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Das Wettrüsten der Supermächte

China und Russland stellen die Vormachtstellung der USA infrage: Das militärische Gleichgewicht verschiebt sich zusehends nach Osten.

Die Supermächte rüsten auf: China, Russland und die USA geben immer mehr für ihre Verteidigung aus. (Bilder: Keystone/Reuters)
Die Supermächte rüsten auf: China, Russland und die USA geben immer mehr für ihre Verteidigung aus. (Bilder: Keystone/Reuters)

Es ist ein bedrohliches Bild, welches das Internationale Institut für Strategische Studien (IISS) in seinem neusten Bericht zeichnet. Das militärische Gleichgewicht in der Welt ist demnach aus den Fugen geraten. Die sicherheitspolitische Lage sei gekennzeichnet von «zunehmend unsicheren Beziehungen zwischen Staaten und einem starken militärischen Ausbau», warnt das IISS.

Überall wird aufgerüstet – besonders in Europa, wo die Welt wieder als gefährlicher Ort wahrgenommen wird. Im Zuge einer Entspannungspolitik und nicht zuletzt auch als Folge der Finanzkrise 2008 hatten viele europäische Länder ihre Militärausgaben zurückgeschraubt. Doch seit drei Jahren nehmen die Investitionen wieder zu. 2017 gab Europa 3,6 Prozent mehr für seine Verteidigung aus als im Vorjahr und war in dieser Hinsicht die am schnellsten wachsende Region der Welt.

284 Milliarden US-Dollar betrugen die Verteidigungsausgaben in Europa im vergangenen Jahr. Damit ist man wieder auf dem Stand von 2011. Die Zunahme dürfte nicht nur mit der veränderten Bedrohungswahrnehmung zu tun haben, sondern auch ein Resultat des Drucks sein, den die USA ausüben.

US-Präsident Donald Trump forderte wiederholt deutlich höhere Ausgaben von seinen europäischen Partnern und drohte mit Kürzungen. Stattdessen verdoppelten die USA 2017 ihre finanzielle Unterstützung zum Schutz Europas. Sie erhöhten erneut ihre Förderung der sogenannten European Reassurance Initiative, die als Reaktion auf die russische Annexion der Krim initiiert wurde, und stellten mehr militärisches Equipment in Europa bereit.

«Wir werden das grossartigste Militär haben, das wir je hatten, wenn ich fertig bin», sagte Trump vor ein paar Monaten und hob das US-Verteidigungsbudget um 54 Milliarden Dollar an, obwohl sein Land schon jetzt den mit Abstand grössten Militärhaushalt der Welt hat.

Über 600 Milliarden US-Dollar geben die USA für ihre Verteidigung aus. Das ist mehr, als alle anderen Nationen in den Top-10 zusammen zur Verfügung haben. Russland und vor allem China holen aber auf.

«China und Russland fordern die globale Vorherrschaft der USA und ihrer Verbündeten heraus.»

IISS-Bericht

Insbesondere Peking verfolgt sehr ehrgeizige Ziele und will seinen Anspruch als aufsteigende Grossmacht unterstreichen. Vor dem Hintergrund der Streitigkeiten im Ost- und Südchinesischen Meer rüstet China sein Militär seit Jahren kräftig auf. Der Fortschritt und die rasche Modernisierung seiner Streitkräfte wird im Bericht als «bemerkenswert» bezeichnet.

So hat das Land seit dem Jahr 2000 mehr Korvetten, Zerstörer, Fregatten und U-Boote gebaut als Japan, Südkorea und Indien zusammen. China entwickelte auch das Kampfflugzeug Chengdu J-20, eine Maschine mit Tarnkappeneigenschaften. Damit falle die Monopolstellung der USA in diesem Bereich, heisst es im Report. Bislang haben nur die Vereinigten Staaten solche Stealth-Flugzeuge im Einsatz, die mit normalem Radar nicht aufgespürt werden können.

Ausserdem verfügt China über eine neue Luft-Luft-Rakete: Die PL-15 ist eine Weiterentwicklung der infrarotgesteuerten Kurzstreckenrakete PL-10, die vor drei Jahren eingeführt wurde. Sie hat eine grössere Reichweite und zeigt, wie schnell und stark die Chinesen ihr Raketenarsenal vergrössern. Das IISS vermutet, dass in naher Zukunft weitere Modelle mit sehr grosser Reichweite hinzukommen könnten.

Hohe Geschwindigkeit bei der Entwicklung: China baut sein Raketenarsenal laufend aus. (Grafik: IISS)
Hohe Geschwindigkeit bei der Entwicklung: China baut sein Raketenarsenal laufend aus. (Grafik: IISS)

Russland wiederum bleibt gemäss dem Bericht der grösste Unsicherheitsfaktor für Staaten in Ost- und Nordeuropa. Moskau hat sein im Westen des Landes stationiertes Kriegsgerät demnach weiter aufgestockt. Wie die Annexion der Krim gezeigt hat, kann Russland direkt vom Ausbau seiner militärischen Stärke profitieren. Der Westen habe darauf immer noch keine wirksame Antwort gefunden, meint das IISS.

Derzeit tagen die Verteidigungsminister der Nato-Staaten in Brüssel. Auf dem zweitägigen Treffen geht es just um die Stärkung der Kommando- und Streitkräftestruktur als Reaktion auf die als aggressiv wahrgenommene Politik Russlands. Im Zuge der Entspannungspolitik waren die Strukturen in den vergangenen Jahrzehnten stark reduziert worden. Von den zeitweise mehreren Dutzend Hauptquartieren sind laut Nato heute nur noch sieben übrig.

«Es ist unvermeidlich, dass sich das militärische Gleichgewicht verschieben wird.»

IISS-Bericht

Der Westen werde seine militärische Stärke von einst wahrscheinlich nie mehr erreichen, steht denn auch im Bericht. Deshalb müssten die Staaten noch stärker zusammenarbeiten und auf neue Technologien setzen. Dass sich das militärische, diplomatische und ökonomische Gleichgewicht der Welt verschieben wird, ist laut dem IISS aber «unvermeidlich».

Einen Krieg zwischen Supermächten hält das Institut indes für vermeidbar. Doch alle bereiten sich systematisch auf die Möglichkeit eines solchen Konflikts vor. China, Russland und die USA sind daran, ihre nuklearen Streitkräfte zu modernisieren und auszubauen. Die im vergangenen Monat vorgestellte Verteidigungsstrategie des Pentagon bezeichnet die Möglichkeit eines Kriegs der Grossmächte als wichtigste Herausforderung für die USA.

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