Sterben Raucher billiger?

Eine These besagt, dass Raucher geringere Gesundheitskosten verursachen als Nichtraucher – weil sie früh sterben. Daran sind Zweifel angebracht.

Rauchen kommt fast alle Branchen teuer zu stehen – ausser der Tabak- und der Werbeindustrie: Bar Clouds im Prime-Tower.

Rauchen kommt fast alle Branchen teuer zu stehen – ausser der Tabak- und der Werbeindustrie: Bar Clouds im Prime-Tower.

(Bild: Tom Kawara)

Bruno Schletti@tagesanzeiger

Man hatte gut gegessen, die Stimmung war locker, und so formulierte der Kadermann eines grossen Krankenversicherers frisch von der Leber weg: «Die Raucher sind für uns kein Problem. Sie sterben früh und schnell.» Will heissen: Raucher sind besser als ihr Image. Sie sind nicht die grossen Kostenverursacher des Gesundheitswesens. Zitiert werden will der Mann mit seiner Aussage nicht. Sie scheint ihm im Rückblick etwas gar salopp formuliert.

Der Mediziner Christoph Junker leitet im Bundesamt für Statistik den Bereich Vitalstatistik und Epidemiologie. Fragen um Geburtenzahlen und Sterberaten sind sein Fachgebiet. Vor ein paar Jahren legte er in einer Studie Zahlen vor, die bestätigen, dass Raucher früher abtreten als Nichtraucher. Für das Jahr 2007 schätzte er die auf das Rauchen zurückzuführende Zahl der Todesfälle in der Schweiz auf 9201 – 6427 Männer und 2774 Frauen. Die Studie hält fest: «Ein Viertel dieser Todesfälle betrifft Personen vor dem 65. Lebensjahr.» Die Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention Schweiz schreibt auf ihrer Website: «Durchschnittlich sterben Erwachsene, die rauchen, 13 bis 14 Jahre früher als Menschen, die rauchfrei leben.» Als klassische Raucherkrankheiten gelten Herz-Kreislauf-Krankheiten, Erkrankungen der Atemwege und Lungenkrebs. Silvia Schnidrig, Sprecherin der Swica-Gesundheitsorganisation, weist allerdings darauf hin, dass es auch Leute gebe, die beispielsweise an Lungenkrebs erkranken, ohne je geraucht zu haben.

Das teure letzte Lebensjahr

Wenn Raucher früher sterben, ist über die Kosten, die sie verursachen, noch nichts gesagt. Die Sprecherin eines Krankenversicherers sagt, dass Raucher wohl höhere Behandlungskosten verursachen mögen – wegen des durchschnittlich früheren Todes aber weniger von altersbedingten Gebresten wie Demenz oder Alzheimer betroffen seien. «Per Saldo», sagt sie, «ist es also plausibel, dass Raucher, über den Lebenszyklus hinweg betrachtet, billiger sind.» Weil ihr das Thema zu heikel ist, will sie sich aber nicht mit Namen zitieren lassen.

Junker quittiert solche Überlegungen mit Sarkasmus: «Am wenigsten Gesundheitskosten verursacht ein Mensch, der mit der Pille danach verhindert wurde.» Er räumt aber ein, dass jedes weitere Lebensjahr zusätzliche Gesundheitskosten mit sich bringt. Kosten verursache in der Regel vor allem die Zeit vor dem Tod. «Auch Raucher», sagt Junker, «haben ein letztes Lebensjahr.» Es gebe im Übrigen keine Hinweise, dass Raucher im Vergleich mit Nichtrauchern weniger lang krank seien oder geringere medizinische Behandlungskosten verursachten.

