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Die dunkle Seite des Geschäfts mit funkelnden Steinen

Mit Blockchain-Technologie will die Diamantenbranche Zweifel an der Herkunft der Steine zerstreuen. Doch Menschenrechtsorganisationen reicht das nicht.

Neu haben auch Diamanten einen Lebenslauf: «White Fire», ein 50,55-karätiger Diamant im Wert von 10 Millionen US-Dollar. Foto: How Hwee Young (EPA)
Neu haben auch Diamanten einen Lebenslauf: «White Fire», ein 50,55-karätiger Diamant im Wert von 10 Millionen US-Dollar. Foto: How Hwee Young (EPA)

Produkte, die keinen praktischen Nutzen haben, brauchen eine gute Geschichte. Diamanten haben eigentlich die beste Geschichte, die man sich vorstellen kann: Es geht darin um einen ganz besonderen Glanz aus der Tiefe der Erde, um die Unvergänglichkeit der Momente, zu denen sie verschenkt werden. Doch diese Geschichte enthält auch ein paar düstere Kapitel, wie schon das Wort «Blutdiamant» zeigt. Wie kann der Käufer also sicher sein, dass man die richtige Geschichte verschenkt?

«Die Kunden wollen heute immer häufiger Klarheit», sagt Oliver Dünkel, der für Facet Barcelona, einen der grössten europäischen Schmuckhersteller, in Deutschland die Geschäfte führt. «Sie wollen wissen: Wo kommen mein Fleisch, mein Gemüse, meine Diamanten her?»

Jede Geschichte zählt

Die Antwort des Unternehmens auf die Frage, wie «nachhaltiger Luxus» gelingen kann, lautet: die Geschichte jedes einzelnen Diamanten erzählen. Die digitale Plattform Diamond Byway schlüsselt auf, wo der Stein herkommt, den man kaufen will, durch welche Hände er gegangen ist. Eine Art Lebenslauf des Diamanten. Nur ist das Papier, auf das Lebensläufe gedruckt werden, bekanntermassen geduldig.

Hinter Diamond Byway steckt «ultimative Blockchain-Technologie». Mit ihrer Hilfe kann man Datenbanken so programmieren, dass die in sie eingetragenen Werte sich nicht mehr manipulieren lassen. Und nicht nur Facet Barcelona sieht darin die Zukunft des Diamantenkaufs. Auch De Beers, der weltweit grösste Produzent und Händler von Diamanten, entwickelt derzeit eine Blockchain-Datenbank für seine Steine.

Bei Diamond Byway beginnt die Geschichte des Steins etwa in einer Mine in Russland oder in Afrika. Bilder des Rohdiamantenpakets und eines dazugehörigen Zertifikats sollen belegen, dass alles seine Ordnung hat. Anschliessend geht es meist nach Indien, wo elf von zwölf aller Diamanten weltweit weiterverarbeitet werden. Ein Video zeigt den Stein, der aus dem Paket ausgewählt wurde, von allen Seiten. Schliesslich mündet alles in ein Zertifikat des Gemalogical Institute of America, das die Qualität des Steins anhand verschiedener Kategorien beziffert.

«Falsche Sicherheit» werde vermittelt

Am Anfang und Ende der digitalen Reise um die Welt, die Vertrauen durch Transparenz ersetzen soll, stehen also zwei Papierstücke, denen man dann doch wieder vertrauen muss. Die Probleme liegen bei dem Zertifikat am Anfang, so sieht es die Politikwissenschaftlerin Anne Jung. Sie arbeitet für die Menschenrechtsorganisation Medico International und hat die Stadt Koidu im afrikanischen Sierra Leone besucht. Dort werden Diamanten mit Sprengungen gewonnen – mitten im Stadtgebiet: Gesteinsbrocken fliegen umher, treffen Fussgänger, die nicht schnell genug in Deckung gehen konnten, durchschlagen Dächer, danach legt sich Staub auf die Stadt und löst Atemprobleme aus.

Wenn die Regierungen selbst die Schurken sind, können die Steine international in den Handel gehen.

Für die Rohdiamanten, die so an die Erdoberfläche gelangen, kann sich das Bergbauunternehmen trotzdem das Zertifikat ausstellen lassen, mit dem die Diamond-Byway-Reise beginnt. Es bezeugt die Übereinstimmung mit dem sogenannten Kimberley-Prozess, der den Handel mit «Blutdiamanten» unterbinden soll. Ausgeschlossen werden dabei aber nur diejenigen Steine, mit denen Rebellen Kriege gegen Regierungen finanzieren. Wenn die Regierungen selbst die Schurken sind oder wenn der Diamantenabbau auf Kosten von Mensch und Natur geschieht, können die Steine international in den Handel gehen.

