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Die Selbstversorgung rückt noch weiter weg

Kommt der Agrarfreihandel, so dürfte die Abhängigkeit der Schweiz vom Ausland zunehmen. Will die Schweiz für den Krisenfall gerüstet sein, so muss sie Vorkehrungen treffen.

Im Zweiten Weltkrieg wurde jeder Flecken (Sechseläutenplatz in Zürich) bebaut. Trotzdem war die Schweiz nur zu 59 Prozent Selbstversorgerin.
Im Zweiten Weltkrieg wurde jeder Flecken (Sechseläutenplatz in Zürich) bebaut. Trotzdem war die Schweiz nur zu 59 Prozent Selbstversorgerin.
Keystone

Die Schweizer Bauern sind schon heute nicht in der Lage, die Bevölkerung zu versorgen. Ohne Lebensmittelimporte würde der Bevölkerung massive Unterernährung drohen. Der bescheidene Selbstversorgungsgrad von heute 57 Prozent sorgt in der Schweiz indes für wenig Diskussionen, denn auf dem Weltmarkt sind für wohlhabende Käufer wie die Schweiz genügend Nahrungsmittel vorhanden. Für sie lohnt es sich sogar, Produkte günstig aus dem Ausland zu importieren, statt sie teuer selber anzubauen. Selbst in Zeiten steigender Lebensmittelpreise ist die Versorgung der Schweizer Bevölkerung deshalb garantiert.

Gefüllte Pflichtlager

Ein Krisenszenario existiert dennoch: Für den Fall, dass internationale Konflikte oder Transportprobleme die Importe behindern, lässt der Bundesrat obligatorische Pflichtlager führen. Dort werden überlebenswichtige Produkte gehortet, die in der Schweiz nicht ausreichend hergestellt werden können. Wie hoch diese Bestände sein müssen, wird alle vier Jahre neu festgelegt, so Peter Graf vom Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung. Grundsätzlich gehe man bei der Planung von einer kurzfristigen Mangellage aus – und man rechnet auch damit, dass die Importe nie abbrechen. An diesem Grundsatz werde man auch nach einem EU-Agrarfreihandel festhalten, sagt Graf. Ob Anpassungen punkto Menge oder Produkte nötig seien, werde man später entscheiden müssen. wenig wirksame schlacht. Die Zuversicht, dass die überlebenswichtigen Importe aus der EU nicht versiegen werden, ist relativ neu und den stabilen Verhältnissen in der EU zu verdanken.

Während des Zweiten Weltkriegs erlebte die Schweiz eine andere Realität: Die Vorräte schrumpften und die Importe aus den Krieg führenden Nachbarländern drohten zu versiegen. Auf Vorschlag von Friedrich Traugott Wahlen, Chefbeamter im damaligen eidgenössischen Kriegsernährungsamt, wurde deshalb 1940 ein Anbauplan lanciert, der sogenannte Plan Wahlen, der die Erinnerungen der Kriegsgeneration bis heute prägt: Waldstücke wurden gerodet, Wiesen und Gartenanlagen zu Äckern umgewandelt und auf jeder verfügbaren Rabatte Kartoffeln und Gemüse angepflanzt. Damit gelang es bis 1945, die Anbaufläche von 183 000 Hektaren auf 352 000 Hektaren auszuweiten. Das Ziel von 500 000 Hektaren wurde indes verfehlt, und von der Selbstversorgung blieb die Schweiz trotz «Anbauschlacht» weit entfernt. Der Selbstversorgungsgrad stieg zwar von 52 auf 59 Prozent, aber nur, weil gleichzeitig die durchschnittliche Kalorienmenge pro Person von 3200 auf 2200 Kalorien gesenkt wurde.

Offenen Grenzen

Gut sechzig Jahre nach Kriegsende ist die Selbstversorgung noch immer in der Verfassung festgeschrieben: «Der Bund sorgt dafür, dass die Landwirtschaft durch eine nachhaltige und auf den Markt ausgerichtete Produktion einen wesentlichen Beitrag leistet zur sicheren Versorgung der Bevölkerung. » Es herrscht zudem breiter Konsens, dass dieser Auftrag mit einem Selbstversorgungsgrad von 57 Prozent ausreichend erfüllt wird. Umstritten ist jedoch, wie stark die Selbstversorgung mit einem Freihandelsabkommen sinken wird. Werden die Grenzen zur EU geöffnet und die Schutzzölle abgebaut, geraten vorab die Gemüse- und Obstproduzenten unter Druck.

«Was bei einem völligen Wegfall des Agrarprotektionismus noch bleiben wird, sind neben einigen Grossbetrieben im Mittelland ein paar kleinere Hersteller lokaler Spezialitäten wie Appenzeller Käse oder Bündnerfleisch», warnt beispielsweise Volkswirtschaftsprofessor Mathias Binswanger von der Fachhochschule Nordwestschweiz. «Für den Rest der Bauern würden offene Grenzen das Aus bedeuten.» Das Gros der Landwirte habe nämlich kaum die Möglichkeit, sich mit ihren Produkten von der Konkurrenz abzuheben. Die Lebensmittelproduzenten und Grossverteiler wollten gleichförmige Produkte, bei denen es nicht darauf ankomme, ob sie von Bauer A oder Bauer B stammen. Entscheidend sei dann der Preis, und da könnten die Schweizer Produzenten nicht mithalten. «Von einer ?sicheren Versorgung? wäre keine Rede mehr.»

Marktöffnung als Chance

Beim Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) sieht man das anders. Die Selbstversorgung werde mit einem Freihandelsabkommen zwar leicht sinken, vielleicht um ein paar Prozentpunkte, sagt BLW-Sprecher Jürg Jordi. Es bestehe aber kein Grund, die Lage zu dramatisieren. Die Berechnungen des Bundes hätten gezeigt, dass die inländischen Produkte auch nach einer Marktöffnung durchaus Chancen hätten und nicht automatisch durch billigere ausländische Lebensmittel verdrängt würden. Denn die Konsumenten wünschten inländische Lebensmittel und seien auch bereit, dafür zu zahlen.

Wie gross oder klein die inländische Produktion in Zukunft sein wird, weiss man auch beim BLW nicht. Und Jordi räumt ein: Die Politik und Gesellschaft werden die Frage beantworten müssen, welche Landwirtschaft man in der Schweiz überhaupt noch wünsche und welche Versorgung sie sicherstellen müsse. Und vor allem: Wieviel das Ganze kosten darf. Soll die Vielfalt der Produktion nämlich wie bisher erhalten bleiben und will die Schweiz auch in Zukunft in der Lage sein, sich im Notfall selbst zu versorgen, wird der Bund mit gezielten Direktzahlungen eingreifen müssen.

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