Einer der geheimnisvollsten Banker Europas hat sich verspekuliert

Eine ominöse Bilanzfälschung in Italien könnte Michele Faissola, Ex-Topmanager der Deutschen Bank, zum Verhängnis werden.

Bei der wundersamen Rettung von Monte dei Paschi spielte Michele Faissola eine zentrale Rolle: Bankfiliale in Siena. Foto: Alessia Pierdomenico (Getty)

Bei der wundersamen Rettung von Monte dei Paschi spielte Michele Faissola eine zentrale Rolle: Bankfiliale in Siena. Foto: Alessia Pierdomenico (Getty)

Michele Faissola gilt als einer der mächtigsten und geheimnisvollsten Banker Europas. Es gibt kaum Fotos von ihm. Bei der Deutschen Bank zählte er zur sogenannten Armee von Ex-Chef Anshu Jain. 2015 musste Faissola die Deutsche Bank zwar auf Druck der deutschen Finanzaufsicht verlassen. Seither aber berät er die ehemaligen Herrscher des Emirats Katar, die sich mit ihren Ölmilliarden an europäischen Unternehmen beteiligen – wie der Deutschen Bank.

Katars Staatsfonds ist Aktionär der Bank Credit Suisse. Den Al Thanis gehört die ­Luxemburger Bankengruppe KBL, die Ex-UBS-Manager Urs Zeltner leitet. Zeltner sollte die Kataris im Aufsichtsrat der Deutschen Bank vertreten, scheiterte aber am Widerstand der Aufsicht, da er Chef einer Konkurrenzbank ist.

Urteil zehn Jahre später

Die vielleicht ominöseste Episode im Berufsleben Michele Faissolas spielte bei dem toskanischen Institut Monte dei Paschi di Siena: Die Bank wurde 1472 gegründet, sie ist das ­älteste Kreditinstitut der Welt. In der Finanzkrise hatte sich die seinerzeit drittgrösste Bank Italiens verspekuliert und hätte staatlich gerettet werden müssen. Auf wundersame Weise aber gesundete die Bank damals wieder, nur um viele Jahre später wieder Probleme zu bekommen.

Bei dieser Rettung spielte Faissola, der damals noch in den Diensten der Deutschen Bank stand, eine zentrale Rolle – für die er nun, zehn Jahre nach der Rettung, womöglich ins Gefängnis muss. Am Freitag vergangener Woche jedenfalls verurteilte ein Gericht in Mailand ihn und zwölf andere Banker wegen Bilanzfälschung zu mehreren Jahren Gefängnis. Vier Jahre und acht Monate lautete das Urteil für Faissola, das aber noch längst nicht rechtskräftig ist.

Der Fall geht zurück auf die Jahre 2002 bis 2008, kam aber erst 2013 nach Recherchen der italienischen und deutschen Bankenaufsicht heraus und landete vor Gericht. Nach Meinung der italienischen Strafverfolger fassten 2008 Banker der Deutschen Bank, Monte dei Paschi und der Bank Nomura aus Japan einen illegalen Plan, um Verluste in Höhe von rund 370 Millionen Euro zu verschleiern.

Offenbar hatte bei der Deutschen Bank damals nur ein Mitarbeiter Bedenken wegen des Geschäfts.

Akribisch hat die Nachrichtenagentur Bloomberg nachgezeichnet, wie die Deutsche Bank damals die Verluste des Kunden Monte dei Paschi verschwinden liess. Der Clou war ein Derivategeschäft zwischen den beiden Banken, bei dem die Italiener ihre Verluste mit einem Schlag der Deutschen Bank übertragen konnten – natürlich nicht umsonst, sondern gegen Gebühren von insgesamt 60 Millionen Euro, Sicherheiten und das Versprechen, das Geld die Jahre darauf «zurückzuzahlen».

Illegale Bilanzfälschung war das, sagt nun das Gericht in Mailand. Alles ganz legal, sagen die Verteidiger der Angeklagten. Auch die Deutsche Bank nahm das Geschäft damals übrigens nicht in der Bilanz auf, weswegen der Vorgang nicht nur ein italienischer Bankenskandal ist, sondern auch einmal mehr zeigt, warum das Vertrauen der Finanzmärkte in die Deutsche Bank bis heute nicht wieder vollständig hergestellt ist.

Was wusste der Bankchef?

Offenbar hatte bei den Frankfurtern damals nur ein Mitarbeiter Bedenken wegen des Geschäfts: William Broeksmit, seinerzeit hochrangiger Mitarbeiter der Risikoabteilung. Die Transaktion berge Reputations-Risiken, liess er Faissola wissen. «Wir sollten das Geschäft Anshu vorlegen», schrieb er laut Bloomberg in einer E-Mail an Faissola. Ob das geschehen ist, konnte aber weder das Gericht noch die Finanzaufsicht erhellen. Anshu Jain sagt, er sei in das Geschäft nie eingebunden gewesen.

Heute hat Michele Faissola immer noch Einfluss. Als Vermögensberater der katarischen Herrscherfamilie Al Thani soll es zum Beispiel auf ihn zurückgehen, dass die Bank so lange am überdimensionierten Investmentbanking festhielt. Auch in der derzeitigen Bankführung ist er vernetzt: Der neue ­designierte Rechtsvorstand der Bank, Stefan Simon, der den Kataris ebenfalls nahestand, war Faissolas Rechtsbeistand im Libor-Fall, der Manipulation von Zinsen.

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