Will man die Kosten, die Raucher im Vergleich zu Nichtrauchern verursachen, erfassen, kann man nicht allein auf die medizinischen Behandlungskosten abstellen. Aufenthalte in Alters- oder Pflegeheimen kosten auch Geld. Sie dürften vor allem bei den länger lebenden Nichtrauchern zu Buche schlagen. Umgekehrt verweist Junker auf «Studien, die zeigen, dass Raucher bedeutend längere Zeiten von krankheitsbedingter Arbeitsunfähigkeit haben». Das Rauchen verursache in allen Wirtschaftsbranchen höhere Produktionskosten. «Nur für die Tabak- und die Werbeindustrie ist Rauchen hoch profitabel», sagt Junker.

In der Schweiz gibt es keine aktuellen Daten zu den Kosten, die das Rauchen verursacht. Die einzige Untersuchung geht auf das Jahr 1998 zurück. Damals schätzte das «Institut de recherches économiques et régionales» der Universität Neuenburg die sozialen Kosten des Tabakkonsums in der Schweiz auf knapp 10 Milliarden Franken pro Jahr. Das entsprach 2,75 Prozent des Bruttoinlandprodukts und überstieg die volkswirtschaftlichen Kosten der Verkehrsunfälle deutlich.

Mit 1,2 Milliarden Franken fiel nur ein relativ geringer Teil als direkte Kosten an – für Ärzte, Medikamente und Spitalaufenthalte. 3,8 Milliarden waren indirekte Kosten wie Arbeitsunfähigkeit beziehungsweise Produktivitätsausfall bei vorzeitigem Tod. Zudem bezifferte die Studie mit knapp 5 Milliarden Franken die immateriellen oder intangiblen Kosten. Gemeint sind das physische und psychische Leiden der Kranken und ihrer Angehörigen. Dieser Wert wird unter anderem ermittelt, indem Leute nach dem Preis befragt werden, den sie zu zahlen bereit wären, um einen Schaden abzuwenden oder dessen Risiko zu verringern.

Mit der Ermittlung der sozialen Kosten des Tabakkonsums ist nicht geklärt, wer für diese aufkommt. Im Fall der direkten Kosten tragen die Raucher gemäss Neuenburger Studie nur 40 Prozent der von ihnen verursachten Arzt-, Arzneimittel- und Spitalkosten. Der Rest wird von Dritten – nicht rauchenden Prämienzahlern und Unternehmen – gedeckt.

Kaum mehr grosse Unterschiede

Von den indirekten Kosten des Tabakkonsums tragen die Raucher mit 75 Prozent einen grösseren Anteil. Das hat wesentlich mit den Altersrenten zu tun. Sterben sie vor Erreichen des Rentenalters, zahlen sie wohl entsprechend weniger Prämien ein. Stärker ins Gewicht fällt aber, dass AHV und Pensionskassen an die früh Verstorbenen keine oder weniger lang Rentenzahlungen leisten müssen. Die Studie folgert daraus: «Wenn die Raucher die gleiche Lebenserwartung hätten wie die übrige Bevölkerung, müssten die AHV und die Vorsorgeeinrichtungen zusätzliche Mittel finden, um die für die Raucher bestimmten Renten finanzieren zu können.» Die Studie von 1998 quantifizierte den Transfer von nicht bezahlten Rentengeldern von den Rauchern zu den Nichtrauchern auf 1,3 Milliarden Franken.

Die These, dass Raucher über den ganzen Lebenszyklus die günstigeren Risiken sind als die Nichtraucher, lässt sich kaum belegen. Christoph Junker vom Bundesamt für Statistik meint: «Dies ist eine oft gehörte Meinung, die eine etwas komplizierte Frage mit einer suggestiven Antwort erledigt.» Skeptisch gibt sich auch Paul Rhyn, Sprecher des Krankenkassenverbands Santésuisse: «Wir möchten das nicht unterschreiben.» Die Fortschritte der Medizin bewirkten, dass Raucher heute länger lebten. Deshalb würden sich Raucher und Nichtraucher in ihren Krankheitsbildern nicht mehr so stark unterscheiden wie früher.

Tages-Anzeiger

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