Das System der Zertifikate vermittle Konsumenten eine «falsche Sicherheit darüber, wo ihre Diamanten herkommen», kritisiert die Menschenrechtsorganisation Impact, die den Kimberley-Prozess 2017 aus Protest verlassen hat. Die Organisation Global Witness ist bereits 2011 ebenfalls ausgestiegen, da sich der Kimberley-Prozess «zu einem zynischen, kommerziellen Beglaubigungssystem» gewandelt habe, hinter dem sich die Industrie verstecke.

Die klassischen vier Cs stehen für Color, Clarity, Cut und Carat.

Für das Geschäft mit den Diamanten ist das ein Problem, denn seit einigen Jahren geistert die Losung eines fünften C als Qualitätsmerkmal eines Diamanten durch die Branche. Die klassischen vier Cs beziehen sich auf den Stein selbst, sie stehen für Color, Clarity, Cut und Carat, also Farbe, Klarheit, Schnitt und Karatzahl. Das fünfte C soll für Confidence, also Vertrauen, stehen.

Cs für Menschenrechte

Auch die Initiative Fair Trade in Gems and Jewelry wirbt mit fünf Cs. Bei ihr steht der letzte Buchstabe allerdings nicht für einen abstrakten Wert, sondern für Conflict free (keine Finanzierung von Kriegen), Child labour free (ohne Kinderarbeit) und Corruption free (ohne Korruption). Sie ist entstanden als Zusammenschluss von Bergbauingenieuren, Geologen und Edelsteinfachleuten, die eine faire und nachhaltige Produktionskette vorbei an der klassischen Diamantenindustrie aufbauen wollten.

Bei Fair Trade in Gems and Jewelry meldet sich der Geologe Thomas Siepelmeyer. Man könne derzeit leider keine Rohdiamanten vermitteln, seit eine Bergbaukooperative im afrikanischen Lesotho sich aufgelöst habe, sagt er. «Es gibt nach unseren Kriterien aktuell keine Quelle, die man vollständig empfehlen könnte.»

«Mir wurde klar, dass die einzige Option ein menschengemachter Diamant sein würde.»

Anna-Mieke Anderson, Unternehmerin, Philanthropin und Mutter

Vor diesem Dilemma stand auch Anna-Mieke Anderson. Die US-Amerikanerin ist nach eigenen Angaben Unternehmerin, Philanthropin und Mutter. Als sie herausfand, unter welchen Bedingungen ihr Verlobungsring vermutlich geschürft wurde, machte sie sich auf die Suche nach Steinen, die sie guten Gewissens tragen könnte – und fand keine. «Mir wurde klar, dass die einzige Option ein menschengemachter Diamant sein würde.» Ihr 2005 gegründetes Unternehmen Mia Donna ist heute einer der führenden Anbieter von Juwelenschmuck, die im Labor hergestellte Steine verarbeiten.

«Real is Rare» gegen Laborsteine

Lange Zeit waren «synthetische Diamanten» milchig-gelb und galten als ungeeignet für Juwelen. Inzwischen können nur noch Fachleute unter dem Mikroskop die Unterschiede erkennen. Und auch das Image wandelt sich, seit etwa Lady Gaga oder Penélope Cruz synthetischen Juwelenschmuck auf dem roten Teppich getragen haben. Laut Paul Zimnisky, einem renommierten Analysten des Diamantenmarkts, kam 2016 nur ein Prozent der Rohdiamanten aus einem Labor. Inzwischen seien es bereits zwei bis drei Prozent des 14-Milliarden-Dollar-Markts.

Die Branche wehrt sich, daher hat die Diamond Producers Association die Kampagne «Real is Rare» gestartet. Als Teil dieser Strategie muss man wohl auch den Einsatz von Blockchain-Technologie sehen. Jeder Stein erhält so seine ganz persönliche Lebensgeschichte, die rund um die Welt führt, bis zurück zur Mine in einem exotischen Land – das vermittelt Authentizität. Die Geschichte eines «synthetischen Diamanten» hingegen führt meist in das Gewerbegebiet einer nordamerikanischen Stadt und endet in einem Labor.

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