Ein Schweizer Dorf und seine zehn Milliarden Zigaretten

Vor 200 Jahren wurde der Grundstein für die Parisienne-Fabrik im jurassischen Boncourt gelegt. Heute gehört das Werk einem globalen Tabakriesen, mehr als die Hälfte der Produktion geht ins Ausland.

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Adrian Sulc@adriansulc

Einmal pro Stunde fährt der Zug von Biel aus den Jura hoch, durch Moutier, Delémont und Pruntrut bis nach Boncourt. Es ist die letzte Station vor der französischen Grenze. An der Dorfkreuzung zeigen die Wegweiser in drei verschiedene Richtungen zu den Gebäuden von British-American Tobacco.

Die Zigarettenfabrik – besser bekannt unter dem Namen der früheren Fabrikantenfamilie Burrus – ist der wichtigste Arbeitgeber in der Region. 320 Leute arbeiten für das Unternehmen. Bevor die Produktion und Verpackung vollständig automatisiert war, standen bis zu 600 Personen im Sold der Fabrik. Dass das Ausland nah ist, merkt man nicht nur daran, dass sich das Mobiltelefon automatisch mit einer französischen Antenne verbindet. 47 Prozent der Belegschaft sind Grenzgänger.Den Grundstein für die Zigarettenfabrik legte indirekt Kaiser Napoleon Bonaparte, indem er in Frankreich Anbau und Verkauf von Tabak verstaatlichte.

So zog der Tabakbauer Martin Burrus, um sein Geschäft zu retten, 1814 mit seiner Familie vom Elsass nach Boncourt. Burrus stellte selbst keine Zigarren her – Zigaretten waren noch gar nicht erfunden – sondern verkaufte getrocknete und zu Strängen gerollte Tabakblätter auf dem Markt in Pruntrut. Unter den nachfolgenden fünf Generationen wurde der Standort stetig ausgebaut, bereits 1887 wurde die Eigenmarke Parisienne lanciert, später unter anderem Marylong und Select.

Zucker und Kakao in jeder Zigarette

Die Fabrik erhält den Tabak in gepressten Würfeln, jeder 200 Kilo schwer, etwa aus Zimbabwe, den USA oder der Türkei. Insgesamt 20 Ländern liefern Tabak nach Boncourt, darunter auch die Schweiz. Der Anteil des Schweizer Tabaks ist jedoch verschwindend klein – und der hiesige, landwirtschaftlich subventionierte Tabak ist eher Füllmaterial denn Premiumprodukt.

Unabhängig von der Qualität des Tabaks wird diesem vor der Verarbeitung noch Wasser, Zucker, Kakao und Lakritze beigemischt. Später erhält der Tabak in einer grossen Trommel noch Aroma-Essenz – je nach Zigarettenmarke, die gerade produziert wird etwa Banane, Rum oder Minze.Um das Jahr 1900 stellte eine Zigarettenmaschine 300 Zigaretten pro Minute her, heute sind es bis zu 10'000 Stück pro Minute.

Unentwegt schüttet die Maschine den Tabak auf einen schnell vorbeilaufenden Papierstreifen. Dieser wird sogleich gerollt und zusammengeklebt, sodass eine Endlos-Zigarette entsteht. Diese wird dann in horrendem Tempo in Stücke geschnitten und mit einem Filter ausgestattet. Gleich anschliessend verpackt eine Maschine jeweils 20 Zigaretten in Papier und dann in eine Schachtel – 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.

Golfstaaten sind Hauptabnehmer

Trotz der Automatisation: In den Neunzigerjahren wurde der Konkurrenzdruck für das Familienunternehmen Burrus zu gross, die Familie verkaufte die Fabrik 1996 an den Rothmans-Konzern, welcher drei Jahre später mit British-American Tobacco fusionierte. Unter dem Milliardenkonzern mit Sitz in London stieg die Produktion im Werk Boncourt zuerst weiter an, weil es die Schweizer Produktion weiterer Konzernmarken übernahm – bis auf 15 Milliarden Zigaretten pro Jahr. Doch dann setzte der Sinkflug ein. Letztes Jahr liefen rund 10 Milliarden Zigaretten vom Band.

Tendenz sinkend – das sagt auch Fabrikdirektor Nicolas Wallimann.Dass er den Trend nicht umkehren kann, ist ihm bewusst. «Effizient bleiben», lautet Wallimanns Rezept. Mit anderen Worten: den Personalbestand dem Volumen anpassen. Die Entwicklungsabteilung des Werks hat zwar ein Verfahren entwickelt, wie dem Tabak Giftstoffe entzogen werden können – doch dieses benötigt noch zu grosse Mengen Strom und Wasser. Ob und wann die Technik in der Produktion zum Einsatz kommt, ist deshalb offen.

40 Prozent der Zigaretten aus Boncourt werden in der Schweiz geraucht, 60 Prozent gehen ins Ausland. Der Grossteil davon unter dem Label Dunhill in die Golfstaaten, wo das «Swiss Made» den höheren Preis rechtfertigt, wie Fabrikdirektor Wallimann erklärt. Ein weiterer Grund für den Erfolg ist laut der «NZZ», dass die Export-Zigaretten stärker – und giftiger – produziert werden dürfen als jene für den Schweizer Markt. In der EU hingegen ist selbst die Produktion solcher Zigaretten verboten. Neben den Staaten auf der arabischen Halbinsel sind auch Südafrika, Taiwan, Korea, Malaysia und Japan Abnehmer der Zigaretten aus dem jurassischen Zigarettenmekka.

Der Bund

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