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Die Schweizer Botschaft, eine coole Location

Schweizer Konzerne bemühen sich um die Gunst von Berliner Start-up-Unternehmen – auf Einladung des Botschafters. Doch die Umworbenen geben sich zurückhaltend.

Schauplatz des Treffens: Die Schweizer Botschaft in Berlin. Foto: Walter Bieri (Keystone)
Schauplatz des Treffens: Die Schweizer Botschaft in Berlin. Foto: Walter Bieri (Keystone)

«Coole Location.» Frank Schmiechen schaut sich anerkennend um. Holztäfer, edles Parkett, Ölgemälde. Der Blick schweift über die Terrasse in den Garten, dahinter leuchtet der Berliner Hauptbahnhof in der Abendsonne. «Echt ungewöhnlich», meint auch Manuel Gerres, Start-up-Stratege der SBB. «Jeder kennt die Schweizer Botschaft mitten im Regierungsviertel. Man sieht sie aus der S-Bahn. Aber niemand war ­jemals hier. Bis heute.»

Kreative Wilde gesucht

«Es ist bezeichnend», begrüsst Tim Guldimann, der Schweizer Botschafter, die etwa 50 bunt gemischten Gäste, «dass Leute wie wir, die Silberleuchter auf dem Flügel stehen haben (er zeigt in die Ecke neben der kleinen Bühne), die kreativen Wilden der Berliner Start-up-Szene einladen.» Das Internet hat viele Geschäftsmodelle auf den Kopf gestellt. Die kleinen Programmierstuben, die nicht selten in einfachsten Verhältnissen gegründet werden, können den grossen etablierten Konzernen gefährlich werden.

Auf Einladung von Guldimann fand deshalb letzte Woche in Berlin eine Werbeveranstaltung statt, die für alle Anwesenden eine Premiere war: Es waren nicht etwa die kleinen Start-up-Klitschen, die ihre Ideen präsentierten und um Geld buhlten. «Hier sind die grossen Unternehmen die Bittsteller», sagte Guldimann. Für ihre «Pitches», ihre Präsentationen, hatten 15 Schweizer Konzerne wie SBB und Swiss, Schweizer Post und Credit Suisse, Ringier und Tamedia (die auch den TA herausgibt), Axa Winterthur und Swiss Life drei Minuten Zeit. Schmiechen, Chefredaktor der Website Gründerszene, sorgte für einen straffen Ablauf.

Mancher Vertreter der «Corporates» trat in Turnschuhen und Jeans auf; man duzte sich teils etwas unbeholfen. Ohne Englisch kam niemand aus: Da war die Rede von «Incubators» und «Accelerators» – Kleingruppen innerhalb der grossen Unternehmen, in denen in grösstmöglicher Freiheit Neues entstehen soll. «Wir brauchen eure Ideen», hiess es. «Bringt sie zu uns, wir haben das Geld, die Infrastruktur, den Markt.»

Die etablierten Konzerne sind bemüht, neue Geschäftsfelder ausserhalb ihres Kerngeschäfts zu finden. «Die SBB wollen die gesamte Reisekette von Tür zu Tür bedienen», sagte etwa Jeannine Pilloud, SBB-Chefin Personenverkehr. «Die Frage ist: Was kann man an die Reisekette noch andocken?» Eliane Noverraz von der SRG urteilte geradezu brutal über das eigene Geschäft: «Lineares Fernsehen ist ein Auslaufmodell.» Heute kann sich jeder im Netz ein eigenes ­Programm zusammenstellen. Aber wie kann das Staatsunternehmen neue Verfahren wie Virtual Reality oder Streaming entwickeln?

Holger Spielberg von Credit Suisse träumte von einer fundamental neuen Form des digitalen Private Banking, bei dem den Kunden zahlreiche «Engagement Points» geboten und sie bis ins ­Detail betreut werden. Das könnte bis in Bereiche wie Gesundheit oder persönliche Lebensgestaltung gehen. «Wir müssen in ganz neuen Wertschöpfungs­ketten denken», meinte auch Roger Müri von Axa Winterthur. «Wir brauchen neue Geschäftsideen.»

Die Angst, zu spät zu kommen

Die Angst, den Zug der digitalen Innovation verpasst zu haben, war durchaus spürbar. «Eine gewisse Verzweiflung gibt es schon», räumte einer der Konzernvertreter im Gespräch ein. Doch Gero Graf vom Start-up Drivy (das Privat­autos als Mietwagen vermittelt) meinte, die Verzweiflung sei unbegründet. «Klar, in Europa wurde viel verschlafen», sagte er. «Aber es ist noch nicht zu spät.» Wichtig sei, dass die Konzerne trotz ihrer Grösse neue Ideen schnell umsetzen könnten. «Coole Sache, dass hier auch ein CEO höchstpersönlich auftritt, sagte Graf (damit meinte er den Tamedia-Chef Christoph Tonini). «Denn das ist immer die Frage: Wer entscheidet am Ende, ob eine Idee realisiert wird?»

Philipp Pausder vom Start-up Thermondo (das Heizungen digitalisiert) sah es ähnlich. Dass einige der Schweizer Konzerne mit Investitionssummen in Millionenhöhe locken, beeindruckte ihn nicht. «Geld ist genug da», sagte er. «Berlin ist sehr hot. Es potenziert sich hier gerade. In Europa gibt es nur zwei Orte, an denen man als Start-up etwas bewegen kann: Berlin und London. Aber es muss schnell gehen.» Doch sind die «Corporates» dazu in der Lage? Pausder ist skeptisch: «Auf die Handlungsebene zu kommen, ist für grosse Unternehmen schwierig.»

An einer Expansion in die Schweiz ist er durchaus interessiert; ebenso sein Kollege Marc Pohl von Juniqe, der junge Kunst im Netz vertreibt. Doch für wirklich ambitionierte Start-ups, die ganze Branchen umkrempeln wollen, haben die Schweizer Milliardenkonzerne einen Nachteil: Sie sind eigentlich zu klein – oder, genauer gesagt, der Schweizer Markt ist zu klein. «In Europa zählen nur Deutschland, Grossbritannien und Frankreich», sagte Graf, der früher bei Google war.

Dennoch, man kann ja mal reden mit den coolen Schweizern, wer weiss, was sich dabei ergibt. «Es kommt ziemlich guter Weisswein aus der Schweiz», meinte Schmiechen. «Das war vorher auch nicht allen klar.»

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