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China scheint weit weg

Peking unterdrückte lange eine muslimische Minderheit: die Uiguren. Jetzt gibt es Probleme.

Szenen einer Reise: Unterwegs in der Provinz Xinjiang, wo die Polizei überall präsent ist und die Regierung in Form der Belt and Road Initiative.
Szenen einer Reise: Unterwegs in der Provinz Xinjiang, wo die Polizei überall präsent ist und die Regierung in Form der Belt and Road Initiative.
Boris Gygax
Eine beeindruckende Weite, gesäumt von Gebirgen im Norden und Süden. Xinjiang ist dreimal so gross wie Frankreich.
Eine beeindruckende Weite, gesäumt von Gebirgen im Norden und Süden. Xinjiang ist dreimal so gross wie Frankreich.
Boris Gygax
Es ist schwer vorstellbar, dass bei all den Sicherheitsmassnahmen künftig der Handel störungsfrei abgewickelt werden kann.
Es ist schwer vorstellbar, dass bei all den Sicherheitsmassnahmen künftig der Handel störungsfrei abgewickelt werden kann.
Boris Gygax
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Bereits kurz nach der Landung in Urumqi befällt mich ein unbehagliches Gefühl. Am Flughafen empfangen mich Blaulichter, Absperrungen und vermummte Polizisten mit Maschinengewehren – als sei gerade ein Terroranschlag verübt worden. Wenig später, vor dem Eingang des Hotels, der nächste Sicherheitscheck mit Metalldetektoren. Diese Prozedur wiederholt sich vor jedem Restaurant, jedem Einkaufsladen und jedem öffentlichen Platz. An jeder Kreuzung in der Stadt stehen schwer bewaffnete Polizisten. Langsam erahne ich, dass diese bedrückende Atmosphäre hier in der Provinz Xinjiang keine Ausnahmesituation ist, sondern wohl der Alltag.

Wir sind ein Team von zwei Journalisten und einer Übersetzerin. Schon bald spüren wir: Willkommen sind wir hier nicht. Die Uiguren, die zu Chinas muslimischer Minderheit gehören, wagen kaum, sich mit uns zu unterhalten. Unsicher schauen sie weg, wenn wir sie ansprechen. Polizisten beobachten uns genau. Nur am touristischen Bazar der Provinzhauptstadt kommt ein wenig Unbeschwertheit auf. Es duftet nach gegrilltem Lammfleisch, das auf der Strasse zubereitet wird. Die meisten Männer tragen Bärte, Frauen Kopftücher. Die Musik in den Restaurants und die Menschen geben uns das Gefühl, in der Türkei zu sein. China scheint weit weg.

Der Konflikt zwischen den Chinesen und den Uiguren war lange ein stummer Konflikt mit wenig internationaler Aufmerksamkeit. Seit der Angliederung an China 1949 kämpfen Separatisten für eine islamische Republik, sie fühlen sich China nicht zugehörig. Der Wunsch nach Unabhängigkeit wird mit aller Macht und Härte unterdrückt. Die Regierung förderte zudem den Ausbau des Ostens, den Wirtschaftsmotor des Landes, während der Westen unterentwickelt blieb. Viele Uiguren fühlen sich darum im Stich gelassen. Mit der Belt and Road Initiative steht Xinjiang nun plötzlich im Fokus der Aufmerksamkeit (siehe Kasten). Die Seidenstrasse soll wiederbelebt werden – sie führt mitten durch das Gebiet der Uiguren.

Die drei Teufel

Xinjiang ist dreimal so gross wie Frankreich. Eine beeindruckende Weite, gesäumt von Gebirgen im Norden und Süden. Die Seidenstrasse ist eine der wichtigsten Handelsrouten der Belt and Road Initiative. Wir folgen ihr Richtung Westen. Es ist schwer vorstellbar, dass bei all den Sicherheitsmassnahmen künftig der Handel störungsfrei abgewickelt werden kann. Alle halbe Stunde müssen wir auf der Autobahn einen Checkpoint passieren. Die Polizei hält uns immer wieder fest, was viel Zeit und Nerven kostet. Auffällig dabei: Chinesen werden durchgewinkt. Es sind die Uiguren, welche die Polizei genau kontrolliert: abtasten lassen, Schuhe ausziehen, Kofferraum öffnen.

Bald müssen wir das erste Mal tanken. Auch die Tankstelle gleicht einem Gefängnis: meterhohe Mauern, Stacheldraht, Sicherheitsschleuse. Wieder werden wir mit Metalldetektoren durchsucht, nur unser Fahrer darf schliesslich zur Zapfsäule. Ein Sicherheitsbeamter erklärt uns, dass Terroristen immer wieder Tankstellen überfallen, weil sie für Bomben und Molotowcocktails Treibstoff benötigen. Wir fahren weiter.

Unterwegs haben wir einen Interviewtermin mit einem uigurischen Teppichhändler. Von der Belt and Road Initiative erhofft er sich mehr Umsatz, ist voll des Lobes für die Pläne Pekings. Über die Unterdrückung seiner eigenen Ethnie möchte er sich nicht äussern. Er lächelt und schweigt zu diesen Fragen, befürwortet sogar die Sicherheitsvorkehrungen. Vor wenigen Jahren sei die Region noch sehr unsicher gewesen, Bombenanschläge hätten den Handel gelähmt. Die Anzahl Anschläge schwankte in den letzten Jahren stark. Knapp 1200 waren es 2009, unter 100 das Jahr darauf. In den letzten drei Jahren waren es durchschnittlich um die 400 pro Jahr, dies zeigt eine globale Terrorismusdatenbank. Verlässliche Zahlen gibt es jedoch kaum.

