantitäts- und Qualitätsstrategien unterscheiden. Setzt ein Bauer auf Quantität, so ist es in der Tat so: Ein Rüebli ist ein Rüebli, und Massenprodukte können im Ausland billiger erzeugt werden. Setzt er aber auf Qualität, so hat er viele Möglichkeiten, diese zu verbessern. Er kann darauf achten, dass der Boden optimal ist, oder er kann beim Dünger Zurückhaltung üben. Beim Apfel kann er darauf achten, dass die Bäume nicht zu stark behangen sind, damit die einzelnen Früchte saftiger werden. Er erntet dann vielleicht nur ein Kilogramm pro Ast, dafür schmecken die Äpfel besser.

Glauben Sie, dass die Schweizer Konsumenten bei einer Qualitätsstrategie mitmachen und den Schweizer Produkten die Stange halten?

Ja, davon bin ich überzeugt. Das sieht man ja heute schon. Der Schweizer Konsument stellt höhere Anforderungen an die innere und die äussere Qualität der Produkte als ausländische. Das sieht man, wenn man die Gemüse-, Obst- und Fleischauslagen in der Schweiz und in Deutschland miteinander vergleicht.

Sie sind ein Vertreter des biologischen Landbaus. Ich bin erstaunt, dass Sie nicht früher auf Bio zu sprechen kommen.

Bio ist sicher eine ganz wichtige Möglichkeit, sich über die Qualität zu differenzieren. Eine Positionierung der ganzen Schweizer Landwirtschaft auf dem Niveau «Bio» wäre eine super Markenstrategie.

Welche Möglichkeiten haben die Schweizer Bauern zudem, ihre Produkte an den Mann und an die Frau zu bringen?

Die Produzenten müssen Geschichten rund um ihre Produkte erzählen, wie dies die Biolandbauern zum Beispiel mit ihrer Galerie der «Helden der Natur» tun. Da erzählt etwa ein Salatkopf, wie er von einem Igel vor einer Schnecke gerettet wird (siehe Link am Schluss). Auch regionale Produkte eignen sich sehr gut, um Welten zu kreieren. Die Region ist in der globalisierten Welt von heute für viele Menschen ein Stück Heimat. Das können sich die Schweizer Produzenten zunutze machen. Was es braucht, ist ein Marketing, das auf Differenzierung setzt. Der Bauernverband sagte früher stur: Alle Milch ist weiss. Ich sage: Milch ist nicht gleich Milch, wenn man erreicht, dass der Konsument beim Kauf bestimmte Gefühle mit dem Produkt verbindet.

Das heisst, der Bauer der Zukunft wird sich intensiv mit Marketing beschäftigen. Wird er heute in der Ausbildung genügend darauf vorbereitet?

Viel zu wenig. Marketing wird heute an den landwirtschaftlichen Schulen kaum unterrichtet. Das wird sich ändern müssen. Zudem muss der Bund in Zukunft noch mehr Geld in das landwirtschaftliche Marketing investieren. Die Österreicher sind uns in dieser Hinsicht einen Schritt voraus. Deshalb sind sie so erfolgreich.

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