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Die Zukunft macht muh

Kommt der Agrarfreihandel mit der EU, dann verändert er die Landwirtschaft – und damit die Landschaft. Wie, das erklärt der Agrarökonom Bernard Lehmann (54) der baz auf einer Zugfahrt durch das Entlebuch.

Bernard Lehmann (54), Professor für Agrarökonomie an der ETH Zürich, mit dem Zug unterwegs durchs Entlebuch. (Foto Annette Boutellier)
Bernard Lehmann (54), Professor für Agrarökonomie an der ETH Zürich, mit dem Zug unterwegs durchs Entlebuch. (Foto Annette Boutellier)

Wenn Bernard Lehmann an der ETH Zürich seine Vorlesungen hält, dann wird es schnell kompliziert. Der Professor für Agrarökonomie doziert dann über die «Wertschöpfungskette Food» und über «Ökosystemleistungen». Heute aber, an diesem sonnigen Mai-Tag, lässt Lehmann den Elfenbeinturm hinter sich. Mit Blick aus dem Zugfenster will er der baz erklären, wie sich die Landschaft verändern könnte, wenn der freie Handel mit Agrarprodukten über die Grenze hinweg Wirklichkeit wird.

Lehmann ist aus Brugg nach Bern angereist. Jetzt besteigen wir den Zug nach Luzern. Nicht die schnelle Verbindung über Olten, sondern die beschauliche, die nach Langnau im Emmental und durch das Entlebuch an den Vierwaldstättersee führt. Wir lassen die Stadt Bern und ihr Gewerbegebiet hinter uns. Und da ist sie schon, die Postkartenschweiz: hinten das Panorama der Berner Alpen, vor uns ein schmucker Bauernhof, eingebettet in saftige Wiesen. Verstreut ein paar Kirschbäume in Blust, daneben ein kleiner Acker.

Kleiner Acker kaum kostendeckend

«Diese Landschaft könnte sich mit dem Freihandel verändern», sagt Bernard Lehmann. Dann nämlich würden die Bauern das anbauen, was sich unter künftigen Bedingungen wirtschaftlich lohnt. Ein kleiner Acker ist für einen Familienbetrieb nämlich kaum kostendeckend, auch nicht eine Handvoll Obstbäume. Würde die Schweizer Landwirtschaft ohne Schutz dem rauen EU-Markt ausgesetzt, dann, sagt Lehmann, würde die pittoreske Landschaft rund um Trubschachen verschwinden. Bleiben würden vielleicht noch ein paar weidende Schafe. Diese machen nämlich wenig Arbeit und geben sich mit den anspruchslosen Gräsern einer ungedüngten Wiese zufrieden.

Und weil niemand mehr die steilen Hänge pflegt, würde die Landschaft zunehmend verwalden. Lehmann zeichnet eine düstere Vision – er glaubt aber nicht, dass sie mit dem EU-Agrarfreihandel eintritt. Das verhinderten die Direktzahlungen an die Bauern, sagt Lehmann. Diese Einkommenshilfen sind nämlich ein Instument, um die Entwicklung der Landwirtschaft und damit der Landschaft zu steuern. Ohne diese Gelder gäbe es den einzelnen Kirschbaum und den kleinen Acker schon heute nicht mehr. Halten die Schweizer aber an den Direktzahlungen fest, können sie sich auch in Zukunft die Landschaft leisten, die sie sehen wollen, ist Lehmann überzeugt. Doch welche Landschaft wollen wir sehen? Und welche Landschaft braucht das Tourismusland Schweiz? Der Zug überquert die Grenze zum Kanton Luzern. Die Landschaft ändert sich abrupt. Die Äcker verschwinden und machen grünen, saftigen Wiesen Platz. Der Kanton Luzern setzt auf Milchwirtschaft. «Ich finde das auch schön», schmunzelt Lehmann über das grüne Einerlei. Die Touristen sehen es ähnlich. Sie lieben die Berner Landschaft ebenso wie jene rund um Luzern. Und sie lieben auch das Tessin – obwohl es im Gegensatz zur übrigen Schweiz stark bewaldet ist.

Berge im Fokus

Was an der Schweiz aber am meisten gefällt, das sind die Berge. Forscher haben das herausgefunden, als sie die Fotosujets auf Schweizer Kalendern zählten: 77 Prozent zeigen die Alpen, nur 19 Prozent das Mittelland und vier Prozent den Jura (siehe Karte rechts unten). Die Gemüsebauern im Seeland wird das nicht freuen. Sie sind vom EU-Freihandel bedroht. Wenn ihre Plastiktunnel aus der Landschaft verschwinden, wird ihnen niemand nachtrauern.

Der Zug fährt an Schüpfheim vorbei. Sattgrüne Weiden soweit das Auge reicht. Anders als im Kanton Bern blüht hier kaum Löwenzahn, da die Felder stärker mit Mist und Gülle gedüngt werden. Mit diesem Gras ist die Kuh glücklich und gesund. Ein Trumpf für die Schweiz, sagt Lehmann. Denn wenn die Kuh mehr Raufutter (Gras, Heu) verzehrt als Kraftfutter (Getreide, Soja), enthält die Milch mehr Omega-3-Fettsäuren. Solche Milch gilt als gesünder. Sie lässt sich besser, teurer vermarkten. Die Schweiz werde sich in einem internationalen Marktumfeld tendenziell in Richtung Milchland bewegen, sagt Lehmann voraus. Mehr grüne Fläche also und weniger Ackermosaike.

Frischgemüse aus Holland

Der Ackerbau gerät nämlich durch billigere Importprodukte unter Druck, dann zumindest, wenn die internationalen Preise, die in jüngerer Zeit stark angestiegen sind, wieder fallen. «Würden in der Schweiz die Direktzahlungen abgebaut, würden Ackerkulturen wie die Zuckerrüben, der Raps und das Gemüse im Freianbau, wie es im Thurgau, im Seeland und am Genfersee angebaut wird, stärker zurückgehen.» Das Frischgemüse werde dann über Nacht aus Holland angeliefert werden. Der leuchtend gelbe Raps, dem wir später im Reusstal begegnen, wäre dann Vergangenheit.

In Luzern steigen wir um und fahren nun in Richtung Zürich weiter. Die Agglomeration der Stadt Luzern zieht sich bis nach Ebikon. Viele Wohnungen, daneben der markante Turm der Liftfabrik Schindler. Auf der anderen Seite entdecken wir am Hang eine Kolonie blühender Obstbäume, überspannt von einem schützenden Hagelnetz. An diesem Ort hat die Landwirtschaft wohl ausgedient, würde man denken. Lehmann glaubt das nicht: Gerade in stadtnahen Gebieten habe die Landwirtschaft künftig ihre grosse Chance. Hier könne sie ihre Produkte im Direktverkauf ab Hof an die umweltbewusste Kundschaft bringen.

Immer mehr Golfplätze

Die Bahn fährt dem Zugersee entlang. Hier begegnen wir noch einer ganz anderen Landschaft: einem Golfplatz. Der feine Rasen ist von Bäumen durchsetzt. Anderswo gehen Bauern noch einen Schritt weiter, wenn sie Golfanlagen naturnah gestalten: Beim sogenannten Swinggolf werden die Grünflächen ausserhalb der Golfsaison landwirtschaftlich genutzt, zum Beispiel als Weiden.

Findige Bauern sichern sich auf diesem Weg ihr Einkommen. Für Bernard Lehmann belegt dies, wie wirtschaftlicher Druck gute Neuerungen hervorbringen kann: «Auch solche Golfplätze integrieren sich doch sehr gut in die Landschaft.»

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