Bagdad ist näher als Peking

Wenig später, eine kurze Pause, etwa 300 Kilometer vor der kasachischen Grenze. Wir beobachten den Schulschluss einer Mittelschule: Ein paar Minuten vor 16 Uhr fahren sieben Kastenwagen vor und rund fünfzig Polizisten marschieren auf, um die wartenden Eltern und die Schüler, sie scheinen alle Han-Chinesen zu sein, am Ausgang abzuschirmen. Langsam gewinnen wir den Eindruck, als besetzen die Chinesen hier ihr eigenes Land.

Der Konflikt hat sich durch den Krieg im Nahen Osten verändert: Eine kleine Minderheit der uigurischen Separatisten ist in den Kampf in Syrien gezogen, nachdem der Islamische Staat sie dazu einlud und versprach, sie im Gegenzug in ihrem Kampf zu unterstützen. Seither sei es kein ethno-nationalistischer Konflikt mehr, sondern ein religiös-fundamentalistischer.

Die Pekinger Propaganda prägt im Uiguren-Konflikt den Begriff der «drei Teufel»: religiöser Extremismus, Separatismus und Terrorismus. Wie viele der zehn Millionen Uiguren – fast die Hälfte der gesamten Bevölkerung in Xinjiang – die Freiheitsbewegung effektiv unterstützen, ist schwierig abzuschätzen.

Der chinesische Staatspräsident Xi Jinping preist trotz der massiven Repression die Belt and Road Initiative als gemeinsames Projekt an, ein Projekt aller Ethnien und Menschen in China. In jeder grösseren Ortschaft in Xinjiang hängen Plakate, auf denen sich Han-Chinesen und Uiguren die Hand geben, dazu loben sie in Sprechblasen das Projekt, das «das Land einigen wird». Xi spricht im Zusammenhang mit dieser Initiative von einer «grossen Familie in harmonischer Koexistenz». Angesichts der Polizeipräsenz wirkt dies nicht nur zynisch, sondern auch deplatziert. Darauf angesprochen, sagt ein uigurischer Strassenhändler mit einem Lächeln: «Bagdad ist uns näher als Peking – nicht nur geografisch.» Es wird die kritischste Äusserung bleiben, die wir von Uiguren auf unserer Reise zu hören bekommen. Die Einschüchterung und Unterdrückung ist allgegenwärtig, niemand scheint den Mut zu haben, sich nur annähernd Luft zu verschaffen.

Kürzlich brüstete sich die chinesische Regierung, kostenlosen Unterricht für Uiguren anzubieten – auf Mandarin. Die meisten Uiguren sprechen aber nur Uigurisch, eine Turksprache. Ohne Sprachkenntnisse in Chinesisch werden sie kaum einen Job erhalten und von der Belt and Road Initiative profitieren können. Eine nette Geste der Chinesen, könnte man meinen. Was wirklich dahinter steckt, wird erst klar, wenn man die Geste zusammen mit weiteren Massnahmen der chinesischen Regierung betrachtet. Die Pässe der Uiguren wurden vor einem halben Jahr konfisziert – ihnen wurde damit die Reisefreiheit genommen. Es traten Gesetze in Kraft, die den Muslimen verbieten, ihren Kindern muslimische Namen zu geben. Männer dürfen ihren Bart nicht mehr über eine bestimmte Länge wachsen lassen. Wer jünger als achtzehn Jahre alt ist, darf nicht mehr in der Moschee beten.

Kurzum: Kulturelle und religiöse Gewohnheiten der Uiguren sind jetzt ein Verbrechen.

Nicht ganz zufällig

Die Uiguren sollen zu einer chinesischen Gesellschaft umgeformt werden. Das verstehen Xi Jinping und Peking also unter «Einigung». Wohl nicht ganz zufällig wurde vor einem Jahr Chen Quango neuer Provinzvorsteher von Xinjiang. Zuvor regierte er fünf Jahre lang in Tibet mit harter Hand. Ähnliche Sicherheits- und Überwachungsmassnahmen wendet er jetzt auch im Westen Chinas an.

An unserem vierten Reisetag greift uns in Illy, an der Grenze zu Kasachstan, kurz vor Mitternacht die Polizei in unserem Hotel auf. Sie wollen von uns wissen, ob wir Leute auf der Strasse interviewt haben. Sie drohen uns zu verhaften und auf einem Posten zu verhören. Nach einem kurzen Disput vereinbaren wir, den Ort früh morgens zu verlassen.

Ein Auto verfolgt uns tags darauf überall hin. Bei jedem Checkpoint müssen wir einer Patrouille zur nächsten Polizeistation folgen – «für weitere Abklärungen», wie uns gesagt wird. Bald realisieren wir, dass weiträumig alle über uns Bescheid wissen. Der Fahrer bittet uns, mit niemandem mehr zu sprechen. «Wir sind unter Beobachtung. Wer jetzt mit euch spricht, der wird nachher selbst Probleme mit der Polizei bekommen.»

Wir wollen niemanden gefährden. Nach knapp einer Woche in Xinjiang brechen wir unsere Reise ab.

Seit drei Jahren suchen Uiguren vermehrt in südostasiatischen Ländern Asyl. Im März 2014 meldete die Regierung von Thailand 424 illegale Einwanderungen. Seither griffen auch Malaysia und Indonesien Uiguren auf. Derzeit suchen etwa tausend von ihnen in Südostasien Asyl. Die Dunkelziffer ist gross. Die meisten hoffen, einen Flüchtlingsstatus zu erhalten, um dann in die Türkei weiterzuziehen, wo eine grosse Diaspora lebt. Für Peking sind die illegal ausgewanderten Uiguren ein gelöstes Problem.

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